Auf dem Katharinenfriedhof in ihrer Heimatstadt Amberg ist die ermordete Sophia Lösche im Herbst 2018 bestattet worden. Nun beginnt der Prozess gegen ihren mutmaßlichen Mörder. Foto: dpa

Von Dienstag an steht in Bayreuth ein Fernfahrer vor Gericht, der die Studentin Sophia Lösche ermordet haben soll, um eine Vergewaltigung zu verdecken. Das stimme so nicht, sagt sein Verteidiger.

Bayreuth - Eine junge, menschenfreundliche, engagierte Frau ist tot. Ihr Schicksal sorgte im Sommer 2018 als „Tramperinnenmord“ für Schlagzeilen. Der Mann, der Sophia Lösche umgebracht haben soll, steht von Dienstag an als Angeklagter vor dem Bayreuther Schwurgericht. Sein Verteidiger Karsten Schieseck kündigt im „Nordbayerischen Kurier“ für den Prozessauftakt zum einen ein ausführliches Geständnis seines Mandanten an. Zum anderen verspricht eine eine verbissene Gegenwehr gegen den von der Anklage erhobenen Vorwurf eines Sexualverbrechens.

Der im Jahr 1977 in Marokko geborene Fernfahrer Boujeema L. und die 28-jährige Sophia Lösche begegneten sich am Donnerstag, den 14. Juni 2018, an der Rastanlage Schkeuditzer Kreuz bei Leipzig. Der Fernfahrer kam aus Leipzig und wollte nach Tanger in Marokko zurückfahren, wo der Speditionsstandort seines Arbeitgebers ist. Sophia Lösche wollte ebenfalls nach Süden, nach Hause nach Amberg. Als Anhalterin versuchte sie über die A 9 in die Nähe von Nürnberg zu kommen, um von dort weiter zu fahren nach Amberg, wo sie am Abend erwartet wurde. Doch sie kam nicht.

Der Angeklagte sagte, er habe Sophia im Streit erschlagen

Weil sie von Boujeema L. umgebracht wurde, sagt sein Verteidiger Karsten Schieseck. Sein Mandant habe die Tötung gestanden, in einer dreistündigen Befragung, die damals auf Video aufgezeichnet wurde. „Er hat geweint, er war sehr emotional“, sagt Schieseck. Das Geständnis von Boujeema L. bestätige die groben Umstände des Gewaltverbrechens an Sophia Lösche.

Der Fernfahrer sagt demnach, am Parkplatz Sperbes Halt gemacht zu haben, um sich dort zum Ende des Ramadan ein Fastenbrechen-Mahl zuzubereiten. Er will die Tramperin dabei beobachtet und überrascht haben, wie sie das Führerhaus durchsucht habe. In der Annahme, sie wolle ihn möglicherweise bestehlen, will er sie zur Rede gestellt haben. Der Streit sei aus dem Ruder gelaufen, schließlich habe er die Frau erschlagen.

Es hat gedauert, bis sich Boujeema L. zu einem Geständnis durchgerungen hat

Mit der toten Frau im Führerhaus machte Boujeema L. sich auf den Weg. In der Zwischenzeit organisierten Angehörige und Freunde von Sophia Lösche die Suche nach der mittlerweile Vermissten. Ihr älterer Bruder Andreas, der Grünen-Kreisrat in Bamberg ist, sagte später in Interviews, man habe sofort schlimme Befürchtungen gehabt. Man habe die Polizei in Leipzig bedrängen müssen, die Vermisstenfahndung nach seiner Schwester zu forcieren. Freunde und Angehörige wussten durch eine Handynachricht von Sophia selbst, dass sie an der Rastanlage in einen Lastwagen gestiegen war. Mit Bildern aus einer Videoüberwachungskamera von einer dortigen Tankstelle wurde der Lkw identifiziert.

Der Fernfahrer sei, so sagt sein Verteidiger, auf der Fahrt in Richtung Süden „in Panik“ gewesen. „Er ist an großen Waldgebieten vorbeigefahren, aber er hat die Leiche neben einer Straße abgelegt. Er hat einen Blaumann mit Blut drauf an und zieht ihn unter den Augen einer Videokamera in Spanien aus und wirft ihn in eine Mülltonne. So, dass eine Zeugin den Blaumann findet.“

So handle jemand, der in Panik ist und keiner, der eiskalt ein Verbrechen plant. Das Verbrechen, sich einer Frau zu bemächtigen und sich an ihr zu vergehen. Schieseck: „Es hat gedauert, bis sich Boujeema L. zu einem Geständnis durchgerungen hat. Erst, als ich ihn darauf hin wies, dass es nicht nur darum geht, wie er mit seiner Schuld umgeht, sondern auch um den Schmerz der Hinterbliebenen, hat er sich entschieden. Und es ist ihm wichtig: Die Tat hat nichts mit einem sexuellen Hintergrund zu tun.“

Der Verteidiger sagt, es gebe keine Spuren für ein Sexualdelikt

Das ist der Grund, warum Schieseck sich mit ausdrücklicher Genehmigung seines Mandanten vorab an die Zeitung wendet: Ein sexueller Hintergrund stehe in der Anklage. Schieseck sagt, die Anklagebehörde habe aufgrund von Fotos aus dem Handy seines Mandanten eine Annahme konstruiert, die „nichts in der Anklageschrift zu suchen hat“. Der Fernfahrer soll Frauen fotografiert haben und auch sich selbst in sexuell erregter Stimmung.

Daraus habe die Anklagebehörde geschlossen, dass Boujeema L. die Anhalterin schon in der Absicht mitgenommen habe, ein Sexualdelikt zu begehen. Dass der Angeschuldigte diese Absicht auch in die Tat umgesetzt und danach die Studentin ermordet habe, um dieses Sexualdelikt zu verdecken. Der Verteidiger sagt, es gebe keine objektiven Beweise für das angenommene Sexualdelikt. Am Körper der Getöteten seien keine Spuren einer Vergewaltigung gefunden worden.

Hat der angeklagte Fernfahrer seinen Lkw angezündet, um Spuren zu verdecken?

Weil es keine Spuren gab oder weil keine Spuren mehr nachweisbar sind? Diese Frage lässt der Verteidiger offen. Der Leichnam des Opfers wurde neun Tage nach ihrem Tod in Nordspanien gefunden. Schon vorher war hunderte Kilometer weiter südlich der Laster von Boujeema L. ausgebrannt, das Führerhaus ein glühender Haufen Metall. Laut Schieseck sagt sein Mandant, er habe den Lkw nicht vorsätzlich angezündet, der Motor habe seit längerem Probleme gehabt.

Dennoch, so der Rechtsanwalt, bekenne der Fernfahrer, dass ihm das Feuer im Motorraum durchaus gelegen gekommen sei, in der Hoffnung, es werde im Führerhaus Spuren vernichten. Das Strafverfahren gegen Boujeema L. kam nur ganz knapp in die Zuständigkeit der Bayreuther Justiz. Der mutmaßliche Tatort, der Autobahnparkplatz Sperbes-West, liegt nur zwei Kilometer südlich von der Grenze zum Nürnberger Land. Für den Prozess haben sich viele Medienvertreter über die Region hinaus angemeldet. Das Bayreuther Schwurgericht hat für den Prozess vorerst zwölf Verhandlungstage angesetzt.

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