Für Mustafa ist die Zeit des Ramadans wegen der Kontaktbeschränkungen zwar schwierig, aber er sieht auch etwas Positives darin. Foto: privat

Ein Ramadan ohne Freunde und Familie, das erleben geflüchtete Muslime nun zum zweiten Mal in der Coronapandemie. Mustafa Koshkar erzählt, warum dies auch gute Seiten hat.

S-Mitte - Mohammed brach das Fasten im Ramadan der Erzählung nach mit ein paar Datteln und einem Schluck Wasser. In vielen muslimischen Familien überall auf der Welt wird traditionell beim Fastenbrechen Iftar eher alles aufgefahren, was die Küche hergibt. Nicht nur die Familienmitglieder sitzen dann abends gemeinsam am Tisch. Auch Freunde und Verwandte kommen nach dem Fasten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zusammen, um stundenlang zu essen und zu trinken.

Auch der 22-jährige Mustafa Koshkar erzählt von den Genüssen, die seine Mutter in Syrien tagsüber in Töpfen und Pfannen zubereitet hat: Suppen, Salate, Fleischgerichte und Süßspeisen.

Freunde und Familie feiern gemeinsam

Koshkars Iftar im zweiten Jahr der Coronapandemie gestaltet sich ganz anders. Nach der obligatorischen Dattel zum Fastenbrechen folgen oft nur ein Salat mit Kartoffeln und Ei oder Bohnen mit Reis. Er sitze dann alleine an seinem Tisch und schaue oft ein Video auf Youtube an. Kein Vergleich zu dem geselligen Treiben im Syrien seiner Kindheit und Jugend, wenn Verwandte, Nachbarn und Freunde beim Festessen beieinander saßen und viele Stunden miteinander verbrachten.

Koshkar spricht von der kulturellen Komponente des muslimischen Fastenmonats. Ein Monat der Feste, der die Menschen in muslimischen Ländern in ähnlicher Weise zusammenbringt wie Christen in der Weihnachtszeit. Seinen Höhepunkt findet der kulturelle Ramadan im Zuckerfest. Der Name legt nahe, dass dabei süße Belohnungen für den wochenlangen Verzicht im Mittelpunkt stehen.

Geflüchtete sind allein und oft einsam

All das, was den Ramadan als gesellschaftlichen Höhepunkt im Leben von Muslimen ausmacht, erschwere oder verhindere die Pandemie derzeit, schildert Koshkar. Gerade Geflüchtete muslimischen Glaubens etwa aus Syrien würden schmerzhaft an ihre Trennung von der Familie erinnert. Vor der Pandemie habe es zumindest einen Trost gegeben, schildert Koshkar. „Ich habe vor der Coronapandemie mit Freunden das Fasten gebrochen, sie sind meine zweite Familie geworden“, sagt der 22-Jährige.

Doch auch mit der „zweiten Familie“ ist ein Iftar in Gesellschaft derzeit aufgrund der Kontaktbeschränkungen in der Pandemie nicht möglich.

Normalerweise bleibt für Kontemplation gar keine Zeit

Koshkar hat dennoch für sich entdeckt, dass der Ramadan auch ohne seine gesellige Seite ein besonderer Monat sein kann. Er lese mehr, gerade im Koran, meint er. „Ich entdecke, wie viel ich noch lernen kann über meinen Glauben“, sagt er. Auch gehe er gerne allein spazieren, um Ruhe in der Natur zu finden. All das bezeichnet er als die „spirituelle Seite des Ramadan“.

Der 22-Jährige hat sich vorgenommen, in den letzten zehn Tagen vor dem Ende des Fastenmonats am 12. Mai die Zeit zwischen Sonnuntergang und Sonnenaufgang noch stärker für die Koranlektüre und das Nachdenken über seine Beziehung zu Gott zu nutzen. So habe es Mohammed der Überlieferung nach auch gehalten, meint er. Im Ramadan, wie er normal gefeiert wird, bliebe vielen für Kontemplation gar keine Zeit. „Manche verbringen ihre Tage damit, Kochshows im Fernsehen anzuschauen und schon für das nächste Iftar zu planen“, sagt Koshkar.

Seine Familie in Syrien fehlt ihm natürlich dennoch. „Wir telefonieren oder schreiben uns Nachrichten auf Whats­App“, erzählt er. Mustafa Koshkar ist sich sicher, dass er auch nach der Pandemie den Ramadan eher spirituell begehen wird. Die Ruhe scheint ihm offenbar zu gefallen.

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