Die Enttäuschung ist überwunden: Die damaligen Parteivorsitzenden Claudia Roth und Cem Özdemir verkünden die Wahlniederlage der Grünen im Septbember 2013. Foto: dpa-Zentralbild

Die Grünen wollen wieder mitregieren im Bundestag von 2017 an. Hier die vorläufige Liste der möglichen Spitzenkandidaten.

Berlin - Als die Grünen 2005 aus der rot-grünen Bundesregierung geflogen sind, begann ihr Weg heraus aus dem linken Lager, in dem sie bis dahin verhaftet waren. Sie waren damals in keiner einzigen Landesregierung vertreten. Beim Oldenburger Nachwahl-Parteitag im Oktober 2005 versuchte die damalige Parteichefin Claudia Roth ihre Partei noch mit der Aussage zu trösten, dass Opposition kein Mist sei, sondern eine wichtige Aufgabe in der Demokratie. Das tröstet heute niemanden mehr. Heute tragen die Grünen zehn Landesregierungen mit – in Zweier- und Dreier-Bündnissen, mit rotem oder schwarzem Partner. Das Wahlziel für 2017 steht fest: Sie wollen regieren – in welcher Koalition ist offen. Wie links, rechts oder mittig ihr Wahlprogramm ausfällt, wird später entschieden. Jetzt geht es um die personelle Aufstellung. Drei Männer und eine Frau konkurrieren um einen Platz im Wahlkampfduo. Dass noch weitere Bewerber in den Ring steigen, ist möglich. Von dem Quartetts werden zentrale Impulse für die Kurs-Bestimmung erwartet.

b>Der Grün-Neudenker aus dem hohen Norden: Robert Habeck

Auf dem Titelbild seines neuen Buches steht Robert Habeck, 47, lachend und mit ausgebreiteten Armen am Strand, als wolle er die Welt umarmen. Ganz so hoch gesteckt ist sein Nahziel nicht: Da geht es „nur“ darum, bei der grünen Urwahl, die Basis von seiner Bewerbung um einen Spitzenplatz im nächsten Bundestagswahlkampf zu überzeugen. Mindestens zwei Kunststücke hat der Energie- und Umweltminister aus der schleswig-holsteinischen Landesregierung geschafft: Obwohl er seinen Hut als erstes und bereits vor eineinhalb Jahren in den Ring geworfen hat, wirkt seine Kandidatur nach wie vor unkonventionell und frisch. Und obzwar er an der Kieler Förde Vize-Ministerpräsident ist, schafft Habeck es, sich als „Underdog“ zu präsentieren, dessen Bewerbung quer liegt zu den Ambitionen der anderen, auf Spitzenpositionen der Bundes-Grünen fest etablierten Konkurrenten. In den vergangenen 15 Monaten ist Habeck kreuz und quer durch die Republik getingelt, um sich in grünen Kreisen und darüber hinaus bekannter zu machen.

Habecks Originalität erschöpft sich nicht darin, als bisheriger Landespolitiker den Sprung an die Spitze der Bundespolitik zu wagen. Als Schriftsteller, der er vor seinem Einstieg in die Politik war, Intellektueller und Politiker mit Regierungsverantwortung, schafft er es in einer ziemlich prickelnden Sprache aus dem Privaten das Politische zu entwickeln, aus konkreter Wirklichkeit Ideale abzuleiten. Alles Grüne will der Realo Habeck neu denken: das Flügeldenken überwinden, die Lagergrenzen hinter sich lassen, grüne Meinungsführerschaft anstreben und sich nicht auf Koalitionen festlegen. Aus seiner Sicht müssen die Zeiten vorbei sein, in denen andere Parteien sich bei Koalitionsbedarf die Grünen als „Umwelt-App“ für die Politik heruntergeladen haben. Habeck will die Grünen als Partei positionieren, die den Anspruch hat, aus ihrer Programmatik heraus in allen Politikfeldern Orientierung zu bieten.

Der Kern-Grüne aus Bayern: Anton Hofreiter

Wenn Anton Hofreiter (46), der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, sich im grünen Kosmos verorten soll, braucht er dazu nur vier Worte: „Ich bin der Öko.“ Das ist nicht nur, aber auch auf seine Konkurrenten in der Urwahl um die Spitzenkandidatur gemünzt. Er klingt mit seinem bayerischen Zungenschlag dann ein bisschen, wie die Protagonisten der ziemlich genialen Werbekampagne des „Bayerischen Rundfunks“. Landsleute unterschiedlichster Couleur präsentieren sich dort mit den Worten: „I bin der Sepp, die Resi, der Gino oder die Samara, und da bin i dahoam.“

Ideologisch-politisch ist Anton Hofreiter dort daheim, wo die Grünen ihre Kernkompetenz haben: Der studierte und promovierte Biologe ist schon als Schüler zu den Grünen gestoßen, gehört zum linken Flügel und gilt seinen Anhängern als Garant dafür, dass er ökologische Kernforderungen der Grünen nicht für ein politisches Linsengericht aufgeben wird. Hofreiters jüngstes Buch „Fleischfabrik Deutschland“ ist eine schonungslose Abrechnung mit der Massentierhaltung. Agrar-, Energie- und die Klimawende sieht er als globale Schlüsselaufgaben des 21. Jahrhunderts. Radikalität und Leidenschaft will er auch als Spitzenkandidat behalten. „Wir müssen ändern, was falsch läuft“, fordert er. „Klar: Es braucht auch Kompromisse und Pragmatismus.“ Trotzdem sei er „nicht zu den Grünen gegangen, um eine Politik des kleinsten gemeinsamen Nenners zu machen.“

In der Koalitionsfrage ist Hofreiter so klar wie die anderen Bewerber: Er kämpft nicht für ein spezifisches Bündnis, sondern für starke Grüne. Er will Schwarz-Grün nicht ausschließen, aber auch keinen Kuschelkurs mit der Union. Doch auch mit den Linken kuschelt er nicht, stellt Differenzen klar heraus. Dass auch Rot-Rot-Grün für ihn kein Selbstläufer ist, ist ihm als Signal wichtig.

Der Schwarz-Grüne aus dem Südwesten: Cem Özdemir

Eigentlich hätte Cem Özdemir (50) den Satz sagen können, mit dem Angela Merkel das TV-Duell vor der Bundestagswahl 2013 für sich entschieden hat: Sie kennen mich. Das sagt er aber natürlich nicht in seinem Bewerbungsvideo. Özdemir ist ein Phänomen: Allein dass er sich seit acht Jahren mit wechselnden Partnerinnen an der Parteispitze hält, kommt bei den rotationsbewegten Grünen einem Wunder gleich. Er ist einer der bekanntesten Grünen, spielt schon sehr lange vorne mit. 1994 war der „anatolische Schwabe“ aus Bad Urach, der erste türkisch-stämmige Abgeordnete im Bundestag; 2008 wurde er der erste türkisch-stämmige Parteichef; bei jeder dieser Etappen überschlugen sich türkische Medien fast über diesen Erfolg eines „Einwandererkindes“ - das nie eingewandert ist, sondern in einem schwäbischen Kreissaal geboren wurde und mit 18 die deutsche Staatsbürgerschaft erlangte. Heute bekommt Özdemir Morddrohungen, weil er Ankaras Staatspräsidenten Rejeb Tajib Erdogan als Autokraten kritisiert und die Resolution über den Völkermord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg maßgeblich vorangetrieben hat.

Heute kann Özdemir seine bekannte Biografie eines Migrantenkindes, das es in der deutschen Politik nach oben geschafft hat, wie neu erzählen. Nicht weil es Neues zu erzählen gäbe - mal abgesehen davon, dass er als Parteichef Führungvermögen gewonnen hat - sondern weil er angesichts des Flüchtlingzustroms und der riesigen Integrationsaufgabe, die die Bundesrepublik erst noch bewältigen muss, ein Hoffnungsträger eigener Art ist: Der baden-württembergische Realo, der im Berliner Problem-Kiez Kreuzberg lebt, ist der lebende Beweis, dass Integration gelingen kann. Dabei steht Özdemir keineswegs für Multikulti, sondern für das „Fördern und Fordern“ als Leitprinzip der Integrations- und Flüchtlingspolitik. Auch Cem Özdemir ist in Koalitionsfragen offen, strahlt aber die klarste Präferenz für Schwarz-Grün aus.

Die grüne Frau: Katrin Göring-Eckardt

Die Urwahl in diesem Jahr muss Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt (50) als verkehrte Welt empfinden: Vor der Bundestagswahl 2014 war Jürgen Trittin als Besetzung des männlichen Parts mangels Konkurrenz unangefochten, während sie sich – im Ergebnis dann überraschend klar – gegen die Mitbewerberinnen Renate Künast und Claudia Roth durchsetzen musste. Dieses Mal ist die Lage umgekehrt: Drei Männer konkurrieren, während ihre Bewerbung auf dem Frauenticket gute Chancen hat, die einzige zu bleiben.

Dass Katrin Göring-Eckardts Spitzenposition so unangefochten erscheint, ist durchaus erstaunlich, denn 2013 waren die Grünen mit 8,5 Prozent weit unter den Erwartungen geblieben. In der Konsequenz verlor der linke Ko-Spitzenkandidat Jürgen Trittin wegen der Wahlniederlage seinen Platz in der ersten Reihe. Die Frau mit dem bürgerlichen Profil aus dem Osten wurde dagegen Fraktionschefin und sicherte sich die Rückkehr in die operative Politik der Grünen. Vor der Spitzenkandidatur 2013 war sie als stellvertretende Bundestagspräsidentin und als Präses der Evangelischen Kirche Deutschlands der Parteipolitik schon fast entschwebt.

Konstant geblieben ist seither, dass Katrin Göring-Eckardts, die zum Realo-Flügel zählt, als wandelnde Konsensorientierung auftritt. Der „Spiegel“ hat sie einmal als Anti-Pippi geschmäht, weil ihr im Gegensatz zu Astrid Lindgrens Kinderbuchheldin – und vielen Grünen der westdeutschen Gründergeneration – alles Anarchische abgeht. Ein anderes Mal wurde sie zur „Mutter Teresa“ erhoben, was auch nicht als Kompliment gemeint war und auf ihren Kirchentagston abzielte. Konfrontation ist ihre Sache nicht. Versöhnen statt spalten könnte, wenn es nicht so abgenutzt wäre, ihr Motto sein – umso mehr, als eine ordentliche Portion Machtinstinkt sich dahinter wohl verbergen lässt.

www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.bundestagswahl-2017-gruene-bereit-zu- linksregierung.44b58caf-f055-4c14-a2d9-3523fb8f40d6.html www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.spitzenkandidatur-gruene-und-jugend- halten-an-doppelspitze-fuer-bundestagswahl-fest.302fe8d0-14a6-40f5-8a8...

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