In „Denn sie wissen nicht, was passiert!“ sollen Barbara Schöneberger, Günther Jauch und Thomas Gottschalk (v. li.) ständig improvisieren. Hier sind sie noch in der Vorgänger-Show „Die 2“ zu sehen. Foto: RTL

RTL startet an diesem Wochenende ein neues Samstagabend-Actionspiel mit Barbara Schöneberger , Thomas Gottschalk und Günther Jauch. Höchste Zeit also, den beiden alten Herren im Trio einen Fernsehabschied mit Anstand zu wünschen.

Stuttgart - Um wahrhaft grundverschiedene Männer auf dem Weg Richtung Altersstarrsinn zu umschreiben, kennt das Englische ein fabelhaftes Wortpaar: Odd Couple. „The Odd Couple“ hieß 1968 ein Film, in dem Jack Lemmon und Walter Matthau als Duett kollidierender Eigenart auftraten, seitdem wurde das Muster für Film und Fernsehen vielfach reproduziert – auch mit Lemmon und Matthau im Nachklapp „Immer noch ein seltsames Paar“ 1998 etwa. Beide Hollywoodstars waren damals nur unwesentlich älter als das merkwürdigste Duett des deutschen Showfernsehens heute: Günther Jauch und Thomas Gottschalk.

Der hanseatisch geprägte Journalist Jauch mit dem verbindlichen Lausbubencharme und sein pfauenartiger Kollege Gottschalk mit dem losen Mundwerk sind zwar alles andere als wesensverwandt. Gemeinsam aber zerlegten Günni & Thommy das betuliche Feierabendprogramm der früheren öffentlich-rechtlichen Monopolphase mit so respektloser Inbrunst, als seien sie eineiige Zwillinge auf zu viel Koffein. Ähnlich aufgekratzt und unzertrennlich wirkt das gut gereifte Odd Couple auch jetzt, zwei, drei Fernsehrevolutionen später, wenn es bei RTL mal wieder an seinem Ruf sägt. Pardon: feilt.

Zweifel an der Kraft zum Spontanen

„Denn sie wissen nicht, was passiert!“ heißt das neue Primetime-Format des Privatsenders, der ohne die Planierarbeiten seiner beiden Starmoderatoren Anfang der Achtziger nur schwer vorstellbar scheint. Vorerst vier Ausgaben lang versuchen sich nun beide mit der weit jüngeren, aber ähnlich versierten Barbara Schöneberger an einer Königsdisziplin der Unterhaltung: Improvisation. Angeblich erfahren Schöneberger, Jauch und Gottschalk erst zu Beginn der Spielshow mit Quiz, Musik und Talk, wer moderiert, wer spielt, welche Gäste kommen und wozu.

Das wären sogar für multitaskingaffine Digital Natives der Mediengesellschaft ein paar W-Fragen zu viel auf einmal. Barbara Schöneberger, nicht nur wegen ihrer Haarfarbe eine Art hyperfemininer Gottschalk 3.0, traut man den erforderlichen Grad an Spontaneität ja noch zu. Doch ihrem verblüffend blonden, aber schon fast siebzigjährigen Urahn und dessen lebensklugem Weggefährten, Jahrgang 1956, der auf dem Sessel von „Wer wird Millionär?“ förmlich festgewachsen zu sein scheint? Man darf da durchaus skeptisch sein.

Haarkolorierte Männer im Nietenleder

Schließlich haben diese beiden sich trotz aller Verdienste ums Fernsehen schon vor Urzeiten zu Platzhirschen entwickelt, die ihr herausragendes Erbe eher verwalten als erneuern. Das beste Beispiel dafür ist „Die 2“, das Vorbild von „Denn sie wissen nicht ...“. Als Jauchs Produktionsfirma das ähnlich gestrickte, aber einem Drehbuch folgende Format vor vier Jahren mit genau derselben Besetzung bei RTL untergebracht hatte, war diese Vorstufe zur heutigen Show noch irgendwie ulkig. Der berufsjugendliche Paradiesvogel und sein präsidialer Kompagnon im Rededuell mit Barbara Schöneberger und im Rateduell mit dem Publikum – das hatte etwas liebenswert Nostalgisches, dem stolze zweieinhalb Millionen Zuschauer in der ominösen RTL-Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen beiwohnten.

Mit fast jeder Ausgabe schwanden allerdings der Reiz des ewig Gestrigen und die Quote. Zum Finale Anfang Dezember hatte die sich auf lausige elf Prozent halbiert. Nicht nur Spätgeborenen erschien Gottschalks exaltierte Reifeverweigerung peinlich: In rückwärtsgerichteten Panelshows saßen haarkolorierte Männer im Midlife-Crisis-Modus, die noch mal Nietenleder tragen und Uriah Heep „echt fetzig“ finden durften. Das konnte selbst der ironisierende Hintersinn eines Günther Jauch nicht ins Erträgliche biegen.

Bitte mehr Würde

Schon bei „Wetten, dass ...?“ hatte sich das Publikum scharenweise vom Altherrenhumor des nicht mehr lässig, sondern übergriffig wirkenden Thomas Gottschalk abgewandt. Da Günther Jauch tendenziell eher angespannt als befreit wirkt, wenn er sein Frage-Antwort-Habitat mal verlässt, taugt er kaum als Korrektiv. Nötigt man Gottschalks Freund und Partner zu Actionspielen mit improvisiertem Zappelphilipp-Faktor, wird es schnell mal heikel.

Die Glanzzeit dieser grundverschiedenen, aber unzertrennlichen Entertainer neigt sich daher nicht nur dem Ende zu, sie ist vorbei. Wehmütig erinnern sich Ältere an den Karriereausklang der Conférenciers der großen Samstagabendjahre: Hans-Joachim Kulenkampff, der das europäische Podium von „Einer wird gewinnen“ gegen den Ohrensessel tauschte und dort stille „Nachtgedanken“ zum Sendeschluss verlas. Oder Blacky Fuchsbergers „Heut‘ Abend“, wo er nach „Auf los geht’s los“ zum sensibelsten Talk-Host des Genres wurde. Und wer sich den manisch gut gelaunten Peter Alexander nach Jahrzehnten gehobener Albernheit als ergrauten Gastgeber distinguierter Musikrevuen in Erinnerung ruft, wünscht Gottschalk und Jauch Abgänge mit mehr Würde, als RTL den beiden in „Denn sie wissen nicht, was passiert!“ vermutlich gewährt. Genug Zeit hätten beide ja noch dafür.

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