Im Oberlandesgericht wird am Mittwoch von Schülern ein fiktiver Zivilstreit verhandelt. Foto: dpa

Drittes Schüler-Moot Court am Stuttgarter Oberlandesgericht: In einem nachgestellten Zivilrechtsstreit übernehmen Schüler die Rolle von Rechtsanwälten.

Stuttgart - Am Freitag fand der dritte Schüler-Moot Court am Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart statt. In einer nachgestellten Gerichtsverhandlung wird ein fiktiver Zivilstreit behandelt. Dabei übernehmen Schüler aus zwei unterschiedlichen 9. Klassen die Rolle der Rechtsanwälte und treten als Kläger und Beklagte gegeneinander an.

Schüler schlüpfen in Anwaltsroben

In Saal 2.10 des OLGs sitzen auf der Kläger Seite Anton und Lars, gegenüber Lukas und Marco. Alle vier sind in der Realität Neuntklässler des Johannes-Kepler-Gymnasiums in Bad Cannstatt. Heute vertreten sie den Kläger und die Beklagten eines fiktiven Zivilrechtsstreits. Auf den Zuschauerbänken sitzen die Klassenkameraden und ihre Gemeinschaftskundelehrer. Anderthalb Stunden wurden die Klassen separat von Rechtsreferendaren vorbereitet und haben gemeinsam Argumente für ihre Mandanten gesucht.

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Während die vier Jungs nun in die Roben schlüpfen, stellt Moot Court-Organisatorin Heike Krause fest: „Heute eine rein männliche Anwaltschaft.“ Lars und Anton, aus der Klasse 9c, erklären später, dass sie sich freiwillig für die Anwaltsrollen gemeldet haben – als Klassensprecher ist es Lars gewohnt zu reden.

Nun erheben sich alle Personen – der verhandelnde Senat, bestehend aus ausgebildeten Richtern, betritt den Gerichtssaal. Der Senats-Vorsitzende eröffnet die Verhandlung und weist auf eine jeweils fünfminütige Redezeit der Schüler-Anwälte hin.

Ein fiktiver Zivilrechtsstreit wird verhandelt

Lars, Kläger-Vertreter, spricht zuerst stockend, dann immer flüssiger in sein Mikrofon und gibt den Sachverhalt wieder: Ein 16-Jähriger steckt durch das Wegschnippen seiner Zigarette den Müllcontainer von Horst Maier in Brand. Ein Schaden von 1200 Euro entsteht. Maier klagt gegen den Minderjährigen und seine Mutter, da diese ihrer Aufsichtspflicht nicht genügt habe.

Nachdem Klassenkamerad Anton die Klage ausgeführt hat, bringen die Verteidiger nacheinander ihre Argumente vor. Lukas aus der Klasse 9a verteidigt den 16-Jährigen: „Er handelte nicht fahrlässig, denn im 21. Jahrhundert ist es normal eine Zigarette wegzuschnippen“. Marco verteidigt die Mutter und nennt dabei sogar entsprechende Paragrafen – es klingt professionell. Daraufhin darf die Klägerseite nochmals auf die Argumente eingehen.

Der Senat unterbricht die fiktive Verhandlung und zieht sich zur Beratung zurück. Anders als in der Realität diskutieren die Richter nicht über das Urteil: Sie wählen die Klasse, die sich in dem Zivilrechtsstreit am besten angestellt hat, und küren einen der vier Schüler-Anwälte zum besten Redner.

Die Schüler haben Spaß und erhalten eine Auszeichnung

Der 15-jährige Lars berichtet in der Pause, dass er als erster Redner „schon aufgeregt“ war, außerdem sei es immer „komisch, seine eigene Stimme im Mikrofon zu hören“. Für die Verhandlung hätte er sich ein abwechselnden Austausch von Kläger und Beklagten gewünscht. Ansonsten hat es Lars Spaß gemacht, denn er interessiere sich auch für ein Jurastudium – kürzlich habe er deshalb sein Berufsorientierungspraktikum „BOGY“ am Cannstatter Amtsgericht gemacht.

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Die Anwesenden im Saal erheben sich wieder – der Senat kommt zurück und verkündet den Rollenspiel-Gewinner: Das Beklagten-Team, die 9a, bekommt den goldenen Pokal für die beste Klasse. Anton aus der 9c wird zum besten Redner mit einem silbernen Pokal gekürt. Zum Abschluss bekommen alle Schüler des Johannes-Kepler-Gymnasium eine Teilnahmeurkunde.

Mit dem Moot Court einen Einblick in die Justiz bekommen

„Moot Courts“ sind im anglo-amerikanischen Rechtsraum fester Bestandteil der Juristen-Ausbildung. Der Schüler-Moot Court am OLG soll die Möglichkeit, eine öffentliche Gerichtsverhandlung zu besuchen, für Schulklassen ergänzen. Zur Organisation schreibt OLG-Richterin Heike Krause im Voraus alle Stuttgarter Gymnasien und fragt nach interessierte Klassen an. Dieses Jahr haben sich wohl nur die zwei 9. Klassen des Cannstatter Gymnasiums gemeldet. Schade, denn neben der inszenierten Gerichtsverhandlung erhalten die Schüler einen Einblick in die beruflichen Möglichkeiten, die die Justiz bietet.

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