Die britische Designerin Stella McCartney verzichtet seit Jahren konsequent auf tierische Produkte. Sie setzt seit der Gründung ihres Modeunternehmens im Jahr 2001 auf vegane Materialien, auch in ihrer aktuellen Kollektion. Foto: AFP/PHILIPPE LOPEZ

Immer mehr Designer setzen auf Kunstleder aus pflanzlichen oder recycelten Stoffen. Das nennt sich veganes Leder und spiegelt den Zeitgeist der Nachhaltigkeit wider. Ist aber auch ein Geschäft mit dem guten Gewissen.

Stuttgart - Jacken aus Kork, Schuhe aus Mais, Taschen aus Papier – der Trend zum tierfreien Konsum zeigt sich auch in der Mode. Der letzte Schrei: veganes Leder. Der Begriff mutet zunächst wie ein Widerspruch in sich an, ähnlich wie die Begriffe vegetarische Wurst oder vegane Milch. Schließlich ist Leder per se ein tierisches Material. Veganer Lederersatz heißt es korrekt, denn es handelt sich auch um etwas anderes als um herkömmliches Kunstleder, was in der Bekleidungsindustrie gang und gäbe ist.

Die Produktion steckt noch in den Kinderschuhen

Kunstleder, wie wir es kennen, besteht aus PVC. Ein neues Material, das irreführenderweise als veganes Leder bezeichnet wird, ist aus Polyurethan. Das ist, ebenso wie PVC, ein Plastik, das nicht recycelbar ist und in der Produktion Giftstoffe ablässt. „Echtes veganes Leder wird ausschließlich aus pflanzlichen Materialien wie Baumrinde, Ananasfasern oder Pilzkulturen hergestellt“, sagt die Textilexpertin Madeleine Häse. Die Produktion stecke jedoch in den Kinderschuhen und sei derzeit noch nicht für die Massenproduktion geeignet. Häse ist Professorin an der Fachhochschule Pforzheim und leitet den Studiengang Accessoiredesign. „Es wird viel experimentiert, um Mode nachhaltig zu machen. Auch bei echtem Leder gibt es viele Ansätze, die Produktion umweltfreundlicher zu gestalten, zum Beispiel mit veganen Gerbstoffen.“

Pilzleder fühlt sich ähnlich an wie Filz

Das US-Unternehmen Modern Meadows experimentiert wiederum mit der Züchtung von Lederersatzmaterialien im Labor. Myco Works, ebenfalls ein US-Unternehmen, forscht an der Lederersatzproduktion aus Pilzkulturen. Und das deutsche Biotechnologieunternehmen Scoby Tec in Leipzig hat bereits Lederersatz aus Kombucha, einem aus der Getränkeproduktion bekannten Pilz, produziert. Der Bio-Zunderschwamm, ein Pilz aus dem bayrischen Wald, wird in der Lederersatzproduktion ebenfalls ausprobiert. Pilzleder ist ein atmungsaktives Material, das sich ähnlich wie Filz anfühlt und durch sein geringes Eigengewicht angenehm zu tragen ist.

Die Designerin Stella McCartney verzichtet auf tierische Produkte

Ebenso gehören Hanfleder und Ananasleder, genannt Piñatex, das aus Ananasfasern gewonnen wird, zu den veganen Lederersatzarten. Diese Materialien sind nachhaltig, robust und eine günstige Alternative zu echtem Leder. Angeblich wird derzeit an veganem Lederersatz aus Mangofasern und anderen Früchten geforscht. Das „Fruit Leather“ soll bald in Deutschland erhältlich sein.

Eine Designerin, die schon seit Jahren konsequent auf tierische Produkte verzichtet, ist die Britin Stella McCartney. Sie setzt seit der Gründung ihres Modeunternehmens im Jahr 2001 auf vegane Materialien, auch Kunstleder integrierte sie immer wieder in ihre Kollektionen. In ihrer aktuellen Herbst-Winter-Kollektion gibt es Mäntel im Trenchcoat-Stil aus veganem Leder. Seit 2017 arbeitet McCartney mit der Umweltschutzorganisation Parley Ocean Plastic zusammen und setzt für ihre Kunstleder-Produkte recyceltes Plastik ein, das die Organisation weltweit an Stränden und Küsten sammelt.

Sneaker aus Maisleder

Der Sneaker „Stan Smith“ von Stella McCartney für Adidas wurde nach diesem Verfahren produziert. Auch das französische Sneaker-Label Veja hat es geschafft, mit einem nachhaltigen Konzept zur Trend-Marke zu werden. Das Label stellt nun zum zweiten Mal in diesem Jahr einen Sneaker als vegane Variante vor. Nach dem Campo kommt nun der V-10 aus Maisleder auf den Markt. Marken wie Nuuwai, Nanushka, Koché, A.W.A.K.E und Mansur Gavriel versuchen sich ebenfalls an Mode und Accessoires aus veganem Lederersatz.

Wie nachhaltig diese Vorstöße tatsächlich sind und wie konsequent sich die Modebranche in die ökologische beziehungsweise vegane Produktion entwickelt, wird sich zeigen. Der Trend passt jedenfalls bestens zum nachhaltigen Zeitgeist. „Veganes Leder ist oftmals deutlich ökologischer und vor allem tierfreundlich“, sagte kürzlich Johanna Fuoß, Fachreferentin für Bekleidung und Textil bei der Tierschutzorganisation Peta. Anlass war eine Klage des Verbands der deutschen Lederindustrie gegen den veganen Handtaschenhersteller Nuuwai.

Rechtsstreit wegen Bezeichnungen für veganes Leder

Es ging um die Verwendung der Bezeichnungen „Apfelleder“ und „veganes Leder“. Das Landgericht Hannover urteilte entgegen der Ansicht des Lederverbands: die Begriffe seien weder irreführend noch wettbewerbswidrig. „Auch Streitereien über Begrifflichkeiten können den Verbraucher nicht darüber hinwegtäuschen, dass für tierisches Leder jährlich mehr als 1,3 Milliarden Rinder, Ziegen und Schafe qualvoll getötet werden“, kommentierte die Peta-Referentin Johanna Fuoß.

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