Patrick Wiencek, deutschlanfds handballer des jahres, und seine Kollegen spielten eine starke Heim-WM. Am Ende reichte es zu Platz vier. Foto: dpa

Manche Stuttgarter Vereine verzeichnen steigende Anmeldezahlen bei den Kleinsten. Bei anderen ist von einen WM-Nachfieber nur wenig zu spüren.

Stuttgart - Die zurückliegende Handball-Weltmeisterschaft löste eine Welle der Begeisterung aus. Bis auf den letzten Platz gefüllte Hallen und traumhafte Einschaltquoten an den heimischen Bildschirmen begleiteten einen wahren Freudentaumel. Dietmar Hauber, einer von drei Abteilungsleitern für den Handballsport bei den Stuttgarter Kickers, konstatiert im Zuge des Turniers zumindest eine „deutlich stärkere Nachfrage im Mini-Bereich“. Aktuell seien acht Kinder hinzugekommen, um sich als Handballer zu versuchen. Baisch hofft, dass sie längerfristig dabei bleiben. „Wir haben derzeit drei Trainerinnen, die bis zu 30 Kinder in einer kleinen Halle betreuen, mehr geht einfach nicht“, stellt er fest und betont, das sei ein Glücksfall. „Wir müssen sehen, dass wir die Gruppen teilen und mehr Angebote machen. Wir werden in der nächsten Saison mehr Kapazitäten schaffen, gerade auch für die Kleinsten. Das hatten wir schon vor der WM ins Auge gefasst. Der Erfolg der Nationalmannschaft hat allerdings für zusätzlichen Rückenwind gesorgt, den wir gerne nutzen.“

Bei den Minis gibt es Wartezeiten

Marko Baisch, Vorsitzender der HSG Oberer Neckar, die Handballer aus Hedelfingen und Untertürkheim zusammenführt, bestätigt, es habe ein Dutzend Neuzugänge und Wiedereinsteiger gegebe, die man auf die WM-Stimmung zurückführen könne. Bei den Minis würden aktuell vier Kinder auf einer Warteliste geführt, die erst nach Ostern ins Training einsteigen könnten. Dennoch äußert sich Baisch eher zurückhaltend: „So sehr ich mich freue, dass die WM von so viel Euphorie begleitet war, so sicher bin ich mir, dass das keine nachhaltigen Spuren hinterlässt“, sagt er. „Wenn die Nationalmannschaft längerfristig so erfolgreich ist, sieht das vielleicht anders aus. Im kommenden Jahr haben wir ja die EM und Olympia.“

Dass Handball jemals so populär werden könnte wie Fußball, hält der Anwalt für utopisch: „Immer noch träumen Grundschüler davon, Fußballer zu werden. Auf dem Rasen sieht man in einem talentierten Kind immer noch den kommenden Star, dabei haben pro Jahrgang nur rund zwanzig Kinder Chancen, einen Profivertrag zu ergattern. Fußball ist von einem Mythos umgeben, der dem Handball fehlt.“ Statt auf singuläre Medienereignisse setzt Baisch auf Ideen wie die Etablierung einer Grundschulliga im Großraum Stuttgart. „Dieses Projekt des Handballverbands Württemberg steckt immer noch in der Findungsphase“, räumt er ein. „Es ist aber spannend mitzuverfolgen, wohin die Reise geht.“

Auch Kids mit Migrationshintergrund sollen Handball spielen

„Es wäre wichtig, mehr Werbung für unseren Sport zu machen“, findet Uwe Kraft, Abteilungsleiter für Handball beim MTV Stuttgart. Für seinen Verein sieht er kaum einen positiven Effekt der WM. „2007 waren die Auswirkungen stärker spürbar“, blickt Kraft zurück auf den Titelgewinn der deutschen Handballer bei der Heim WM. „Aktuell hatten wir nicht mehr als zwei Neuzugänge. Ohnehin sind bei uns nicht alle Jugenden besetzt. Wir haben auch nach wie vor ein Hallenproblem. Es gibt zu wenig Raum für Trainingsangebote. Wir hoffen, dass die Stadt zur Lösung dieser Schwierigkeiten beitragen kann.“

Hinsichtlich des Nachwuchses stehen die Vereine auch vor der Herausforderung, Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund für Handball zu begeistern. „Diejenigen, die in der ersten Generation herkommen, kennen diesen Sport oft gar nicht aus ihrer Heimat“ überlegt Dietmar Hauber. „Dennoch haben wir heute Jugendtrainer mit griechischen, kroatischen und türkischen Wurzeln und unsere Männer werden von einem Syrer trainiert. Ich denke, in zehn Jahren wird sich Handball ebenfalls zu einer Sportart entwickelt haben, in der Menschen mit den unterschiedlichsten Wurzeln zusammenspielen.“

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