Der Musikverein Rommelshausen 1959 vor dem Gasthof Traube – mit seiner ersten Musikerin Heide Sommer (vordere Reihe). Foto: privat

Im Juni 1919 von zehn Männern gegründet, hat der Musikverein Rommelshausen inzwischen fast 200 Mitglieder und ist aus dem Kulturleben der Gemeinde nicht mehr wegzudenken. Jetzt steht das große Festwochenende an.

Kernen - Als am 14. Juni 1919 zehn Männer den Musikverein Rommelshausen gründeten, befand sich Deutschland offiziell noch im Kriegszustand. Erst zwei Wochen später wurde der Versailler Vertrag unterschrieben und besiegelte die Alleinschuld des Deutschen Reichs.

Inzwischen hat der Verein fast 200 Mitglieder und ist aus dem Kulturleben nicht wegzudenken

Die Stimmung war also eher verhalten im Land. Vielleicht war aber auch gerade das die Motivation der Gründerväter. Im ersten Protokoll, glücklicherweise bis heute aufbewahrt, steht geschrieben: „Aus musikliebenden Freunden wurde der Verein zusammengestellt in festem Glauben, dass der Musikverein, sowie die Kameradschaft in ferneren Zeiten blühen und gedeihen möge, zum Wohl der Gemeinde.“

Und so kam es. Inzwischen hat der Verein fast 200 Mitglieder und ist aus dem Kulturleben nicht wegzudenken. Dabei waren große Hürden zu überwinden. Um überhaupt musizieren zu können, mussten Instrumente angeschafft werden. Eine Schuld von 400 Mark nahm man auf, kurz nach dem Krieg eine horrende Summe. Der Anfang war gemacht, Musiker und Instrumente vorhanden, so wurde fleißig geprobt. Schon nach einem halben Jahr, am 31. Dezember 1919, trat der Musikverein Rommelshausen zum ersten Mal auf.

An Wertungsspielen im Bezirk Gmünd-Remsgau erspielte sich Rommelshausen guten Ruf

Der Verein entwickelte sich prächtig, ebenso die Inflation. Beim Sommerfest 1923 kostete die Grillwurst 300 Mark, ein Krug Bier 1000 und das Eintrittsgeld 800 Mark – so steht es im Kassenbuch von Gottlob Wörner. 1924 bekam Deutschland die Reichsmark, Rommelshausen mit Karl Singer einen neuen Dirigenten. Der kam aus Fellbach und leitete später auch Musikvereine in Remseck und Hofen. Gemeinsam gab es im selben Jahr die erste Fahnenweihe. Der Zusammenhalt war gut, auch musikalisch entwickelte sich der Verein. An Wertungsspielen im Bezirk Gmünd-Remsgau erspielte sich Rommelshausen guten Ruf.

Eine Aufnahme aus dem Jahr 1919. Foto: privat

Pünktlich zum zehnjährigen Bestehen aber kam die nächste Krise. Arbeitslosigkeit und Austritte prägten den Verein 1929. Doch die musizierenden Männer blieben standhaft und führten den Verein weiter. 1936 konnte die Mitgliederzahl verdoppelt werden, viele Instrumente wurden angeschafft, die Musiker erhielten erstmals eine einheitliche Kleidung. Lange konnte sich der Verein daran nicht erfreuen. 1939 brach der Zweite Weltkrieg aus. Viele Männer wurden eingezogen, die Kapelle schrumpfte auf fünf Mann. Aber aufhören? Niemals! Das Quintett probte fleißig weiter. In der dunkelsten Stunde hielten sie das Licht der Musik am Leben.

Die amerikanischen Besatzer ließen nur den Sport- und Kulturverein zu

Mit Kriegsende wurde auch der Musikverein aufgelöst. Die amerikanischen Besatzer ließen nur den Sport- und Kulturverein zu. Glücklicherweise war in eben diesem Kulturverein auch Karl Zinßer, einer der Gründerväter der Kapelle. So erklang bald wieder Musik in Rommelshausen. 1948 durfte der Musikverein wieder selbstständig werden. Seitdem ging es stets bergauf. Schon sechs Jahre später landete die Kapelle beim Bundesmusikfest in Aalen auf dem zweiten Platz. Für Gesprächsstoff sorgte aber nicht die Auszeichnung, sondern ein Skandal: In den Reihen der Musiker saß Heide Lieb. Ein Mädchen! In einem Musikverein! Tatsächlich war sie eine der ersten Musikerinnen in der Region. Im Ort kam das nicht gut an. „Dass ihr ein Mädchen nehmt, das geht in 100 Jahren nicht gut!“, wurde geredet.

Die Musiker selbst waren begeistert und verwöhnten ihren weiblichen Zugang

Doch der damalige Dirigent hatte die kleine Heide beim Blockflötespielen gehört und gesagt: „Die ist talentiert.“ Heide bekam dieKlarinette des gefallenen Dirigentensohns in die Hand gedrückt und spielte schnell in der Hauptkapelle mit. Die Musiker selbst waren begeistert und verwöhnten ihren weiblichen Zugang. „Da war ich der König“, scherzt Heide. Inzwischen ist sie aufs Saxofon umgestiegen und hat für das Jubiläum extra ihren Urlaub verlegt. 67 der 100 Jahre war sie mit dabei. „Das ist gewaltig, ich bin schon ein bisschen stolz“, sagt sie.

Die Jahre gingen ins Land, Karl Singer gab den Dirigentenstab ab. Fritz Hobert nahm ihn 1967 auf. Mit ihm knüpften die Musiker viele Kontakte, bis nach Österreich reisten sie im Auftrag der Musik. Zum 40-Jährigen gab‘s neue Kleidung, eine Jugendkapelle wurde gegründet.

1979 feierte der Verein nicht nur den 60. Geburtstag, es fiel auch der Beschluss für den Bau eines eigenen Vereinsheims

Mit der Karnevalsgesellschaft Zigeunerinsel veranstaltete man in den 1970ern legendäre Prunksitzungen. Auch vom großen Konzert „Drei unter einem Dach“, mit Akkordeon-Orchester und Liederkranz erzählen sich Ältere heute noch.

1979 feierte der Verein nicht nur den 60. Geburtstag, es fiel auch der Beschluss für den Bau eines eigenen Vereinsheims. Im selben Jahr fand der Spatenstich statt, im Mai 1981 wurde Richtfest gefeiert. In den Folgejahren unternahmen die Musiker viele Reisen: In den Schwarzwald, ins Allgäu, aber auch in die Partnerstädte St. Rambert und Dombóvár. 2006 wurde Josef Gschwandl zum Vorsitzenden gewählt. Zwei Jahre später war er Geburtshelfer des Classic Rock Pop. Ebenso zum festen Kanon zählt seit 2009 das Jahreskonzert in der evangelischen Kirche.

Der Zuspruch für Apfelkuchen, Waffeln und Apfelmost ist ungebrochen

Die Jugend blieb stets im Blick, 2010 wurde die erste Bläserklasse gegründet. Im gleichen Jahr feierte das Festle unterm Apfelbaum Premiere. Der Zuspruch für Apfelkuchen, Waffeln und Apfelmost ist ungebrochen. Das lässt auch Josef Gschwandl positiv in die Zukunft sehen: „Wir haben viele junge Musiker, das gefällt mir richtig gut.“ 2017 gab es die vorerst letzte große Veränderung. Martin Wellmann löste nach über 22 Jahren Georgi Lambrinov im Amt des Dirigenten ab. Der Schlagzeuger und die Rommelshäuser sind ein gutes Team geworden, und alle sind sie heiß darauf, endlich ihr Jubiläum zu feiern. Das bedeutet für Josef Gschwandl vor allem eins: „Viel Arbeit.“

Eine Aufnahme aus dem Jahr 2019. Foto: privat

Vor zwei Jahren fingen die Planungen zum Festwochenende an. Nicht alles konnte umgesetzt werden. Ein Festzug wurde wegen der Auflagen, hoher Kosten und fehlender Helfer abgesagt. Trotzdem ist bei der Geburtstagssause für jeden was dabei. „Es ist wichtig, solche Jubiläen zu feiern“, sagt Gschwandl: „Tradition gehört zum Verein. Das schöne ist, dass es immer Leute gibt, die sich über das normale Maß engagieren“. So war es nach dem Krieg und so ist’s heute. Manchmal fragt sich der Vorsitzende: „Warum mache ich das überhaupt? Aber wenn 1200 Leute zum CRP kommen, die Kirche beim Konzert voll ist und die Menschen hinterher sagen, das war toll – das ist schon eine Erfüllung.“

Ein „Festwochenende“ vom Mittwoch bis zum Montag

Das Jubiläumsfest in Rommelshausen beginnt am Mittwoch, 29. Mai, um 20.30 Uhr, mit dem Classic-Rock-Pop-Freiluftkonzert (CRP) auf dem Gelände von Getränke-Seefried. Am Freitag, 31. Mai, findet für geladene Gäste der offizielle Jubiläumsabend im Bürgerhaus statt. Der Verein erhält die Pro-Musica-Plakette.

Die große Jubiläumsparty mit dem Hofbräu-Regiment steigt am Samstag, 1. Juni, Beginn 19 Uhr, wie das CRP ebenfalls in der Willy-Rüsch-Straße. Karten im Vorverkauf sind auf der Homepage des Vereins zu bestellen, Tickets an der Abendkasse kosten 14 Euro.

Am Sonntag, 2. Juni, gibt um 11 Uhr einen bunten Familien-Sonntag im Bürgerhaus mit Blasmusik, Bewirtung durch das Rote Kreuz, Kaffee und Kuchen, einer Chronik und Ausstellung über die Geschichte des Vereins sowie einem Mitmachprogramm. Das Jubiläum klingt am Montag, ab 11 Uhr, mit einem Mittagstisch aus, zu dem das Kreis-Senioren-Blasorchester im Bürgerhaus aufspielt.

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