Halt im Hauptbahnhof oben: Weil die unterirdische Stammstrecke bis zum Nachmittag gesperrt ist, müssen die Fahrgäste dort aussteigen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Am Nachmittag ist der Schaden behoben. Doch die S-Bahnen verkehren auf allen Linien den ganzen Tag über im 30-Minuten-Takt. Die Fahrgäste reagieren mit deutlicher Kritik. Sie beklagen, dass die Störungen fast täglich vorkommen.

Stuttgart - Nach einem Chaostag, wie er selbst bei der störanfälligen S-Bahn nicht häufig ist, verkehrten die Züge am Dienstag bis in die Abendstunden hinein verspätet und nur im 30-Minuten-Takt. Eine kurz vor 7 Uhr gerissene Oberleitung im Tunnel zwischen den Stationen Schwabstraße und Vaihingen/Universität hatte die unterirdische Stammstrecke über mehrere Stunden lahmgelegt, alle S-Bahn-Linien waren betroffen. Tausende Fahrgäste kamen zu spät zur Arbeit. Stadtbahnen und Busse in der Innenstadt waren als Ausweichverkehrsmittel rappelvoll. Der Zwischenfall ist Teil einer ganzen Reihe von technischen Störungen, die die S-Bahnen in den vergangenen Wochen traf.

Um 6.42 Uhr war die Oberleitung abgerissen. Eine S-Bahn aus Richtung Flughafen blieb im Tunnel kurz vor der Haltestelle Schwabstraße stehen, alle anderen Züge befanden sich zu diesem Zeitpunkt an Stationen, so dass die Fahrgäste die Wagen problemlos verlassen konnten. Nachdem die Leitung geerdet war, konnten die rund 300 Fahrgäste die stehen gebliebene S-Bahn verlassen und begleitet von Feuerwehrleuten und Bahnmitarbeitern zu Fuß im Tunnel zur Haltestelle Schwabstraße gehen. Zwischenfälle gab es nach Angaben der Bundespolizei während der Evakuierung von 8 bis 8.15 Uhr nicht. Sie hatte zuvor per Twitter die Fahrgäste informiert: „Reisende in stecken gebliebener S-Bahn: Bitte Ruhe bewahren und NICHT aussteigen, Oberleitung muss zunächst geerdet werden!“

Anschließend wurde der S-Bahn-Zug, dessen Stromabnehmer beschädigt wurde, aus dem Gleis gezogen. Von 9.10 Uhr an war die Strecke Richtung Vaihingen wieder frei, bis die Oberleitung über dem anderen Gleis repariert war, dauerte es bis gegen 14 Uhr. Die Ursache für die gerissene Oberleitung ist noch nicht ermittelt: Es könne Materialermüdung sein, aber auch eine Einwirkung von außen, sagte ein Bahn-Sprecher.

Massive Störungen bis zum Mittag

Die Situation wurde noch durch weitere Störungen verschlimmert. Zwischen den Stationen Nordbahnhof und Hauptbahnhof waren Signale defekt, so dass die S-Bahnen nur sehr langsam fuhren. Zudem beeinträchtigte eine Stellwerkstörung die S 4 auf dem Abschnitt Backnang-Marbach. Und weil die Sanierung auf der Strecke Stuttgart-Rohr nach Böblingen länger dauerten als geplant, war der Bereich bis zur Mittagszeit nur eingleisig befahrbar.

Zeitweise wurden S 1 und S 2 mit Halt im Hauptbahnhof oben über die Gäubahnstrecke umgeleitet, die S-Bahnen der anderen Linien fuhren nur bis oder ab Bad Cannstatt (S 3), Kornwestheim (S 4), Hauptbahnhof oben (S 5) und Feuerbach (S 6 und S 60). Vom Nachmittag an verkehrten die Linien wieder normal, aber teilweise verspätet und auch in der Hauptverkehrszeit nur im 30-Minuten-Takt. Die S 60 pendelte nur zwischen Renningen und Böblingen.

Der VVS registrierte rund ein Drittel mehr Beschwerdeanrufe als an normalen Tagen. Die Fahrgäste machten ihrem Unmut auch auf der Facebookseite Luft. „Ist der öffentliche Nahverkehr eine Dienstleistung oder ein Forschungsprojekt?“, meinte einer. Andere beklagten, dass sie statt 45 Minuten bis zu zwei Stunden unterwegs waren oder von Esslingen nach Stuttgart, ansonsten leicht in einer halben Stunden zu schaffen, mehr als eine Stunde unterwegs waren. „Fährt die S 1 nach Herrenberg, die im Hauptbahnhof steht, irgendwann mal los oder soll ich lieber laufen, wenn ich vor Feierabend im Geschäft sein will“, monierte ein Fahrgast. Und ein anderer postete: „Die letzten vier Wochen im S-Bahn-Verkehr waren eine absolute Frechheit jedem berufstätigen Fahrgast gegenüber. An vier von fünf Tagen komme ich unpünktlich zur Arbeit.“

Viele Kunden beklagten auch die schlechten Informationen über Lautsprecherdurchsagen und auf Anzeigetafeln. Andere kritisierten, dass auf der VVS-App nicht die aktuellen Abfahrtszeiten angezeigt wurden: Trotz 30-Minuten-Takt würden noch immer Züge empfohlen, die im 15-Minuten-Takt fahren.

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