Alexandra Steinmann (links) und Mascha Hülsewig in der Boutique Erotique. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Mit Beate Uhse ist das älteste Erotik-Unternehmen in Europa pleite. Die Boutique Erotique Frau Blum im Stuttgarter Westen hingegen hält sich seit genau vier Jahren. Woran liegt das?

Stuttgart - Mit dem Internet wurde nicht nur eine Branche durcheinander gewirbelt. Mascha Hülsewig und Alexandra Steinmann erklären, wie sich der Erotikmarkt in den letzten Jahren gewandelt hat.

Frau Hülsewig, Frau Steinmann, den Namen Beate Uhse verbindet man mit Sex, Pornos – und Männern. Dabei ist es eigentlich der ­Name einer tollen Frau.
Steinmann: Ja, Beate Uhse war eine ganz ­tolle Frau. Eine Pionierin. Sie hat 1962 das erste Erotikgeschäft in Europa eröffnet, ein Erotikfachgeschäft für Ehehygiene. Sie hat Kondome auf den Markt gebracht und viel Aufklärungsarbeit geleistet.
Hülsewig: Es war wohl gar nicht ihr Grundgedanke, Erotikprodukte zu verkaufen, sondern sie wollte schon in der Nachkriegszeit eine Lösung für ein Problem der Trümmerfrauen bieten: Deren Männer kehrten mit ihren Kriegstraumata nach Hause – und dann wurde in diese Situation hinein ein Kind nach dem anderen geboren. Sie zeigte damit zudem auf, dass auch Frauen Sex nur der Lust wegen haben können.
Wie kam es dann zu dem Schmuddel-Image, das den Läden zuletzt anhaftete?
Hülsewig: Beate Uhse hatte mit einem Laden angefangen. Der war sehr erfolgreich, es ­kamen immer mehr Shops dazu. Aus dem kleinen Unternehmen wurde ein riesiger Konzern. Wenn man in so einem Umfang ­expandiert, ist es schwierig, Individualität, Qualitätskontrolle, Menschlichkeit und einen gewissen Stil zu halten.
Steinmann: Ich denke, diese Entwicklung kam zudem daher, dass vor allem Männer in diese Läden gegangen sind. Dadurch hat sich das Angebot am Bedarf der Männer orientiert. Alles, was auf den Markt kam, war irgendwie ordinär. Dazu kamen die ­pornografischen Filme, die demütigend, ­gewalttätig und respektlos den Frauen gegenüber sind.
Sie haben aber auch DVDs im Regal stehen.
Steinmann: Klar. Das sind aber sexpositive pornografische Filme.
Sexpositive Filme?
Steinmann: In den herkömmlichen Filmen gibt es Frauen, diverse Männer – Anzahl nach oben offen –, und an jeder Öffnung hängt ein Typ. Die sexpositiven Filme funktionieren ganz anders. Sie sind auch pornografisch und erst ab 18 Jahren freigegeben, aber sie werden zu einem Löwenanteil von Frauen gedreht, und die Darsteller sind keine Pornostars, sondern ganz normale Menschen, mit denen man sich als Frau leicht identifizieren kann. Die Filme erzählen ­kleine Geschichten und regen die Fantasie an. Es gibt Studien, die belegen, dass Frauen genauso viel Lust empfinden wie Männer, aber andere Bilder dafür brauchen.
Hat Beate Uhse also die weibliche Kundschaft als Zielgruppe zu lange Zeit unterschätzt – und musste deshalb im vergangenen Jahr Insolvenz anmelden?
Steinmann: Ja, das ist sicher mit ein Grund. Es ist ein großes Problem der Branche generell, dass die weibliche Sexualität viel zu spät bedient wurde.
Warum war das so?
Hülsewig: Ich glaube, dass Sexualität – über die Geschichte hinweg betrachtet – für Männer und Frauen unterschiedlich behaftet ist. Für Frauen war durch die männerdominierte Gesellschaft und die Kirche Sexualität im lustvollen Bereich nicht vorhanden. Es gab vielmehr immer schon Tipps, wie man Sex am besten über sich ergehen lässt.
Was für Tipps?
Hülsewig: Ende des 19. Jahrhunderts gab es einen Sexratgeber – von einer Pfarrersfrau für Frauen geschrieben. Da standen die üblichen Tipps drin wie: Migräne vortäuschen. Aber auch – und das fand ich ungeheuerlich: sich tot stellen. Das ist gesellschaftlich gesehen ganz tief in uns drin. Auch heute noch. Wir merken oft, dass die Frauen erst einmal ihre Sexualität zulassen müssen.
Frau Blum besteht am 1. März seit vier Jahren – was machen Sie anders als Beate Uhse?
Steinmann: Wir haben ein hochwertiges Konzept und deshalb keine Schnelldurchlauf-Kunden, die reinkommen und sich entweder einen Film oder ein Pornoheftchen holen. Zu uns kommen sowohl Männer als auch Frauen, die gerne Hochwertiges kaufen möchten, das nicht gesundheitsschädlich ist.
Und das Konzept funktioniert?
Steinmann: Am Anfang haben wir gedacht, wir machen den Laden auf – und die Kunden stürmen uns die Bude. Dann hat sich gezeigt, dass die Menschen eine Anlaufzeit brauchen, denn es ist ein sehr intimes Thema. Der Laden darf sich nach wie vor weiterentwickeln. Das Abendprogramm, das eigentlich als zusätzliches Bonbon für unsere Kunden gedacht war, wurde aber sehr schnell sehr gut angenommen. Das sind etwa Vorträge, Workshops, Lesungen und Burlesque-Shows. Im Moment sind wir an einem Punkt, wo wir kaum noch nachkommen.
Frau Hülsewig, Sie waren lange Pressesprecherin beim Friedrichsbau-Varieté. Warum haben Sie die Tätigkeit nun aufgegeben?
Hülsewig: Der Abschied fällt mir nicht leicht, aber beide Jobs schaffe ich nicht mehr. Frau Blum ist seit der Eröffnung stets gewachsen. Wir haben viele Ideen, die Veranstaltungen werden immer mehr, und es stehen spannende Projekte an. Es gibt genug zu tun. Hinzu kommt, dass ich Veränderung möchte und mein Leben selbst gestalten will. Die Zeit ist einfach reif, mich ganz Frau Blum zu widmen. Darauf freue ich mich.
Warum laufen die Veranstaltungen so gut?
Hülsewig: Durch das Abendprogramm nehmen wir einigen Menschen die Scheu, es ist ein Türöffner. Wenn sich die Gäste einen Vortrag hier anhören, kommen sie in erster Linie, um sich in einem besonderen Ambiente weiterzubilden. Zudem denke ich, dass wir mit den Veranstaltungen den Puls der Zeit getroffen haben. In der Richtung gab es ­bisher noch nichts: Das ist unser Institut für sexuelle Bildung (lacht).
Das brauchen wir heute noch?
Steinmann: Durchaus. Man kann zwar an jeder Ecke lernen, wie man eine Excel-Tabelle erstellt, aber Sexualität fängt man irgendwann mal an zu praktizieren – es gibt niemanden, der einen an das Thema hinführt, einem eine Art Lernen ermöglicht. Über diese Vorträge und Workshops bekommen wir übrigens auch mehr jüngere Kunden.
Die fehlten zunächst?
Steinmann: Ja. Am Anfang hatten wir mehr Frauen im Laden – und vor allem ältere Kunden ab 40 Jahren aufwärts. Das hat sich inzwischen ein bisschen gewandelt.
Kommen dann jetzt auch Männer?
Steinmann: Ja. Der meisten Männer kommen allerdings nicht, um für sich selbst was zu kaufen, sondern um was Schönes für ihre Frau zu finden. Das finde ich toll, weil man da wider alle Klischees sieht, dass Männer sich wirklich Mühe geben, etwas zu finden, das ihrer Frau Lust bereitet. Die Männer nutzen dabei dankbar die Möglichkeit, sich von Frauen beraten zu lassen. Denn die Sexualität des anderen Geschlechts ist oft ein Rätsel – für Frauen wie auch für Männer.
Beate, Mascha und Alexandra: lauter starke Frauen. Aber sind die meisten Akteure in dem Markt nicht noch immer männlich?
Hülsewig: Frauen sind in allen Bereichen auf dem Vormarsch, nicht nur in der Erotikbranche. Aber ja, auch in der Erotik gibt es immer mehr frauengeführte Unternehmen. Wir werden immer mehr starke Frauen.
Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: