Auch bei Holzgerlingen müssen noch Masten für die Oberleitung gesetzt werden. Es wurden zuerst falsche geliefert. Foto: factum/Granville

Der Betrieb wird zunächst zwischen Holzgerlingen und Dettenhausen aufgenommen. Erst im nächsten Sommer kann auch die ausgebaute Strecke ab Böblingen befahren werden. Grund der Verzögerung sind vor allem Arbeiten am Betriebshof.

Böblingen - So unruhig hat sich Reinhold Bauer seinen Ruhestand nicht vorgestellt. Als er zum 1. Januar 2016 zum Geschäftsführer des Zweckverbands Schönbuchbahn ernannt wurde, hätte der einstige Arbeitsdirektor der Stuttgarter Straßenbahnen AG schon seine Rente genießen können. „Meine Haare sind grauer geworden“, sagt der 68-Jährige, der sich die Aufgabe als Denker und Lenker des Ausbaus der Schönbuchbahn leichter vorgestellt hatte. Eigentlich hätte die Strecke zwischen Böblingen und Dettenhausen im Dezember fertig sein sollen mitsamt dem Betriebsbahnhof in Böblingen. Die Züge sollten bereits zum Wechsel des Winterfahrplans wieder verkehren. Daraus wird jetzt aber nichts. Die Gründe dafür sind vielfältig. Die Bahn soll nun erst Mitte Februar wieder fahren. Jedoch lediglich zwischen Holzgerlingen und Dettenhausen – wenn überhaupt.

Unmut bei den Pendlern

In den vergangenen Wochen hätten sich die Anfragen gehäuft, wann denn der normale Bahnbetrieb endlich wieder möglich sei, räumt der Zweckverbandschef ein. Um dem Unmut in der Öffentlichkeit zu begegnen, berichtete Bauer am Dienstag im Landratsamt von den Schwierigkeiten, mit denen die Planer – teilweise offenbar völlig unerwartet – zu kämpfen haben.

Der Teufel steckt laut Bauer im Detail, wenn es etwa um den Anschluss des alten Stellwerks mit dem neuen geht, das für die Elektrofahrzeuge benötigt wird. Das Malheur habe aber bereits damit begonnen, dass man beim Bau des neuen Betriebshofs auf alte Kabel und Leitungen gestoßen sei. Es sei zunächst gar nicht klar gewesen sei, wozu sie dienten. „Sie mussten teilweise durchtrennt, neu verlegt und wieder verbunden werden“, erklärte Bauer. Das Ganze spielte sich im vergangenen Winter ab. Es musste mindestens sechs Grad über Null haben, um die Arbeiten auszuführen. Und das sei oft nicht der Fall gewesen, sagte Bauer. Der Baustart des neuen Betriebsbahnhofes verzögerte sich.

Bombenfunde am Betriebsbahnhof

„Auch weil es manchmal schwer war, die entsprechende Baufirma zu bekommen, als der Zeitplan bereits durcheinander geraten war. Die Spezialunternehmen sind wegen der guten Konjunkturlage überlastet“, erklärte Bauer weiter. Auch Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg wurden gefunden und mussten geborgen werden. Die Folge von alledem: Die Gleise am Betriebshof können erst jetzt verlegt werden. Die Arbeiten dauern bis April oder Mai. Der Zugbetrieb zwischen Böblingen und Holzgerlingen kann deshalb frühestens Ende Juni wieder aufgenommen werden.

Zwar sind die Gleisbauarbeiten auf der gesamten Strecke weitgehend abgeschlossen. Doch müssen noch Masten für die Oberleitung gesetzt werden. 80 von rund 500 Masten waren falsch geplant und geliefert worden. „Warum das passieren konnte, wissen wir nicht“, sagt Bauer. Ein Gutachter prüfe das noch. Die Versicherung sei eingeschaltet, die Lieferfirma müsse wohl für die zusätzlichen Kosten aufkommen.

Erst im nächsten Sommer von Böblingen nach Holzerglingen

Bei der Gründung der Masten hatte es zudem Verzögerungen gegeben, weil dem harten Gestein bei Holzgerlingen nur mit einer Spezialfräse beizukommen war. Bis auf Restarbeiten und die Oberleitung ist der Holzgerlinger Bahnhofsbereich fast fertig. „Wenn alles gut geht, können wir den Dieselbetrieb von dort nach Dettenhausen im 30-Minuten-Takt Mitte Februar wieder aufnehmen“, erläutert Bauer. Und wenn der Betriebshof fertig ist, sollen im nächsten Sommer Diesel- und gemietete Elektrofahrzeuge im 15-Minuten-Takt zwischen Holzgerlingen und Böblingen zum Einsatz kommen. Die neun neuen Elektrowagen sollen laut Vertrag bis Dezember 2021 zur Verfügung stehen. Damit auf der gesamten Strecke mit dem Fahrplanwechsel Ende 2021 elektrisch gefahren werden kann.

Ein Fragezeichen gibt es jedoch noch bei der fristgerechten Zulassung der neuen Fahrzeuge. „Die Lieferfirma muss dafür sorgen, dass wir rechtzeitig die Genehmigung erhalten“, berichtet Bauer. Aber auch da steckt er nicht drin. Ein abermaliger Zeitverzug ist möglich – Reinhold Bauer ist bis dahin sicher völlig ergraut.

Den Zweckverband kostet der Ausbau rund 115 Millionen Euro

Kosten:
Die Elektrifizierung der Strecke bis Dettenhausen und der teilweise zweigleisige Ausbau zwischen Holzgerlingen und Böblingen kostet 105 Millionen Euro. Das Land wollte bisher 37,5 Millionen Euro übernehmen. Die neuen Elektrowagen kosten 53 Millionen Euro. Das Land fördert sie bisher mit fünf Millionen Euro. Der Zweckverband hofft auf einen weiteren Zuschuss.

Finanzierung:
Der Zweckverband Schönbuchbahn muss nach aktuellen Berechnungen rund 115 Millionen Euro aufbringen. Ihm gehören die Kreise Böblingen und Tübingen an. Tübingen beteiligte sich bis jetzt mit 20 Prozent an den Kosten. Im nächsten Jahr sinkt der Beitrag auf 15 Prozent, weil die Strecke vor allem zwischen Holzgerlingen und Böblingen ausgebaut wurde. Die jährliche Umlage der Kreise soll bis 2022 auf insgesamt elf Millionen Euro steigen

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