Schick, schicker, ein Mann in Florenz Foto: Getty

Italienische Männer wirken immer wie aus dem Ei gepellt – deutsche Männer eher nicht. Warum?

Rom - Es scheint so einfach zu sein. Die Anzughose in Hochwasserlänge, dazu Lederschuhe in guter Qualität, wahlweise mit bunten Socken oder gleich barfuß. Egal zu welcher Jahreszeit. Dann noch den klassischen Mantel locker über die Schultern geworfen - und fertig angezogen ist der italienische Durchschnittsmann. So zumindest scheint es, wenn man durch die Straßen italienischer Großstädte schlendert. Dieser Tage noch mehr als sonst: Die Modemesse Pitti Uomo hat vergangene Woche wieder unzählige Hobbymodels, Blogger und Einkäufer nach Florenz gelockt, und an diesem Dienstag geht in Mailand die Modewoche der Männer zu Ende. Stellt sich die, zugegeben etwas zugespitzte, Frage: Warum kann der Italiener sich anziehen – und der Deutsche nicht?

Auf der Modemesse in Florenz sind auch viele deutsche Männer unterwegs. Gut angezogene, die diese Frage jedoch in keiner Weise beleidigt. Sie scheinen sich dessen bewusst zu sein, dass sie die Ausnahme einer ungeschriebenen Regel sind. „Die Italiener sind extrovertierter, man zeigt sich gerne“, sagt ein älterer Herr im unauffälligen blauen Anzug samt kariertem Hemd, der seinen Namen aber nicht nennen möchte. Denn: „In Deutschland gilt es doch schon als protzig, wenn man gerne Geld in Mode investiert. Es ist irgendwie verpönt.“ Doch am Geld kann es nicht liegen: Laut des europäischen Statistikamts Eurostat sind die Ausgaben pro Haushalt für Kleidung und Schuhe in Deutschland zwischen 2005 und 2015 leicht zurückgegangen: von 5,2 Prozent der Gesamtausgaben auf 4,8 Prozent. In Italien sank der Anteil im selben Zeitraum von 6,9 auf 6,3 Prozent. Kein nennenswerter Unterschied.

Also, was rät der Italiener dem Deutschen? Was lässt den Stil des italienischen Mannes so mühelos, so selbstverständlich wirken? Die für viele wohl niederschmetternde Antwort: Es liegt in den Genen. „Die Mode – sie ist Teil unserer Kultur“, sagt Brunello Cucinelli. Der italienische Designer ist weltweit bekannt für seine Kaschmirpullover made in Italy. „Ich komme aus einer Bauernfamilie. Als ich ein Kind war, hat mir meine Mutter eine grüne Cordhose geschenkt“, erzählt er 63-Jährige. Er habe sie überhaupt nicht gemocht. „So wenig, dass ich sie vergraben habe. Ich wollte kein Grün tragen! Da war ich neun Jahre alt. Das zeigt doch, dass wir, was die Mode angeht, irgendwas in unserer DNA, in unserem Blut haben.“

Modisch überforderte Männer holen sich inzwischen im Internet Hilfe

Das glaubt auch der Fotograf Scott Schuman, der den Modeblog „The Sartorialist“ betreibt und dafür weltweit den Stil auf den Straßen dokumentiert. Der US-Amerikaner hat aber noch eine andere Theorie, was die Leichtigkeit der italienischen Männermode betrifft. „Ich kann nur für die Italiener sprechen, die ich kenne, aber das sind schon einige. Viele von ihnen bekommen heute noch Hilfe von ihren Müttern, die für sie waschen und bügeln zum Beispiel. Und wenn es nicht die Mama ist, dann haben sie eine Haushaltshilfe“, sagt Schuman. In den USA und auch in Deutschland sei das anders. Dort sei mehr die reine Putzhilfe verbreitet, aber nur wenige haben wirkliches Hauspersonal, das sich um alles kümmert. „Ich kenne einen Italiener, der hat seit 22 Jahren dieselbe Haushaltshilfe – und er hat immer glänzende Schuhe, seine Hemden sind perfekt gebügelt und halten ewig.“ Er selbst finde oft nur schwer die Zeit, seine Hemden zu bügeln. „Und so geht es sicher auch vielen deutschen Männern.“

Den Stil deutscher Männer empfindet Schuman als sehr korrekt. „Aber die, die ich kenne, sind eigentlich immer gut angezogen, nie irgendwie lotterig“, sagt er. In Japan oder in den USA zum Beispiel seien viele Männer eher etwas schluderig angezogen – „aber dann genau auf die richtige Art. In Deutschland ist man oft ein bisschen zu korrekt, zu bewusst.“ Für ihn ist das kein Zeichen mangelnder Kreativität. „Ich glaube sogar, in den USA und in Deutschland gibt es mehr Freiheit, was Mode angeht – es gibt mehr, aus dem man wählen kann.“ Die deutsche Männermode sei sogar oft kreativer als die italienische. „Aber gerade das macht es schwieriger, seinen Style zu finden. Es gibt zu viele Optionen.“ Und der Deutsche plane nun einmal gerne. Seit einiger Zeit finden modisch überforderte Männer online Hilfe: Shops, die nach einer kurzen Befragung des Kunden komplette Outfits zu ihm nach Hause schicken: vom Schuh über die Socken bis hin zum Einstecktuch. Ein Geschäft, das boomt. Die bekannteste Plattform, das 2012 gegründete Unternehmen Outfittery, hat nach eigener Aussage heute rund 400.000 Kunden in acht Ländern, die Hauptmärkte seien aber mit Abstand Deutschland, Österreich und die Schweiz.

Am Ende sollte Mann sich vielleicht gar nicht zu viele Gedanken machen. Denn auch in der Mode ist weniger oft mehr. Die Italiener hätten einen letzten entscheidenden Vorteil, sagt Schuman: Der italienische Stil ändert sich nie sehr stark, er ist eigentlich sehr klassisch. „Mit der italienischen Männermode ist es doch im Grunde wie mit dem italienischen Essen“, so der Blogger: „Es ist sehr gut! Und im Grunde auch sehr einfach. Oft ist es nur aus drei Zutaten zusammengestellt. Aber eben richtig zusammengestellt.“

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