Die Goldjungs: Eric Frenzel (links) und Fabian Rießle Foto: Getty

Die deutschen Skispringer und Kombinierer dominieren die nordische Ski-WM in Seefeld. Nun rätseln alle, wie sie es immer wieder schaffen, just dann Bestleistungen zu zeigen, wenn es zählt.

Seefeld - Wohl dem, der solche Probleme hat. Als Franz Steinle, der ehemalige Chef des Oberlandesgerichtes Stuttgart, am Montagabend im Vier-Sterne-Hotel „Zum Gourmet“ vor die deutschen WM-Starter trat, fiel sein Urteil recht milde aus. Der Präsident des Deutschen Ski-Verbandes (DSV) lobte die Skispringer, Kombinierer und Langläufer für ihre Leistungen in Seefeld, mahnte aber auch: „Wir dürfen nicht nachlassen!“

Wer die Sorge hat, sich zu verschlechtern, muss vorher einiges richtig gemacht haben. So wie deutschen Athleten bei der WM. Die Kombinierer und Skispringer haben vier von vier möglichen Goldmedaillen geholt, was umso schöner ist, weil niemand diese Ausbeute erwartet hat. „Wir liegen weit über dem, was wir uns erhoffen durften“, meint DSV-Boss Steinle. Und seine Sportdirektorin Karin Orgeldinger sagt: „Der Start in die WM war grandios. Unsere Stärke ist, Vorbereitungen auf den Punkt genau hinzubekommen.“ Was die spannende Frage aufwirft, wieso dies den Deutschen vor Großereignissen immer wieder gelingt – und den anderen nicht?

Das sind die Gründe für den Erfolg in der Nordischen Kombination

Im Weltcup erlebt das erfolgsverwöhnte deutsche Team eine Saison zum Vergessen. Nur zwei Siege gab es bisher, das ist so, als würde der FC Bayern in der Bundesliga gegen den Absturz kämpfen. Vor allem auf der Schanze lief es nicht, oft ist der Rückstand nach den Springen schon so groß gewesen, dass die Rennen in der Loipe verloren waren, noch ehe sie begonnen hatten. Doch bei der WM landete Eric Frenzel, in dieser Saison der schwächste Springer unter den Weltklasse-Kombinieren, in beiden Wettbewerben die weitesten Flüge. Er ist einer der vier Doppel-Weltmeister von Seefeld, und es wäre keine Überraschung, würden die deutschen Kombinierer auch auf der Normalschanze und in der Staffel Medaillen holen. „Wir haben ein derart erfahrenes Trainer-Team, das einfach weiß, was es tut“, sagt Sportdirektorin Orgeldinger, „andere Nationen sind in der Vorbereitung vielleicht zu sehr auf die Ergebnisse fokussiert.“

So etwas lässt sich leicht sagen, wenn es bei einer WM plötzlich wieder läuft. Das weiß auch Hermann Weinbuch. Der Bundestrainer hatte zwischenzeitlich gezweifelt, ob seine Planung wieder so gut aufgehen würde wie bei der WM 2017 und Olympia 2018, als es nur deutsche Kombinations-Sieger gab. Umso erleichterter ist er nun, sein goldenes Händchen doch nicht verloren zu haben. „Bei uns im Team gibt es ein großes Vertrauen. Unter den Trainern, unter den Athleten, zwischen Trainern und Athleten“, sagt er, „wenn wir Probleme haben, reden wir darüber. Dazu kommt, dass jeder an sich glaubt. Und an den Weg, der schon oft aufgegangen ist. Überzeugung, Zuversicht, innere Sicherheit, Bodenständigkeit – das sind die Gründe für unseren Erfolg.“ Neben einer geschickten Trainingssteuerung.

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Zuletzt arbeiteten die Deutschen vor allem an ihrer Schwäche auf der Schanze, es wurde Material getestet, die Anfahrtsposition verbessert, Selbstvertrauen aufgebaut. „Wir haben bis zuletzt gehofft, dass es reichen wird“, sagt Weinbuch. Es hat gereicht, was die DSV-Verantwortlichen freut, aber nicht in maßloses Erstaunen versetzt hat. Weil sie um die Qualitäten ihres Trainer-Teams wissen. „Erfahrung zahlt sich eben aus“, sagt Orgeldinger, die an Weinbuch und seinen Kollegen aber auch noch andere Eigenschaften schätzt: „Sie feilen an jedem Detail, sind nie zufrieden, gehen extrem kritisch mit sich und ihren Athleten um. Und sie suchen ständig nach Potenzialen, um noch besser zu werden.“ Auch während der WM. Und trotzdem ist Weinbuch, was die ausstehenden Wettbewerbe angeht, eher skeptisch: „Eine Medaille werden wir noch holen. Aber ich glaube nicht, dass wir alle vier WM-Titel gewinnen. Denn um oben zu stehen, müssen wir alles richtig machen.“ Und das kann nicht mal den Deutschen immer gelingen.

Das sind die Gründe für den Erfolg im Skispringen

Etwas anders war die Ausgangsposition bei den deutschen Skispringern, die schon die ganze Saison zur Weltspitze zählen. Eine Garantie auf Erfolge aber gab es auch bei ihnen nicht. Und erst recht nicht auf einen Doppelsieg von der Großschanze durch Markus Eisenbichler und Karl Geiger oder Gold mit dem Team. Zumal unsicher war, ob der feststehende Abschied von Bundestrainer Werner Schuster am Ende der Saison die Mannschaft womöglich runterziehen würde. Nun lässt sich sagen: Das Thema hat auf die Leistung keinen Einfluss – und der Coach alles richtig gemacht. Mit der frühzeitigen Bekanntgabe, das Team zu verlassen. Und in der Vorbereitung. „Es waren sehr sensible Dinge zu verbessern, da haben wir an den richtigen Rädchen gedreht. Ich bin irrsinnig dankbar dafür, dass es so aufgeht“, sagt Schuster – und nennt das Beispiel Eisenbichler: „Er war immer so ein Alles-oder-Nichts-Springer. Ihn in Lahti aus dem Weltcup zu nehmen, hat mich geschmerzt. Aber es war gut so. Insgesamt bin ich froh, dass sich die Jungs für ihre harte Arbeit belohnen.“

Und die WM ist ja noch nicht zu Ende. Im Springen von der Normalschanze am Freitag zählen die Deutschen zu den Podestanwärtern, im Mixed-Team am Samstag sind sie der Gold-Favorit – auch wenn Schuster warnt: „Wir dürfen jetzt nicht überheblich werden.“ Treffender hätte es DSV-Präsident Steinle auch nicht sagen können.

In unserer Bildergalerie sehen Sie die Stars, die noch auf Gold in Seefeld warten.

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