In dieser Besetzung waren Blue Öyster Cult nie zuvor im Studio: Eric Bloom, Richie Castellano, Buck Dharma, Jules Radino, Kasim Sulton (v. li.) Foto: dpa/Mark Weiss

Sie haben einst den Heavy Metal miterfunden, waren aber 19 Jahre nicht im Studio. Nun haben Blue Öyster Cult endlich ein neues Album mit allem, was man von ihnen erwartet: Gedröhne, Melodien, Horrorszenarien und Hintersinn. „The Symbol Remains“ zeigt die Vielfalt der Band.

Stuttgart - Typischer Anblick entlang aller Land- und Nebenstraßen der USA: von Schüssen zersiebte Verkehrsschilder. „Welcher Idiot tut so was?“, fragt sich da fast jeder Reisende aus Europa. Das Eröffnungsstück von „The Symbol Remains“, der neuen CD von Blue Öyster Cult, hat die Antwort. „That was me“, gibt Sänger Eric Bloom fröhlich zu Protokoll. Das Stück kommt so bad-boy-übermütig aus den Startblöcken, dass nicht mal mehr die Herren von der Straßenmeisterei Mitleid mit den Schildern haben können.

Aber Achtung: das hier ist Blue Öyster Cult, keine 08/15-Heavy-Combo. Also steigt das Geprotze mit Gerüpel und Witwenmacherei zuverlässig in absurde Übertreibung: „Siehst Du einen Riss irgendwo, der langsam breiter wird – das war ich!“ Blue Öyster Cult, 1967 noch unter dem Namen Soft White Underbelly gegründet, liebten schon immer den Widerspruch zwischen Ironie und markigen Posen.

Serienmörder und Herzeleid

Ihre neue CD beendet fast zwei Jahrzehnte Studiopause und zeigt Stück um Stück die Bandbreite dieser Band. Ihre Lust an der Variation und am Ausprobieren wurde immer mal wieder als Kommerzialisierung und Verweichlichung geschmäht. Dabei sind Blue Öyster Cult der vitale Beweis dafür, dass Etiketten wie Heavy Metal, AOR oder Classic Rock eher vorübergehende Sortierhilfen des Verkaufsapparats sind als umfassende Charakterbeschreibungen.

Sensenmänner und Serienmörder, zwielichtige Außerirdische und grollende Götter, Motorradrocker und Riesenmonster, Drogensucht, Herzeleid und Mondguckerei, der Zusammenbruch der Zivilisation und gescheiterte Beziehungen: Die Songs des Quintetts aus Long Island sind seit eh und je ein wilder Mix mit dem Grundstoff des düster Fantastischen. Die Texte bewegen sich schon mal im Grenzstreifen zwischen herausfordernd Rätselhaftem und wirrem Fieberbrabbeln. „The thinking man’s heavy metal band“, haftete BÖC einst als Ruf an.

Ein blubbernder Hexenkessel

Texte, Mythos und Gedanken lieferten in den frühen Jahren der Band auch zwei Nicht-Mitglieder: der Manager Sandy Pearlman und der Rockkritiker Richard Meltzer. Pearlman war vollgesogen mit moderner Lyrik und den Horrorvisionen von H. P. Lovecraft, Meltzer schwirrten die surrealen Bildwelten moderner Malerei durch den Kopf. Im Hexenkessel von Blue Öyster Cult blubberte ab dem Debütalbum von 1972 ein Mix aus Bikerboogie, Powerakkorden, Horrorgeraune, Hypnoseriffs, Herzeleid, Säuferhintersinn, Psychokanalisationsexpedition, Mackerpersiflage und Samstagabend-Ausgehschick und brachte ständig neue Blasen hervor.

Aus den Gründungsjahren sind auf „The Symbol Remains“ noch zwei Leute dabei: der Sänger und Rhythmusgitarrist Eric Bloom sowie der Leadgitarrist und Sänger Donald Roeser alias Buck Dharma. Dass Dharma 72 Jahre alt ist und Bloom noch mal drei Jahre mehr auf dem Buckel hat, wird keiner glauben, der BÖC erst jetzt kennenlernt. Dharma ist einer der großen unterschätzten Rockgitarristen: nicht der schnellste, aber schnell genug, ein durchtriebener Spannungslieferant mit einem großen Arsenal stets wechselnder Läufe, Füller und Triller, die sich über Blooms kraftvolle Riffs schlängeln. Eine Menge Kollegen haben sich bei Blue Öyster Cult schon Inspirationen geholt.

Noch unbekümmerter

Die großen Radiohits von „Blue Öyster Cult“ kennt jeder, der ein bisschen Interesse an Rock hat: „(Don’t Fear) The Reaper“, „Burnin’ For You“ und „Godzilla“. Viele Cult-Fan-Favoriten klingen härter, auch live mag die Band es gern kantiger. „The Symbol Remains“ stellt nun das Melodiöse und das Krawallige, das Überdrehte und Zurückgenommene unbekümmerter nebeneinander als jede frühere ihrer Platten. Mancher Vorabhörer hat schon versucht, jedes der vierzehn Stücke genau einem der bisherigen Alben zuzuordnen, in dessen Ablauf es sich nahtlos einfügen ließe.

„The Symbol Remains“ irrlichtert aufs schönste zwischen den Tonlagen umher, und da wird einem wieder klar, warum kein großes Label mehr mit ihnen eine Platte machen will: Spaß an der Variation stört die Markenidentität. Obendrein lehrt eine Kleinigkeit an Blue Öyster Cult die Risikoberechner jedes Musikgiganten das Fürchten – die Ahnung, am säuselnd Geschmeidigen, am brachial Gewitternden, am düster Drohenden und am innig Simplen könnte immer auch ein Quäntchen Selbstverarschung und Publikumsverschaukelung beteiligt sein. Das kleine italienische Label Frontiers Music aber hat nicht gezaudert: mille grazie.

Info

Blue Öyster Cult: The Symbol Remains. Frontiers Music. 14 Tracks, Spieldauer 61:21. Erhältlich als CD, Vinyl-Doppelalbum und Audiodownload sowie im Flatrate-Angebot großer Streamingdienste.

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