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Bei dem Bombenattentat nach einem Popkonzert in Manchester kommen mindestens 22 Menschen ums Leben – darunter viele Kinder und Jugendliche. Die Terrormiliz Islamischer Staat bekennt sich zunächst zu dem Anschlag

Manchester - A m bedrückendsten waren letztlich die Suchanzeigen. Die nackte Angst, die Verzweiflung, die aus diesen Appellen sprachen. Per elektronischen Steckbriefen, denen Bilder der Gesuchten beigefügt waren, fahndeten Eltern und Freunde am Dienstagmorgen nach Besuchern jenes Popkonzerts in Manchesters, das so katastrophal geendet hatte. Ob denn nicht um Himmels willen jemand ihr Kind gesehen habe, fragten Väter und Mütter, die in ihren Tweets um ein erlösendes Wort geradezu bettelten. Ihnen selbst fehle von den Gesuchten jede Spur. Das war, nachdem die Polizei in der Nacht auf Dienstag bestätigt hatte, dass mindestens 22 meist junge Leute ums Leben gekommen seien beim Bombenanschlag auf die Manchester-Arena am Vorabend.

Wie sich später herausstellte, waren zwölf der mehr als 50 Verletzten des Anschlags unter 16 Jahre alt. „Mein Freund Martyn war bei diesem Arenakonzert, hat aber seither nichts von sich hören lassen“, klagte dessen Freundin Christina. Courtney Boyle wurde von ihrer Mutter Deborah vermisst gemeldet: „Sie muss doch sicher nach Hause kommen!“ Von Courtney und ihrem Partner Philip fehlte jedes Lebenszeichen am Morgen nach dem Konzert.

Die Achtjährige war mit ihrer großen Schwester zum Konzert gereist

Dem Zusammenbruch nah, appellierte Charlotte Campbell live an die Zuschauer des Frühstücksprogramms der BBC, „bitte, bitte“ ihre 15-jährige Tochter Olivia zu finden. Die Mutter hielt ein Foto ihrer Tochter im roten Kleid in die Kamera: „Sie war bei dem Konzert.“ Nach dem Vorprogramm noch habe Olivia ihr getextet, wie fantastisch die Vorstellung sei und wie froh sie sei, dass sie nach Manchester habe fahren dürfen, sagte Charlotte Campbell. „Jetzt ist nichts mehr von ihr zu hören. Ihr Telefon ist tot.“

Andernorts wurde fieberhaft nach der kleinen Saffie Rose Roussos gefahndet. Die Achtjährige war mit ihrer großen Schwester zum Konzert gereist und in den Tumulten am Ende offenbar verloren gegangen. Denn just als das Konzert zu Ende war und im Saal das Licht anging, brach in der Manchester-Arena die große Panik aus. Die Besucher, die weiter von der Detonation der Bombe im Foyer entfernt waren, glaubten anfangs noch, ein riesiger rosaroter Luftballon sei geplatzt oder die Lautsprecheranlage sei in die Luft gegangen.

Blutende Teenager schwankten panisch durch die Ausgangstüren

Diejenigen, die sich näher am Tatort befanden, begriffen aber schnell, dass sie es mit einer Terrorattacke zu tun hatten. Blutende Teenager schwankten panisch durch die Ausgangstüren, über die Leichen Gleichaltriger hinweg, die am Boden lagen. Bombensplitter und Metallbolzen fanden sich weithin verstreut im Eingangsbereich. Eltern, die ihre Sprösslinge nach dem Konzert in Empfang nehmen wollten, gerieten ihrerseits in Panik, als die schreienden Kinder aus dem Saal gelaufen kamen.

Die Manchester-Arena, mit einem Fassungsvermögen von 21 000 Besuchern eine der größten Veranstaltungshallen in ganz Europa, war für diesen Abend ausverkauft. Star der Veranstaltung war die 23-jährige US-Sängerin Ariana Grande, für die sich Tausende jüngerer und jüngster Popfans im Vereinigten Königreich begeistern. Für Donnerstag und Freitag dieser Woche waren Auftritte der Amerikanerin in der Londoner O2-Halle, dem Millennium Dome an der Themse, vorgesehen. Ob es dazu kommen wird, ist noch offen. Ariana Grande zeigte sich zutiefst bestürzt über den Anschlag, der sich ihren Auftritt zum Ziel genommen hatte. Sie sei „am Boden zerstört“, erklärte sie ihrer Fangemeinde: „Das tut mir entsetzlich, entsetzlich leid.“

Der Bombenleger kam bei dem Anschlag ums Leben

Das zarte Alter ihrer Anhänger erklärte die hohe Rate an jungen Opfern. Während Rettungswagen in langen Konvois und mit Sirenengeheul und Blaulicht durchs Dunkel der Nacht zur Manchester-Arena rasten, versuchte die Polizei, ein immer weiteres Gebiet um die Arena herum abzusperren und sich Klarheit über die Lage zu verschaffen. 400 Polizisten waren in der Nacht auf Dienstag bereits im Einsatz. Die mehr als 50 Verletzten wurden auf acht verschiedene Krankenhäuser verteilt. Augenzeugen sprachen später von „blutüberströmten Opfern“, von „Rauch im Foyer“ und davon, dass „wir alle komplett durchdrehten“. „Ein Albtraum“ sei das Ganze gewesen, sagte ein Besucher. „Wir rannten Hals über Kopf ins Freie. Mir tun die furchtbar leid, die nicht davon gekommen sind.“

Recht schnell gelangte die Polizei zum Schluss, dass der Anschlag von einer einzelnen Person verübt worden war, und zwar von einem Mann mithilfe einer „improvisierten Bombenvorrichtung“, also möglicherweise mit einem Selbstmordgürtel oder einem Rucksack voller Sprengstoff. „Unsere Priorität ist es jetzt, herauszufinden, ob der Mann allein gehandelt hat oder Teil eines größeren Netzes ist.“ Der Bombenleger sei bei seinem Anschlag in der Arena ums Leben gekommen, meldete das Polizeipräsidium. Identifiziert hatten die Beamten den Täter schon am Dienstag, wollten aber zu seiner Person vorerst nichts sagen. Mehrere andere Personen seien im Zusammenhang mit der Tat verhaftet worden, wie am Nachmittag bekannt wurde. Um weitere Ermittlungen nicht zu gefährden, wurde zur Identität dieser Verhafteten zunächst nichts bekannt. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bekannte sich zu der Tat.

Die Bluttat von Manchester war die schlimmste seit 2005

Vorsorglich meldete sich am Dienstagmorgen der Moslemische Rat Großbritanniens zu Wort – und verurteilte den Anschlag als „entsetzlich“ und als ein Verbrechen. „Mögen die Urheber das volle Gewicht der Rechtsprechung in diesem und im nächsten Leben zu spüren bekommen“, erklärte Harun Khan, der Generalsekretär des Rats. Viele Briten haben nicht nur mit Sorge die jüngsten Anschläge auf dem Kontinent verfolgt und über den bizarren Anschlag eines islamistischen Einzelgängers vom März in Westminster gerätselt, der vier Menschen das Leben kostete. Sie fühlen sich auch erinnert an das Londoner Kings-Cross-Attentat von 2005, bei dem 52 Menschen starben. Das löste damals Katastrophenstimmung und Hasskundgebungen gegen britische Moslems aus. Die Bluttat in Manchester war die schlimmste seit 2005 auf den Britischen Inseln.

Weil es aber diesmal um eine spezielle Veranstaltung für Jugendliche, Kinder und Familien ging, hat die neue Tat zu besonders großer Empörung geführt. Andererseits führte sie zu einer Welle spontaner Hilfsbereitschaft vor Ort, zumal viele Konzertbesucher von auswärts kamen. Hotelzimmer im Zentrum Manchesters wurden für Familien der Opfer geräumt. Mitbürger aus allen Teilen der Stadt luden zur freien Übernachtung ein. Vom frisch gewählten Labour-Bürgermeister Manchesters, Andy Burnham, der trotzigen Widerstand gegen allen Extremismus ankündigte, bis zum Buckingham-Palast, wo Queen Elizabeth II. just ihre Gartenpartys abhält, reichten die Beileidsbekundungen.

Der Wahlkampf in Großbritannien wurde für mindestens 24 Stunden ausgesetzt

Den Dienstag über trafen Botschaften der Anteilnahme aus aller Welt ein – vor allem von den europäischen Nachbarn, mit denen London im Brexit-Streit liegt. Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron sprach von seinem „Abscheu“ gegenüber der Tat und seinem „Mitgefühl für die britische Bevölkerung“. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel versicherte den Briten, dass ihr Land „Schulter an Schulter“ mit ihnen stehe. US-Präsident Donald Trump, gerade zu Besuch im Nahen Osten, verurteilte die „bitterböse Ideologie“, die an solchen Anschlägen schuld sei und die „ausgerottet“ werden müsse. Es dürfe nicht sein, dass die „üblen Verlierer“ all die „jungen, schönen, unschuldigen Menschen morden, die nur ihr Leben genießen wollen“.

In Downing Street selbst ging der Union Jack auf halbmast. Vor der schwarzen Tür von No. 10 trat Premierministerin Theresa May an das Redepult. „Alle Terroranschläge sind feige Attacken gegen unschuldige Menschen“, erklärte die Regierungschefin. „Aber diese Attacke zeichnet sich durch ihre scheußliche, ekelerregende, feige und ganz bewusste Zielvorgabe aus. Das Ziel waren unschuldige, wehrlose Kinder und Jugendliche, die eine der denkwürdigsten Nächte ihres Lebens feiern wollten.“ Am Nachmittag besuchte May Manchester und die Kinderkliniken. Der Wahlkampf in Großbritannien wurde, zweieinhalb Wochen vor dem Wahltermin des 8. Juni, mit Zustimmung aller Parteien für mindestens 24 Stunden ausgesetzt.

In britischen Großstädten sind mehr bewaffnete Polizisten denn je unterwegs

Unterdessen laufen die Polizeifahndungen auf Hochtouren in Manchester und London. Auch zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen wurden ergriffen. In britischen Großstädten sind mehr bewaffnete Polizisten denn je unterwegs, bei allen Großveranstaltungen wird die Kontrolle erhöht.

Den Angehörigen und Freunden all derer aber, die das Ariana-Grande-Konzert in Manchester nicht überlebten, steht nach dem Schock nun die bitterste Wahrheit bevor. Als eines der ersten Todesopfer wurde die erst achtjährige Saffie Rose Roussos identifiziert, die an der Hand ihrer Schwester zum Konzert gekommen war. Das kleine Mädchen hatte seinen großen Tag in der Arena nicht überlebt. Auch die 18-jährige Georgina Callander war unter den Toten. Von ihr gab es ein Selfie, das sie glückstrahlend mit ihrem Idol, Ariana Grande, zeigt. Am Tag vor dem Konzert hatte Georgina der Sängerin per Twitter noch geschrieben, wie sehr sie sich auf deren Auftritt freue: „Bin so aufgeregt, dich morgen zu sehen!“         

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