Gudrun Nitsche Foto: Ralf Recklies

Porträt der Woche: Das Nikolaus-Cusanus-Haus ist für die gebürtige Badenerin seit 21 Jahren „mein Zuhause“.

Stuttgart-Birkach - Wenn Gudrun Nitsche von ihrem Mann Wolfgang erzählt, dann gerät die 89-Jährige immer wieder ins Schwärmen. Vor sechs Jahren ist er im Alter von 91 Jahren gestorben, „in einer ganz besonderen Ruhe“, sagt Gudrun Nitsche liebevoll. 15 Jahre hatte sie bis dahin mit ihrem Mann im Nikolaus-Cusanus-Haus gelebt. „Ich bin meinem Mann bis heute dankbar, dass wir damals hierher gezogen sind“, sagt die überzeugte Anthroposophin. Die im Mai 1923 in Karlsruhe Geborene Architektentochter nennt das Nikolaus-Cusanus-Haus längst „mein Zuhause“. Sie hat einen Großteil ihrer Kindheit und Jugend in Stuttgart, den größten Teil ihres Lebens aber in Esslingen verbracht. Als Mutter, Familienmensch und äußerst aktive Geschäftsfrau.

„Meine Eltern hatten Rudolf Steiner persönlich kennengelernt“, erinnert sich Gudrun Nitsch. Begeistert von dessen Lehre entschlossen sie sich, die Kinder auf eine Waldorfschule zu schicken. Da es eine solche in den 30er-Jahren in Karlsruhe noch nicht gab, zog die Familie nach Stuttgart. Die Anthroposophie hat für Gudrun Nitsche während ihres gesamten Lebens eine wichtige Rolle gespielt. Genau wie für ihren Mann der 33 Jahre lang Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer Esslingen war. Er war bis zu seinem Tod Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft, beide haben die 1919 eröffnete Walddorfschule Uhlandshöhe nach Kräften gefördert. Seine Frau ist bis heute Mitglied. Auch im anthroposophisch geprägten Nikolaus-Cusanus-Haus hat sich das Paar stets engagiert. 1992 haben sie den Förderverein mitgegründet, über den der Kauf eines Flügels finanziert wurde, seither unterstützt er kulturelle Aktivitäten. Wolfgang Nitsche gehörte zudem für zwei Perioden dem 1993 gegründeten Heimbeirat an.

Wenn die Seniorin im Mai ihren 90. Geburtstag feiert, dann wird auch wieder ein Großteil ihrer Familie dabei sein. Sechs Kinder hat sie geboren, außerdem zählt sie 28 Enkel und 18 Urenkel. Auch vier ihrer einst fünf Geschwister leben noch. Und Gudrun Nitsche versichert: „Die Familie ist mein liebstes Hobby.“ „Von 17 Uhr an habe ich jeden Tag Telefonsprechstunde“, sagt Nitsche schelmisch lächelnd und freut sich, dass sie zu allen Angehörigen ein gutes Verhältnis hat. Den Fernseher, den sie nie besessen hat, vermisst sie daher nicht. „Dafür hätte ich auch gar keine Zeit“, sagt sie. Informiert ist sie trotzdem: per Radio und Tageszeitung bleibt sie auf dem Laufenden. Auch sonst ist sie recht fit. Erst vor kurzem hat sie ihr Auto, einen Saab, abgegeben. „Der wäre nicht mehr durch den TÜV gekommen“, bedauert sie.

Sechs Kinder, 28 Enkel und 18 Urenkel

Gudrun Nitsche kümmert sich nach eigenen Worten „gerne um Biografien“. Viele Menschen in ihrem Umfeld hat sie auch durch schwierige Zeiten begleitet. „Der Mensch sollte immer im Mittelpunkt eines Lebens stehen“, sagt sie voller Bescheidenheit. Die hat sie schon von den Eltern gelernt. Gerne erinnert sich Gudrun Nitsche auch an ihre Mutter, die Kunstmalerin und „eine ganz besondere Frau war“. Als sie 1943 in der Spittlerstraße ausgebombt wurden und dabei auch die meisten der von ihrer Mutter gemalten Ölbilder verbrannt sind, habe diese den herben Verlust nicht zu schwer genommen. Aus just diesem Jahr stammt auch das Bild, das Gudrun Nitsche als 20-Jährige zeigt. „Ich finde sie hat mich gut getroffen“, sagt Nitsche lachend, als sie auf das Ölbild zeigt, das bis heute ihr Appartement schmückt.

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