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In München steht der mutmaßliche KZ-Scherge von Montag an vor Gericht, in Ulm prüft man derweil neue Mordvorwürfe gegen ihn.

Stuttgart/Ulm - Der Vorwurf, der von Montag an in München verhandelt werden wird, ist klar: John Demjanjuk (89) soll 1943 als SS-Wachmann im Vernichtungslager Sobibor in Polen an der Ermordung von 27 900 Juden beteiligt gewesen sein. Hauptbeweismittel der Ankläger ist ein SS-Dienstausweis. Zudem soll eine Verlegungsliste von März 1943 nachweisen, dass Demjanjuk tatsächlich nach Sobibor kam. Die Anwälte bezweifeln weiter die Echtheit des Ausweises.

Ein langwieriger Indizienprozess ist zu erwarten, zumal mit Rücksicht auf die angeschlagene Gesundheit Demjanjuks nur drei Stunden am Tag verhandelt werden kann.

Weniger klar ist ein neuer Vorwurf gegen Demjanjuk. Nach Informationen unserer Zeitung soll er nach dem Krieg, die Rede ist vom Jahr 1947, im Raum Ulm mit einem Lastwagen absichtlich einen Juden totgefahren haben. Die Staatsanwaltschaft Ulm hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. "Der Tatvorwurf lautet auf Mord", so der Sprecher der Behörde, Michael Bischofsberger.

Wer diesen Vorwurf erhebt, wollte Bischofsberger nicht sagen. "Da gab es Recherchen, und die sind dann an uns herangetragen worden", sagt er. Die Ludwigsburger Zentralstelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen, deren Recherchen zur Anklage gegen Demjanjuk geführt haben, sei es diesmal jedenfalls nicht gewesen. Dorthin habe man die Akten aber inzwischen gesandt, um die Plausibilität der Vorwürfe zu prüfen.

Der Leiter der Zentralstelle, Kurt Schrimm, wusste davon am Freitag nichts, die zuständige Expertin sei im Urlaub. "Wäre es etwas Spektakuläres, wüsste ich es aber", sagte er. Der Ulmer Fall sei ihm bei den Recherchen zu Demjanjuk nie untergekommen. Seine Behörde sei allerdings auch nur für Verbrechen während des Krieges zuständig. Die Ulmer Staatsanwaltschaft sagt zur Qualität der neuen Vorwürfe nur so viel: "Ein Anfangsverdacht war mal anzunehmen, jetzt müssen wir schauen, was daraus wird." So viel scheint sicher: Demjanjuk hatte sich nach dem Krieg als "displaced person" (verschleppte Person) ausgegeben und bei den Amerikanern als Lkw-Fahrer angeheuert. Laut Bischofsberger wurde er dabei auch in einem US-Lager in Ulm eingesetzt. In Ulm oder Neu-Ulm soll sich dann der tödliche Zwischenfall ereignet haben. 1952 wanderte Demjanjuk in die USA aus.

Lange wird der neue Fall nicht mehr in Ulm liegen. Die Staatsanwaltschaft München I, die Demjanjuk nun auch vor Gericht brachte, habe bereits die Bereitschaft zur Übernahme signalisiert, so Bischofsberger. "Das Verfahren wird deshalb wohl zu gegebener Zeit dorthin abgegeben."

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