Gestatten: 32-01, Mitarbeiter im Simulationszentrum Vaihingen/Enz. Weitere Bilder in unserer Bildergalerie. Foto: factum/Granville

Im neu eröffneten Simulationszentrum der Kliniken-Holding können Ärzte und Klinik-Personal Notfälle an Puppen üben, die sprechen, atmen und bluten können.

Vaihingen/Enz - Dem Patienten geht es gar nicht gut. Er wird künstlich beatmet, an seinem ganzen Körper hängen Schläuche, Krankenhaus-Apparate der Intensivstation piepsen um ihn herum – und jetzt schart sich auch noch eine Horde Journalisten um ihn. „Wir nennen ihn 32-01, das ist unser High-End-Simulator“, sagt Martin Schneider, der technische Leiter des neuen Simulationszentrums der Regionalen Kliniken-Holding (RKH) in Vaihingen/Enz den neugierigen Gästen. 32-01 kann atmen, sprechen, bluten, er hat einen Blutdruck, einen Herzschlag und wenn er zu wenig Sauerstoff bekommt, läuft er blau an. Trotzdem ist er nur eine Puppe.

Wahrscheinlich eine der teuersten Puppen der Welt: Zwischen 5000 und 90 000 Euro kosten die im Fachjargon „Simulatoren“ genannten Geräte. An ihnen sollen Ärzte und anderes Klinik-Personal künftig Notfälle erproben und so wichtige Praxiserfahrung sammeln können. Vorbild ist die Luftfahrt mit ihren Simulatoren: „Einen Absturz können sie nicht üben“, sagt Stefan Weiß, der Leiter des Zentrums. Ebenso verhalte es sich mit Notfällen bei Patienten. „Wenn Sie als junger Assistenzarzt ihren ersten Zwischenfall haben, dann sind Sie erst mal nervös“, sagt er. Und selbst wenn der Arzt handwerklich alles richtig macht, kann es in der Kommunikation mit dem Team hapern und zu Missverständnissen kommen. Solche Mängel bei den so genannten „Soft Skills“, wozu auch der Umgang mit Stress zählt, seien mit 70 Prozent die häufigste Quelle von Fehlern bei der Notfallversorgung.

Eine schwangere Puppe bringt eine Baby-Puppe zur Welt

Einen Tag nach der offiziellen Eröffnung des Zentrums, das nach RKH-Angaben zu den größten und modernsten in Deutschland gehört, zeigt Weiß der versammelten Presse nun, was seine Simulatoren alles können. Zuerst nennt er aber einige Zahlen zum Zentrum: 750 Quadratmeter Fläche, acht Simulationsräume, 28 Kameras und zwei Millionen Euro Kosten.

Ein weiteres Beispiel für das Potential der Simulatoren: In einem der Räume steht ein Original-Rettungswagen, darin befindet sich eine weibliche Puppe, die schwanger ist. Die Ärzte müssen auf diesem engen Raum eine Entbindung üben. In der großen Puppe steckt also noch eine Baby-Puppe – mit den gleichen simulierbaren Vitalfunktionen wie die Mama-Puppe.

Jeder Teilnehmer kann hier an seine Grenzen gebracht werden

Die Simulatoren in jedem Übungsraum sind über WLAN mit einem Steuerungsraum verbunden. Darin sitzen ein Trainer, der das Szenario steuert, und ein „Operator“, der die Vitalfunktionen der Puppe steuert und sie über ein Mikro auch sprechen lassen kann. Je nachdem, wie sehr der Trainer die Jung-Ärzte auf die Probe stellen will, kann er ihr Herzrhythmus-Störungen, einen Herzinfarkt oder eine angeschwollene Zunge verpassen. „Man kann hier jeden an seine Grenzen bringen“, sagt Schneider. Teilnehmer solcher Simulationstrainings würden den Raum oft schweißgebadet verlassen. Was wahrscheinlich auch für jenen Raum gilt, in dem man fast nichts sieht und hört: Er ist dunkel, Blaulicht blitzt, über Lautsprecher hört man Autos und LKW vorbeidonnern: Hier soll man die Versorgung eines Unfallopfers auf dem Autobahn-Standstreifen üben.

Eine Reminiszenz an das geschlossene Krankenhaus gibt es auch: die Übungsräume der Intensiv-Station wurden kaum verändert, im Gang hängen noch die selben braunen Fliesen und das klobige Siemens-Telefon an der Wand. Die Umwandlung zur Tagesklinik im Jahr 2015 war heftig kritisiert worden.

An diesem Tag gibt es nur einen Kritikpunkt: Die Journalisten sollen die Simulatoren nicht Puppen nennen, sagt Schneider. „Bei uns im Team kostet das fünf Euro für die Kaffeekasse.“

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