Thomas Zehetmair in der Stiftskirche Foto: Holger Schneider

Berühmt ist der Komponist Johann Sebastian Bach vor allem wegen seiner polyphonen Kunststücke. Drei dieser mehrsätzigen und mehrstimmigen Wunderwerke spielte nun der Geiger Thomas Zehetmair in der Reihe „Sichten auf Bach“ beim Musikfest.

Stuttgart - Berühmt ist der Komponist Johann Sebastian Bach vor allem wegen seiner polyphonen Kunststücke. Sein „Wohltemperiertes Klavier“ gilt als Meilenstein der Fugenkunst, auch in vielen geistlichen Vokalwerken ist die Kontrapunktik, die selbstständige Führung der einzelnen Stimmen innerhalb eines harmonischen Ganzen ein immer wieder verblüffender Effekt. Noch viel erstaunlicher aber ist es, wenn Bach diese mehrstimmige Technik auf ein Instrument überträgt, das dafür denkbar ungeeignet scheint. Kein Wunder also, dass seine Solo-Sonaten und Partiten für Violine oder Cello zu den Gipfelwerken des jeweiligen Repertoires gezählt werden.

Drei dieser mehrsätzigen und mehrstimmigen Wunderwerke spielte nun der Geiger Thomas Zehetmair in der Reihe „Sichten auf Bach“ beim Musikfest. War dieses Konzertformat bislang dem Kantatenschaffen Bachs vorbehalten, weitet sich in diesem Jahr der Blick: der Pianist Andreas Staier stellte am Montagabend dem Schaffen Bachs französische Cembalo-Werke gegenüber, beschließen wird den Konzertzyklus am Freitag das Keller-Quartett mit dem Kontrast von Bach und György Kurtág.

Bach pur in der gut gefüllten Stiftskirche

Thomas Zehetmair bot in der gut gefüllten Stiftskirche am Mittwoch Bach pur und eröffnete sein Konzert mit der Sonate g-Moll, die er mit dunklem, oft druckvollem Ton spielt. Streng und herb wirkt seine Interpretation, nimmt den viersätzigen Bauplan der Kirchensonate im alten Stil ernst. Plastisch arbeitet Zehetmair im einleitenden Adagio-Satz die polyphonen Strukturen heraus, wählt für die langsame Siciliana einen dezenten Tonfall und schafft damit einen deutlichen Kontrast zu den beiden schnellen, virtuosen Sätzen.

Zehetmairs Geigenton ist groß, meistens druckvoll, was sich an einigen unschönen Phrasenanfängen bemerkbar macht. Wenn man will, kann man seine Bach-Interpretation als geerdet verstehen. Das ist keine filigrane Transparenz, auch kein zum Himmel schießender Jubel. Selbst der im Klang deutlich aufgehellten Partita E-Dur haftet in ihren tänzerischen Rhythmen etwas Bodenständiges, fast Derbes an, wenn Zehetmair die Taktschwerpunkte betont oder in die Breite zieht. Technisch beeindruckend ist sein Spiel allemal, vor allem im komplexen Preludio, aber auch in den beiden schnellen Schlusssätzen Bourée und Gigue.

Eleganter und spritziger, auch leichtfüßiger im Tonfall nimmt der Geiger dann die Partita d-Moll – und täuscht seine Zuhörer damit genauso wie der Komponist das Publikum mit der scheinbaren Polyphonie aufs akustische Glatteis führt. Denn die vier traditionellen Tanzsätze Allemande, Courante, Sarabande und Gigue mit ihrem stilisierten Charakter sind bei Zehetmair nur Durchgangsstationen zu der gewaltigen Chaconne. Hier wird sie als formal zerklüftetes, klanglich raues Gebilde vorgeführt, bei dem Thomas Zehetmair auf größtmögliche Kontraste der Dynamik setzt. Das Wundersame an seiner Interpretation ist aber, wie er diese disparate Form unter einen gewaltigen Bogen spannt. Zu Recht wird dieser Ausnahmekünstler für diese außergewöhnliche Leistung bejubelt.

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