Bei der Vierschanzentournee und beim Skifliegen in Oberstdorf enttäuschte Andreas Wellinger – nun soll es bei der WM in Seefeld wieder aufwärts gehen. Foto: dpa

Olympiasieger Andreas Wellinger befindet sich seit einigen Monaten im Sinkflug, Bundestrainer Werner Schuster hält bei der WM in Seefeld trotzdem zu ihm.

Seefeld - Es gibt im Leben eines Skisprung-Bundestrainers nicht nur schöne Erfolge, starke Erfahrungen, sensationelle Erlebnisse. Sondern auch schwere Entscheidungen. Eine besonders schwierige hatte Werner Schuster vor dem WM-Springen von der Großschanze an diesem Samstag (14.30 Uhr) am Bergisel in Innsbruck zu treffen: Fünf Top-Athleten gehören zu seinem Team, nur vier durfte er nominieren.

Aus der Spur flog Stephan Leyhe (27), der immerhin Dritter der Vierschanzentournee war. Schuster setzt auf Andreas Wellinger (23), der zwar Olympiasieger ist, aber auch weit entfernt von seiner Bestform. Der Bundestrainer vertraut ihm dennoch. „Er hat nicht die Ergebnisse vorzuweisen, die Stephan Leyhe vorweisen kann“, sagt Schuster, „aber er weiß, wie man Medaillen gewinnt.“

Andreas Wellinger – aus Erfahrung gut?

Ganz klar: Die Statistik spricht für den Mann aus Ruhpolding, der seit zwei Jahren in München wohnt. Er kann Großereignisse. 2017 holte er bei der WM in Lahti Doppel-Silber in den Einzelwettbewerben, dazu Gold mit dem Mixed-Team. Und 2018 wurde er überraschend Olympiasieger von der Normalschanze, zudem gab es Silber von der Großschanze und mit dem Team. Eine sensationelle Ausbeute. Aber keine Garantie für eine erfolgreiche Zukunft. Erst recht nicht in einer Sportart, in der Höhenflüge und Abstürze so nahe beieinander liegen.

Seit den Winterspielen in Pyeongchang hat sich Wellinger verändert

Der Olympiasieg hat nicht nur die Medaillenbilanz von Andreas Wellinger vergoldet. Sondern auch sein Leben ziemlich auf den Kopf gestellt. „Ich hatte ein paar Termine, aber ich bin der Gleiche geblieben“ – das ist der Standardsatz von Wellinger, wenn er gefragt wird, was sich seit den Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang für ihn verändert habe. Aber es gibt auch die Momente, in denen er anders antwortet. Reflektierter. Tiefsinniger. Nachdenklicher. Dann sagt er: „Es ist einfach extrem, was mir passiert ist. Wie groß das Interesse an mir und meiner Sportart nun ist. Ich werde anders wahrgenommen, gewisse Abläufe verändern sich. Es ist eine Herausforderung, mit dieser Situation umzugehen.“ Das kostet Energie – die, logisch, an anderer Stelle fehlt. Spürbar war dies schon im Sommer.

Andreas Wellinger trainierte zwar ganz normal, auf der Schanze aber fehlte ihm der entscheidende Impuls. Das spürte auch Werner Schuster. „Er hat sich brav vorbereitet“, erinnert sich der Bundestrainer, „aber er ist nie so richtig aufgefallen. Es macht was mit einem, dieses Olympia.“ Die Popularität wird größer. Aber eben auch der Druck.

So war es kein Wunder, dass es beim Vorspringer des deutschen Teams zu Saisonbeginn sehr schwankend lief. Überraschend war nur, dass es dabei geblieben ist. Wellinger erlebt in diesem Winter ein stetes Auf und Ab, bei den Tournee-Stationen in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen verpasste er zum Beispiel den Sprung in den zweiten Durchgang, beim Skifliegen in Oberstdorf scheiterte er sogar schon in der Qualifikation, er sammelte nur halb so viele Weltcup-Punkte wie Leyhe. Seine Leichtigkeit ist verflogen. Und trotzdem hat ihn Werner Schuster nicht fallen lassen.

Bundestrainer Schuster hofft, dass der Knoten bei Wellinger platzt

Der Bundestrainer weiß um die Verlässlichkeit von Wellinger in Stressmomenten. Er traut seinen drei anderen Startern Markus Eisenbichler, Karl Geiger und Richard Freitag bei der ersten WM-Entscheidung der Skispringer mehr zu. Schuster sagt aber auch: „Bei Andreas Wellinger laufen einige Aktivitäten, was Materialabstimmung und technische Feinheiten betrifft. Eigentlich fehlt ihm nur die Selbstverständlichkeit. Und bei ihm weiß man nie . . . !“

Klar, aus diesen Aussagen spricht vor allem die Hoffnung. Aber eben auch das Wissen, dass es im Skispringen nicht nur rasant nach unten gehen kann. Sondern ebenso schnell wieder nach oben. Ein kleiner Dreh, eine kleine Änderung, ein klein bisschen Aufwind – und schon kann sich alles drehen, das System wieder tragen. Oder um es mit Markus Eisenbichler zu sagen: „Skispringen ist verrückt.“

Andreas Wellinger hat dies schon oft genug erlebt. Bei der WM 2017. Bei den Olympischen Spielen 2018. Und vielleicht wird ja auch die WM 2019 wieder außergewöhnlich. Ausgeschlossen ist das nicht.

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