Jochen Härdtlein – Schiedsrichter-Lehrwart beim WFV. Foto: WFV

Am vergangenen Wochenende sind die Schiedsrichter wieder in den Blickpunkt gerückt. Es gab Streiks und Attacken – wie sieht es in Württemberg aus?

Stuttgart - Im Zuge des zuletzt wieder zunehmenden Attacken im Bereich des Amateurfußballs hat die Stuttgarter Zeitung/Stuttgarter Nachrichten mit Jochen Härdtlein gesprochen, seit 2015 Mitglied des Verbands-Schiedsrichterausschusses (VSRA) im Württembergischen Fußballverband.

Herr Härdtlein, am vergangene Wochenende gab es einen Streik der Schiedsrichter im Amateurbereich in Berlin, ist das auch beim Württembergischen Verband (WFV) vorstellbar?

Die Frage ist, was wir mit einem Streik erreichen? Man erregt damit Aufmerksamkeit. Aus unserer Sicht ist das Thema präsent genug, so dass es keinen Mehrwert geben würde. Und als zweites bestraft man damit alle Vereine und Spieler, bei denen es gut läuft. Und das ist ja immer noch der weit größte Anteil. Außerdem wäre auch die Ultima Ratio, man hätte alle Mittel ausgeschöpft. Von daher ziehen wir beim WFV aktuell keinen Streik in Erwägung. Das würde uns in der Thematik nicht helfen.

Die Zahl der Vorfälle scheint ja nicht das ganz große Problem zu sein, aber dafür die Quantität?

Nur zur Einordnung: Wir haben pro Saison rund 120 000 Schiedsrichter-Einsätze, wirklich kritische Fälle mit Bedrohung oder Spielabbruch sind es zirka 100 Fälle im Jahr. Und die wirklich massiven Fälle, bei denen ein Schiedsrichter attackiert wird, liegen zwischen fünf und zehn. Es wird gefühlt auch anders über die Fälle berichtet als noch vor zehn oder 15 Jahren. Es gab früher eine nicht so deutliche Auswertung, das Thema wurde nicht so dezidiert betrachtet. Subjektiv teile ich Ihre Wahrnehmung, von sachlicher Ebene ist es schwierig, das so zu bestätigen. Die Gesamtberichterstattung springt eben ins Auge, dadurch erscheint es, als ob die Schiedsrichter in jedem Spiel Probleme hätten, dem ist nicht so – was die geschehenen Fälle nicht herunterspielen soll.

Appell an die Vereine

Wir kann man so etwas verhindern – oder stößt der Verband an seine Grenzen?

Wir versuchen bei uns selbst anzufangen. Wir arbeiten mit unseren Schiedsrichtern daran im Deeskalations-Seminaren, um ihnen beizubringen, wie man sich in kritischen Situation – noch geschickter – verhält, dass es nicht zu weiteren Eskalationen kommt. Wir haben ein Betreuungssystem, in dem jungen Schiedsrichter bei ihren ersten Einsätzen von erfahrenden Kollegen begleitet werden. Wenn einem Schiedsrichter etwas passiert, haben wir ein Unterstützungssystem von einem zentralen Kollegen, der sich dem Betroffenen annimmt und auch rechtlich oder psychologisch Unterstützung bietet. Zusätzlich bietet der Verband den Vereinen das Deeskalationstraining an, das teilweise vom Sportgericht auch verpflichtend werden kann. Aber alles endet irgendwo auch ein Stück weit. Mein Appell lautet deshalb: Wir brauchen die Vereine im Boot, die die Verantwortung nicht nur für ihre Spieler, sondern auch für Zuschauer und Trainer mit übernehmen müssen, sich fair zu verhalten. Wohl wissend, dass es sich auch um ein gesellschaftliches Problem handelt. Wir müssen versuchen, das gemeinschaftlich anzugehen.

Stichwort Gesellschaftsproblem: Auch die Polizei vermeldet ja vermehrt Übergriffe auf Beamte, sehen Sie da einen Zusammenhänge?

Rein statistisch gesehen gibt es die. Und der ein oder andere gesellschaftliche Konflikt wird schon bis auf den Fußballplatz hineingetragen. Das fängt bei Schüler- und Jugendmannschaften an, wo die Eltern meist das größere Problem darstellen. Nach dem Motto: Je weniger ich ändern kann, desto mehr baut sich Frust auf.

Haben Sie nicht die Sorge, dass Ihnen irgendwann die Schiedsrichter ausgehen?

DFB-weit sehen wir einen deutlichen Rückgang. Wir hatten auch in Württemberg eine Delle und haben deshalb etliche Maßnahmen eingeleitet und versuchen mit dem Thema ehrlich im Vorfeld eines Schiedsrichterkurses aufzuklären. Jetzt haben sich die Zahlen auf einem sinnvollen Niveau stabilisiert. Grundsätzlich haben wir das Problem, dass innerhalb der ersten zwei Jahre 50 Prozent wieder aufhören – das hat ganz verschiedene Gründe, auch weil die auszubildenden oft 18 und jünger sind und sich in diesem Alter die privaten Interessen oft nochmals ändern. Aber wir haben es in den letzten Jahren geschafft, die Abbrecherquote von etwa zwei Dritteln auf die 50 Prozent runterzubringen.

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