„Ohne das Stuttgarter Publikum wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin“, sagt Patrizia Moresco. Foto: Christine Fenzl

Die Satirikerin Patrizia Moresco wuchs in Stuttgart auf, lebt nun seit fast 20 Jahren in Berlin und steht seit 40 Jahren auf der Bühne. Ihr Jubiläum feiert sie mit einem neuen Programm unter anderem im Theaterhaus.

Stuttgart - Patrizia Moresco fiebert der Premiere ihres Programms am 17. September im Theaterhaus entgegen: Im Montagsgespräch verrät sie, worum es geht.

Frau Moresco, es heißt im Ankündigungstext, Sie setzten mit Ihrem neuen Programm „#Lach_Mich“ da an, wo Sie bei Ihrem letzten Programm aufgehört haben – wo war das?

Es geht unter anderem wieder um Digitalisierung! Als ich 2016 damit angefangen ­habe, dachten die meisten: Ach, das ist doch alles halb so schlimm. Genauso ist es mit dem Thema Rechtsradikalismus. Damals sind noch Leute erschrocken, weil sie meinten, das sei übertrieben. Heute, drei Jahre später, erschrickt keiner mehr. Mittlerweile sind wir ja sogar so weit, dass ich selbst als Italienerin angegriffen werde. Bei Facebook hat einer geschrieben: Die soll sich doch mit einer ­Pizza in den Ofen legen.

Sie haben die Trends also vor allen anderen erkannt?

Nicht nur ich! Das ist der Sinn unseres Berufes, Dinge frühzeitig zu erkennen und mit Humor einzuordnen. Die Digitalisierung ist eingeschlagen wie ein Blitz. Als die Elektrifizierung kam, hatte man mehr Zeit, sich ­darauf einzustellen. Heute haben die Leute Schiss, ihren Job zu verlieren. Sie sehen aber oft nicht, dass auch viele neue Arbeitsplätze dazukommen. Roboter machen vielen Angst, dabei überleben einige Menschen auch nur dank Robotern. Oder denken Sie an künstliche Bienendrohnen, die Blumen bestäuben. Natürlich gibt es aber auch Negatives. Dass wir abgehört werden, zum Beispiel.

Sie sind demnach gar nicht so kultur- und technikpessimistisch?

Ich habe überhaupt nichts gegen Künstliche Intelligenz! Aber setzt die eigene bitte auch noch ein!

Also war früher doch nicht alles besser?

Nein! Früher war vieles anders. Die Nachrichten zum Beispiel und wie sie kommuniziert wurden. Mach morgens den Newsticker an, nichts als Krisen, Kriege, Katastrophen! Ich fühle mich jeden Morgen, als hätte ich eine Arschbombe in ein leeres Schwimm­becken gemacht.

Wie lange leben Sie jetzt in Berlin?

Seit 19 Jahren. Hier lebst du umgeben von allen Kulturen. Berlin ist Babylon. Es ist nicht immer einfach. Aber es ist gut. Ich liebe es hier. Ich bin ja vom Ammersee hierhergezogen. Das Erste, was ich in Kreuzberg gesehen habe, war die Suppenküche. Am Ammersee hingegen kannst du schnell vergessen, dass es Armut gibt.

Es gibt in Berlin ja aber nicht nur Suppenküchen, sondern auch instagrammable ­Gegenden wie den Prenzlauer Berg. Sind Sie bei Instagram?

Ja. Leider ist das ja alles Fake. So viele Filter wie ich auf meinem Handy hab! Wenn ich morgens um zehn Uhr ein Bild bei Instagram hochlade, sehe ich aus wie eine Frischhaltefolie. Dabei ähnle ich um die Uhrzeit eigentlich eher der Schildkröte aus der „Unend­lichen Geschichte“.

Was halten Sie vom Beruf des Influencers?

Eine Katastrophe! Sei klug, bleib dumm – dann machst du die Kohle! Mit Nichtskönnen schaffst du heute den Durchbruch! Ein bisschen die Haare hochpushen, Lippen aufspritzen – bam! Dann hast du ein paar Millionen Follower. In Schweden gibt es einen Typen, der ist Millionär (Gemeint ist der Youtuber PewDiePie, Anmerkung der Redaktion). Der sitzt nur zu Hause und spielt Spiele einer Firma, von der er gesponsert wird. Und die Leute schauen ihm dabei zu, wie er dieses Spiel spielt. Kann’s wahr sein?

Andererseits hat mit Rezo doch erst ein Youtuber für Furore im politischen Berlin gesorgt.

Ja, das hat mich total gefreut. Aber auch bei den Youtubern und Influencern hat sich ein uraltes Rollenbild etabliert: Rezo als Mann spricht über Politik und macht Comedy. Die Frauen kümmern sich um Beauty. Neulich habe ich eine Youtuberin gefragt, warum sie sich nicht auch mal ernsterer Themen annimmt. Nehmen wir den Feminismus zum Beispiel. Sie meinte, dann würde sie kein Geld mehr verdienen. Sie hätte das versucht, aber ihr Sponsor hätte sofort alle Verträge gekündigt. Entsetzt hat mich jedenfalls, wie die Politiker auf Rezo reagiert haben. Was die für eine Arroganz und Ignoranz an den Tag legen, macht mich wahnsinnig! Aber Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Ich bin dieses Mal in meinem Programm, glaub ich, nur böser.

Erfordern das die Zeiten?

Ja, mir bleibt ja nichts anderes übrig. Die Zeiten erfordern, dass man den Mund aufmacht. Fridays for Future finde ich großartig, aber es wäre eigentlich die Arbeit von uns Erwachsenen, den Kindern eine gesunde Welt zu hinterlassen. Wir sind zu bräsig, zu satt. Fragt man jemanden, ob er mit zum Demonstrieren komme, heißt es: Ah, heute leider ganz ungeschickt, ich muss meinen neuen SUV holen, Carla zur Schule fahren, und morgen flieg ich nach Hannover. Aber dafür werden jeden Tag Petitionen ausgefüllt.

Viele glauben, sie könnten nichts ausrichten.

Viele halten sich für zu klein und unbedeutend. Meine Antwort darauf ist: Hast du schon mal mit einem Moskito im Zimmer geschlafen?

Sie feiern in diesem Jahr auch Ihr 40-Jahr-Bühnenjubiläum.

Ich habe in dieser Zeit Unglaubliches erlebt, habe Filme gedreht, Regie geführt und war 21 Jahre lang mit der Stuttgarter Comedygruppe Shy Guys international unterwegs. Dafür bin ich dankbar und möchte wirklich keinen einzigen Tag missen. Und ich bin auch stolz darauf, um ehrlich zu sein. Und ohne das Stuttgarter Publikum und das Theaterhaus Stuttgart wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin!

Wie hat sich die Comedyszene verändert?

Der Unterschied zu heute ist, dass du damals Fehler machen durftest. Du konntest Dinge ausprobieren. Leistung ist mittlerweile das elfte Gebot, und Fehler werden nicht mehr toleriert. Es ist schade, dass das auch im Kabarett und bei der Comedy so ist. Alle meine Kollegen testen deshalb ja auch ihre Programme bei Vorpremieren. Nur ich nicht, ich bin doof.

Dann sind wir nun umso gespannter auf die Premiere in Stuttgart.

Ich auch! Ich muss jetzt auch endlich raus mit dem Ding, ich krieg noch ’nen Vogel!

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