Ein Junge aus Syrien spielt in einem Park nahe eines Flüchtlingslagers in Istanbul. Das Foto stammt aus dem Jahr 2013. Foto: dpa

Mehr als 3,5 Millionen Syrer leben mittlerweile in der Türkei – viele von ihnen in Istanbul. Nun sollen alle, die dort nicht registriert sind, verschwinden. Für Rana und ihre Familie geht die Odyssee damit weiter.

Istanbul - Manchmal kommen Rana die Tränen, doch dann reißt sie sich rasch wieder zusammen. Sie muss stark bleiben und weiter fliehen, damit ihre Kinder leben können. Zum zehnten Mal packt die 40-Jährige die Habseligkeiten ihrer Familie, die auf der Flucht immer weniger geworden sind. Das Haus bei Damaskus, das Auto, ihre Arbeit als Psychologin, die Restaurantkette ihres Mannes in Syrien – das alles ist längst verloren.

Aber sie sind am Leben: sie selbst und ihr Mann, die beiden Söhne von 22 und 23 Jahren und die Töchter, die fünf und zehn Jahre alt sind. Nur ein paar Möbel besitzen sie, die sie in Istanbul von geliehenem Geld gekauft und mit den Hungerlöhnen ihrer Hilfsjobs abgestottert haben. Nun geht es darum, wie sie die nach Bursa bekommen sollen – eine westtürkische Stadt, in die sie auf Befehl des Gouverneursamts von Istanbul an diesem Dienstag umsiedeln sollen.

Wer nicht registriert ist, soll verschwinden

Eine amtliche Aufforderung haben sie nicht bekommen, erzählt Rana. Nur aus den sozialen Medien weiß sie von dem Dekret des Gouverneurs: Bis zum 20. August sollen alle syrischen Flüchtlinge, die nicht in Istanbul registriert sind, aus der Stadt verschwinden. Die Behörden reagieren damit auf den wachsenden Unmut der Türken über die Anwesenheit von 3,6 Millionen Syrern im Land – allein in Istanbul leben mehr als eine halbe Million syrische Flüchtlinge. Die Syrer in Istanbul leben in Angst. Kaum ein Flüchtling will über seine Lage offen sprechen. Auch Rana will ihren wahren Namen nicht genannt wissen.

Offiziell sollen die Syrer nur in die türkischen Provinzstädte geschickt werden, in denen sie bei ihrer Ankunft registriert wurden, oder in ein Flüchtlingslager. Aber Rana und ihre Familie haben Angst, dass es dabei nicht bleiben wird. Mehrere Freunde ihrer Söhne seien nach Syrien deportiert worden, erzählt sie: in Istanbul auf der Straße von der Polizei geschnappt, gefesselt und in einen Bus gesetzt, der erst im syrischen Idlib wieder hielt.

Anfangs fühlte sich die Familie in Istanbul sicher

Rana will es nicht darauf ankommen lassen, denn das würde ihre Söhne in Lebensgefahr bringen: Die Kämpfer der früheren Al-Nusra-Front, die in Idlib herrscht, überprüfen alle jungen Männer, die sie aufgreifen – und sperren sie ein, wenn sie aus der falschen Gegend stammen. So wie Ranas Söhne: Die Familie kommt aus dem Bezirk Goutha bei Damaskus, wo eine Rebellengruppe herrschte. Ranas Söhne hatten zwar nichts damit zu tun, würden aber von den Al-Nusra-Kämpfern verhaftet, wenn sie ihnen zwischen die Finger kämen – davon sind die Eltern überzeugt.

Genau davor war die Familie in die Türkei geflohen, wo sie sich bei ihrer Ankunft vor einem Jahr in Sicherheit wähnte. Fünf Jahre unter Belagerung hatten sie da hinter sich: als zivile Geiseln eingekesselt in ihrer Heimatstadt, während die Truppen des Assad-Regimes die Rebellen aushungerten. Strom gab es nicht, erzählt Rana vom Leben unter der Belagerung, und kaum Lebensmittel. Per Tauschhandel konnte sie Gemüse von Bauern erwerben; sie fütterte ihre Kinder mit rohem Blumenkohl durch.

Leben wie in einem Viehstall

Als die Belagerung von Goutha im vergangenen Frühjahr endete, wurde die Zivilbevölkerung nach Nordsyrien deportiert. „Nicht besser als ein Viehstall“ war die Unterkunft, die ihnen dort zugewiesen wurde, erzählt Rana. Sie war dankbar für die Decken, die eine Hilfsorganisation ihnen schenkte. Einen Monat hielten sie es dort aus, dann schlichen sie über die Grenze in die Türkei und schlugen sich nach Istanbul durch – der logische Anlaufpunkt für eine Familie, die nichts besitzt und die Landessprache nicht versteht.

Hunderttausende Syrer leben in Istanbul, das erleichtert Neuankömmlingen den Start. Ranas Mann fand in Istanbul einen Job bei einer syrischen Imbissbude – für viel weniger als den türkischen Mindestlohn zwar, aber die Söhne arbeiten auch. Anmelden durfte sich die Familie in Istanbul nicht, weil die Metropole keine Syrer mehr annimmt; deshalb registrierten sie sich mithilfe eines Schleusers in Bursa, der nächstgelegenen Stadt.

Die letzte Verwandte um Geld gebeten

Mehr als die Meldestelle hat Rana von Bursa nie gesehen. Auf Facebook recherchiert sie nun, ob dort schon andere Syrer leben, mit denen sie in Kontakt treten könnte. Die Familie braucht in Bursa ein Dach über dem Kopf und eine Arbeit, egal welche – aber wie soll das so schnell gehen? Nominell sind 175 000 syrische Flüchtlinge in Bursa registriert, doch de facto dürften die meisten in Istanbul leben. Rana ist beim Amt in Istanbul gewesen und hat nach Umzugshilfen gefragt, aber nur Verwirrung vorgefunden. Die Aufforderung habe die Behörden kalt erwischt, meint sie – organisiert für die Umsiedlungsaktion sei dort nichts.

Rana hat die letzte Verwandte angebettelt, von der sie noch kein Geld geliehen hatte – eine Nichte in Saudi-Arabien. Unglaublich belastend sei das, ständig den Angehörigen zur Last zu fallen, sagt sie, und dabei kommen ihr wieder die Tränen. Jeder weitere Tag in Istanbul bereitet ihr Höllenqualen der Angst, seit der Gouverneur sein Ultimatum verkündete. Sobald das Geld von der Nichte kommt, will sie Istanbul verlassen und die Familie nach Bursa bringen – weiter auf der Flucht.

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