Anhänger von Raila Odinga demonstrieren für eine faire Wiederholung der Präsidentschaftswahl. Foto: Dieterich

Nach dem Boykott der für 26. Oktober geplanten Neuwahlen in Kenia durch Oppositionsführer Odinga verschärft sich die politische Krise in dem ostafrikanischen Staat. Es bleibt unklar, wie es weitergeht – und wer das Land künftig regiert.

Nairobi - Ein Mann in weitem blauem Gewand und violettem Turban kniet mit einem Hirtenstab in der Hand vor einer Felswand und betet. Erst murmelt er, dann schreit er laut auf. Inbrünstig fleht er seinen Gott, Obongo na Kalaka, an, dem Volk der Luo zur Seite zu stehen, wie es vor ihm schon Zigtausende seiner Landsleute getan haben. Denn Kit Mikayi, wie die bizarre Felsformation im Westen Kenias genannt wird, ist ein heiliger Ort der Luo. Regelmäßig pflegen die Angehörigen des ostafrikanischen Volks zu den aufeinandergetürmten Granitbrocken zu pilgern, um für Frieden, Regen oder Kindersegen zu beten.

Dieses Mal handelt es sich allerdings um einen Härtefall. Die Luo befinden sich in einer historischen Krise: Sie hatten fest damit gerechnet, die Präsidentschaftswahl im August für sich und ihren Kandidaten Raila Odinga entschieden zu haben. Doch als die Wahlkommission den bisherigen Präsidenten Uhuru Kenyatta mit 54 Prozent der Stimmen zum Gewinner erklärte, sahen sie sich wieder einmal um den Sieg betrogen.

Die Wirtschaft stockt

Zwar ordnete der Höchste Gerichtshof in einer in Afrika bislang beispiellosen Entscheidung eine Wiederholung der von zahllosen Unregelmäßigkeiten getrübten Abstimmung am 26. Oktober an. Doch jetzt weigert sich die Regierung, die kompromittierte Wahlkommission zu ersetzen – die Voraussetzung des unterlegenen Oppositionschefs Odinga, an der Wiederholung der Abstimmung teilzunehmen.

In der 30 Kilometer von Kit Mikayi entfernten Provinzhauptstadt Kisumu gehen fast täglich Tausende von zornigen Jugendlichen auf die Straße, um sich Schlachten mit der Polizei zu liefern: Sie wollen Kenia „unregierbar“ machen, falls die Wahlkommission nicht abberufen und die Neuwahlen nicht aufgeschoben werden. Die Protestwelle droht den ostafrikanischen Musterstaat in den Abgrund zu stürzen. Die Wirtschaft stockt, die Touristen bleiben aus, die Bevölkerung fürchtet ein Blutbad wie nach den Wahlen vor zehn Jahren, als weit über 1200 Kenianer ums Leben kamen. Odingas National Super Alliance (Nasa) und die regierende Jubilee-Allianz unter Präsident Uhuru Kenyatta stehen sich voller Hass gegenüber.  

Kluft zwischen Kikuyu und Luo

Ihr Volk sei von den Kikuyu schon immer übers Ohr gehauen worden, sagt Dorothy Aweno Juma, einzige Frau im 20-köpfigen Ältestenrat der Luo, die ihren Gast in ihrem wenige Kilometer von Kit Mikayi entfernten Haus empfängt: „Das war während unserer gesamten gemeinsamen Geschichte nicht anders.“ Im Kampf gegen die britische Kolonialmacht hatten die Väter der beiden heutigen Rivalen – Kenias Gründungspräsident Jomo Kenyatta und Luo-König Jaramogi Oginga Odinga – noch zusammengestanden: Doch schon wenige Jahre nach der Unabhängigkeit des Landes 1963 kam es zum großen Zerwürfnis. Kenyatta ließ seinen Vizepräsidenten Odinga wegen angeblicher Illoyalität ins Gefängnis werfen und schusterte den im Zentrum des Landes lebenden Kikuyu einen Großteil der von den britischen Siedlern verlassenen Ländereien zu. Seitdem stehen sich die Kikuyu, die heute rund 6,5 Millionen der fast 50 Millionen Einwohner des Vielvölkerstaats ausmachen, und die gut vier Millionen Luo zumindest skeptisch gegenüber. Dorothy Juma muss nicht lange suchen, um die tiefe Kluft zwischen den beiden rivalisierenden Völkern zu illustrieren. Die Luo sprechen eine andere Sprache, lassen ihre Jungen nicht beschneiden und essen statt rotem Fleisch lieber Geflügel und Fisch – ein Relikt aus ihrer alten Heimat.

Abstimmung 2007 war zweifellos manipuliert

  In Bondo ist es am Morgen noch ruhig. Als er den Besucher kommen sieht, wischt der Wärter im Mausoleum schnell den Staub von dem bronzenen Löwen, der über die Gebeine des Königs wacht. Die Gedenkstätte für Jaramogi Oginga Odinga wurde mitten in dem Anwesen errichtet, das der Luo-Führer einst mit seinen vier Frauen bewohnte: Im Museum ist noch der Pyjama zu sehen, den Odinga trug, als er von den Häschern Ken­yattas verhaftet wurde. Auch sein zweitältester Sohn Raila saß unter dem Autokraten Daniel Arap Moi mehrere Jahre lang hinter ­Gittern.

Raila unterlag an den Wahlurnen nicht weniger als viermal in Folge: Zumindest die Abstimmung im Jahr 2007 war zweifellos manipuliert, die anderen sind zumindest umstritten. Der jüngste Urnengang galt weithin als die letzte Chance des 72-Jährigen.  Nach seiner Wahlniederlage brachen auch in Bondo Unruhen aus. Bei den jüngsten Zusammenstößen kamen bereits mehr als 50 Menschen ums Leben.

Keine klar definierten Territorien

Und die entscheidende Schlacht um die für den 26. Oktober terminierte Wahlwiederholung steht noch aus.   „Wir haben endgültig die Nase voll“, sagt Caroline Awuor Ogot, führendes Mitglied in Raila Odingas Orange Democratic Movement (ODM): „Wenn wir jetzt nichts unternehmen, werden wir ewig deren Sklaven bleiben.“ Nach Auffassung der Oppositionspolitikerin gibt es nur noch eine Lösung: die Abspaltung eines Kikuyu-freien Territoriums.

Wie die Grenze zwischen den beiden Teilstaaten gezogen wurde, weiß auch Caroline Ogot nicht genau zu sagen: Denn bei den Siedlungsgebieten der 44 kenianischen Ethnien handelt es sich um keine klar ­definierten Territorien. Die Wahlkreise, in denen Jubilee die Mehrheit erhielt, wurden der Zentralkenianischen Republik zugeschlagen, die Nasa-Hochburgen kamen zur Volksrepublik. Dass die Kikuyu-Republik nicht einmal einen Zugang zum Meer haben würde, muss die Luo-Politikerin nicht scheren. Schon eher die Tatsache, dass die multikulturelle Metropole Nairobi verloren ginge: Dort leben fast eine Million Luo.   Trotzdem ist auch Dorothy Juma überzeugt davon, dass der Teilungsplan die beste und einfachste Lösung des sich zunehmend verschärfenden Konflikts ist. Der zuständigen Stelle in Nairobi sei bereits ein Antrag auf einen Volksentscheid zugeleitet worden, sagt das Ältestenratsmitglied.

Luo in ihrer Geschichte sträflich vernachlässigt

Anyang Nyong’o hält von den Plänen seiner Landsleute nichts. Der Nasa-Politiker führt derzeit ein Doppelleben: Morgens begleitet er die Demonstranten bei ihren Protestzügen durch Kisumus Straßen, am Nachmittag sitzt er frisch geduscht in seinem Büro in einem am Stadtrand gelegenen Hochhaus, um seinen Pflichten als Gouverneur der Region nachzugehen. Der Politologie-Professor und Vater der Oscar-Preisträgerin Lupita Nyong’o hält die ethnischen Träume seiner Landsleute für „halbintellektuellen Unsinn“: Solche Konzepte hätten in Südafrika zur Apartheid und in anderen afrikanischen Staaten zum Völkermord geführt. Allerdings besteht auch für den 72-jährigen Gouverneur kein Zweifel daran, dass die Luo in ihrer Geschichte sträflich vernachlässigt wurden. „Und wer glaubt, dass Nationen für immer bestehen, der irrt sich.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: