Frische Farben, wilder Look: Illustration von Antonio Lopez (Ausschnitt) von 1966 Foto: Elleke Collection

Die Galerie Stihl in Waiblingen hat sich ein ungewöhnliches Thema vorgenommen: Modeillustrationen, die die Entwürfe von Dior, Lacroix und Gaultier auf ihre Weise interpretieren.

Waiblingen - Mit dem Kostüm könnte man auf dem Finanzamt anheuern. Als Politesse würde man sich Respekt verschaffen. Der schliche, gerade geschnittene Rock und der hochgeschlossene Blazer stünden auch einer Stewardess gut an. Denn so, wie das Kostüm aus grauem Wollflanell in der Galerie Stihl auf der Schaufensterpuppe hängt, macht es wenig her und erinnert eher an eine Uniform. Dabei ist es mit klingenden Namen verbunden, 1960 entwarf Yves Saint Laurent es für Dior – aber es kommt nur getragen zur Geltung. Auf der Illustration der Modezeichnerin Trude Stein bekommt es plötzlich Pfiff. Ein weißer Organzaschal lässig um den Hals geschlungen – und schon ist der Eindruck von Strenge verflogen.

Aber so ist es eben mit der Mode – Körper und Schnitt müssen sich ergänzen. Was auf dem Bügel gut ausschaut, kann getragen unvorteilhaft wirken – und umgekehrt. Deshalb haben Modeillustratoren die Jacken, Kleider, Hosen der großen Designer auf ihren Zeichnungen auch immer in Szene gesetzt. Die Galerie Stihl in Waiblingen führt nun vor, wie sich diese Inszenierungen im Lauf der Moden gewandelt haben und wie stark der Zeitgeist in die Zeichnungen hineinwirkte. Das Porträt der mondänen Fotografin Lee Miller etwa ist auf einer Illustration aus dem Jahr 1927 vor einer nächtlichen Kulisse zu sehen, die – typisch für die Zeit – mit zahllosen Lampen erleuchtet ist, so, wie man sich eine moderne Großstadt damals vorstellte. Vierzig Jahre später schaut eine Illustration von Antonio Lopez eher aus wie das Plattencover einer Band im LSD-Rausch – mit beschwipsten Linien in Lila, Orange und Gelb und Schrift, die wie Kaugummi verzogen ist.

Die Illustratoren mussten häufig aus dem Gedächtnis zeichnen

„Dior, Lacroix, Gaultier“ nennt sich die Ausstellung in der Galerie Stihl, die sich mit „Haute Couture auf Papier“ befasst und einen Streifzug durch hundert Jahre Modeillustration präsentiert. Diese Blätter darf man nicht verwechseln mit Entwurfsskizzen der Designer, die den Kollektionen vorausgehen. Mode-Illustrationen entstanden für Zeitschriften und Werbung und wurden von versierten Zeichnern angefertigt, die auf Modenschauen saßen und später versuchten, aufs Papier zu bringen, was ihnen in der Erinnerung haften geblieben war. Denn bis in die späten Sechzigerjahre hinein war es auf Haute-Couture-Schauen nicht erlaubt, zu zeichnen oder zu fotografieren. Die Inszenierung war da auch eine Möglichkeit, Unschärfen in der Erinnerung zu kaschieren. So sind die Illustrationen keineswegs Dokumentationen, sondern vermitteln einen Gesamteindruck oder auch ein Lebensgefühl, das mit dieser Mode verbunden ist.

Doch Vorsicht. Man könnte sich gut vorstellen, dass die Dame aus besserem Hause so lebte, wie auf den Blättern von Etienne Drian aus dem Jahr 1915: Madame arrangiert Blumen in der Vase oder legt eine Schallplatte auf. Doch in Drians Blättern steckt nationalistischer Hintersinn. Das Blumenbouquet ist in den Farben der Trikolore gehalten, die Schallplatte, die auf dem Grammophon kreiselt, ist eine Aufnahme der Marseillaise. Und die Landkarte, die an der Wand hängt, inspiriert die Dame keineswegs zur nächsten Urlaubsreise, sondern zeigt die Stationen der französischen Armee während des Ersten Weltkriegs auf. Aber immerhin – Madame ist tipptopp gekleidet und trägt Mode, mit der man der „teutonischen Barbarei“ etwas entgegensetzen wollte.

Das Abendkleid von Dior erinnert ans 18. Jahrhundert

Für die Ausstellung wurden auch einige Kleidungsstücke zusammengetragen, die sich zum Teil auch in den Illustrationen widerfinden. Hier ein Abendkleid von Dior aus dem Jahr 1962. Es hat einen tiefen Rückenausschnitt und einen üppigen „Cul de Paris“, ein weit ausgestelltes Hinterteil, wie die Damen es bereits Anfang des 18. Jahrhunderts trugen. Das Tageskleid von Betty Barclay aus dem Jahr 1967 ist mit seinem kühnen Karo-Mustern dagegen höchst farbenfroh, fast knallig. Eine opulente Modenschau darf man sich freilich nicht erwarten, auch die Zeichnungen sind eher leise und unspektakulär und werfen einzelne Blicke auf die verschiedenen Stile, Zeichner und Magazine.

Der Schleier sei „der zarteste Panzer des Weibes, das Drahtverhau für den kühnen Liebhaber“ konnte man zum Beispiel 1922 in der „Styl“ lesen, einem hochwertigen Journal, das Berlin als Modemetropole etablieren wollte, aber so aufwendig produziert wurde, dass es nach nur drei Jahren wieder einging. Die Figuren, die der türkische Illustrator Kenan in den Zwanzigerjahren zeichnete, erinnern dagegen mit ihren spitz zulaufenden Füßen und den Schatten auf der Straße an die Großstadtbilder von Ernst Ludwig Kirchner. Die Illustrationen waren häufig nicht nur an der Mode interessiert, sondern auch künstlerisch versiert. In den Achtzigerjahren erlebte die Modeillustration ein Comeback bei der „Vanity“, wo nun auch die künstlerische Handschrift eine wichtige Rolle spielt. Imposant sind die Bleistiftzeichnungen von Antonio Lopez, der imposante Frauengestalten zeigt in materialintensiven Verhüllung aus Pelz und Stoffschichten, fast wie bei einer gotischen Madonna.

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