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Innerhalb weniger Monate haben sechs Supermodels Babys bekommen.

Stuttgart - Familie ist im Trend in der Modelszene. "Kinder schaffen ein Gegengewicht zur Künstlichkeit des Showbusiness", sagen Psychologen. Der Babyboom spiegelt die Situation in der Gesellschaft wider.

Männer braucht kein Mensch hat das Topmodel Gisele Bündchen (29) einmal gesagt: "Wozu ein Mann? Ich habe drei Hunde, zwei Pferde und fünf Schwestern." Damals war sie Anfang 20. Inzwischen hat sich ihre Meinung geändert. Seit Dezember 2006 ist die Brasilianerin mit deutschen Wurzeln mit dem britischen Footballspieler Tom Brady (32) liiert. Drei Jahre später kam der gemeinsame Sohn Benjamin zur Welt. Familie zu gründen liegt in der Modelszene im Trend. Seit vergangenem Sommer brachten die Topmodels Karolâna KurkovÖ (26), Adriana Lima (28), Alessandra Ambrosio (29) und Heidi Klum (36) Kinder zur Welt. Claudia Schiffer (39) bildet mit ihrem dritten Kind das Schlusslicht in der Babyboom-Kette. Aber nur vorläufig. Als Nächste wird das frühere deutsche Supermodel Nadja Auermann (39) ihr Kind gebären.

Für Models bedeutet Schwangerschaft, aus einem rigiden und harten Arbeitsalltag auszubrechen. "Wenn Models schwanger sind, können sie machen und essen, was sie wollen", sagt Jana Ina Zarella (33). Sie arbeitet selbst als Model. Während ihrer Schwangerschaft hat sie sich für eine Reality-Soap von Pro Sieben filmen lassen. "Models wollen menschlich bleiben", sagt sie. "Das Modelgeschäft kann manchmal oberflächlich sein. Da lernt man: Das Wichtigste im Leben ist es, eine Familie zu haben." Der Sohn von Jana Ina und "Popstar"-Gewinner Giovanni Zarella (32) ist jetzt 19 Monate.

"Kinder können Frauen etwas geben, was Geld, Erfolg, Karriere nicht können", sagt Psychologe Michael Thiel (50). "Sie schaffen ein Gegengewicht zur Künstlichkeit und Sterilität des Showbusiness." In der Modelszene spiegelt sich wider, was für viele Frauen gilt. "Berufstätige Frauen versuchen, alles unter einen Hut zu kriegen", sagt Thiel: Freunde, Hobbys, Karriere und Familie. Fast 90 Prozent der Frauen unter 29 wollen finanziell unabhängig sein. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie "Frauen auf dem Sprung" des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung.

"Mutter sein und trotzdem schön und sexy"

Etwa genauso viele wollen Kinder. Glaubt man Jana Ina Zarella haben Models eine Vorbildfunktion. "Man sieht an deren Beispiel: Man kann Mutter sein und trotzdem arbeiten. Und man kann Mutter und trotzdem schön und sexy sein." Diese Vorbildfunktion hat auch ihre Schattenseiten. Models präsentieren sich nur wenige Wochen nach der Entbindung wieder auf dem Laufsteg. Heidi Klum etwa lief im März sechs Wochen nach der Geburt ihres vierten Kindes für Victoria Secrets. Das US-amerikanische Label lässt seine Models mit Engelsflügeln auf dem Rücken Unterwäsche vorführen. Experten warnen vor magersüchtigen Müttern. Das Krankheitsbild der postnatalen Anorexie, also der nachgeburtlichen Magersucht, ist den Medizinern zufolge nicht neu, aber auf dem Vormarsch.

"Ich finde es schon ein bisschen verrückt, nach zehn Tagen wieder dünn zu sein wie Heidi Klum", sagt Jana Ina Zarella. Ihrer Meinung nach ist das nicht realistisch. "Es findet statt, also ist es auch realistisch", widerspricht Louisa von Minckwitz. Sie ist die Chefin von Louisa Models, einer der größten Modelagenturen Deutschlands mit Sitz in München und Hamburg. Das sei eine Frage der Disziplin. "Wenn eine Frau meint, in der Schwangerschaft 25 Kilo zunehmen zu müssen, kann sie nicht davon ausgehen, dass sie zwei Monate nach der Entbindung wieder Normalgewicht hat." Sie habe selbst drei Kinder und trage immer noch Kleidergröße 36, sagt das ehemalige Model. "Wenn eines meiner Mädchen schwanger ist, reagiere ich ganz entspannt. Die Mädchen wissen selbst, dass Konkurrenz überall lauert."

Auffällig in der Modelwelt ist, dass ein oder zwei Kinder offenbar nicht genug sind. Claudia Schiffer und bald auch Nadja Auermann haben drei, Heidi Klum sogar vier Kinder. "Diese Frauen haben eben die finanzielle Möglichkeit, Kindermädchen und Haushälterinnen zu beschäftigen", sagt Michael Thiel. Er sieht darin eine Sehnsucht nach der idyllischen Großfamilie als Kontrast zu den oberflächlichen Kontakten in der Geschäftswelt. "Wenn man trotz eines anstrengenden Jobs Kinder haben möchte, muss man darauf achten, dass für sie gesorgt ist", sagt er. "Kinder brauchen Bezugspersonen, zu denen sie eine feste Bindung aufbauen können." Studien des Psychologen haben ergeben, dass solche Kinder häufig eine engere Beziehung zu ihren Kindermädchen haben als zu den eigenen Eltern. Für ihn ist wichtig, dass Kinder nicht nur als Mittel benutzt werden - etwa um aus der Modelwelt auszubrechen. "Jedes Kind soll um seiner selbst willen auf die Welt kommen, nicht um einem Zweck zu dienen."

Sonst sollte man sich doch besser an Hunde, Pferde oder kinderlose Footballspieler halten - so wie Giselle Bündchen noch vor einem Jahr.

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