Wenn auf der B 464 bei Holzgerlingen der Verkehr ins Stocken gerät, fahren viele auf Schleichwegen durch den Ort. Foto: factum/Granville

Auch nach dem Ausbau der Verkehrsader zwischen Böblingen und Tübingen ist die Belastung für die Holzgerlinger Ortsmitte nicht deutlich geringer. Die Stadt will die Busverbindungen verbessern und das Seniorentaxi häufiger einsetzen.

Holzgerlingen - „Morgens braucht man 20 Minuten, um vom Ort auf die Bundesstraße 464 zu kommen“, sagt Ioannis Delakos. Der Holzgerlinger Bürgermeister weiß aber auch, dass im Berufsverkehr dann dort Verzögerungen warten. Er ist ernüchtert: Eigentlich hatten sich die Holzgerlinger vom Ausbau der Verkehrsader zwischen Böblingen und Tübingen mehr Entlastung versprochen. Doch bei Stau und stockendem Verkehr fahren weiterhin viele durch den Ortskern und verstopfen ihn. Die Stadt überlegt, wie sie das innerörtliche Verkehrsaufkommen eindämmen kann.

Schönbuchbahn fährt noch nicht

Mehr als 25 000 Fahrzeuge rollen täglich an Holzgerlingen vorbei. Viele pendeln zu ihrer Arbeitsstelle nach Böblingen oder Sindelfingen. Morgens, mitunter auch schon am frühen Nachmittag, stehen die Autos Stoßstange an Stoßstange. Für den Rathauschef liegt der Grund auf der Hand: In Richtung Böblingen verengt sich die B 464 am Holzgerlinger First auf eine Spur, ehe es danach wieder zweispurig weitergeht. „Es müsste durchgehend zwei Spuren geben“, fordert Delakos. Er möchte darauf hinwirken, dass eine solche Lösung bald umgesetzt wird: „Zu dieser Tageszeit fahren viel weniger in Richtung Tübingen.“

Die Blechkarawane ist derzeit aber auch deshalb so enorm, weil die Bauarbeiten an der Schönbuchbahn zwischen Böblingen und Dettenhausen noch nicht beendet sind. Der Zugbetrieb von Holzgerlingen nach Dettenhausen kann frühestens im Februar wieder aufgenommen werden. Dann verkehrt die Bahn aber immer noch nicht durchgängig. Zwischen Holzgerlingen und Böblingen werden die ersten Züge wohl erst im zweiten Halbjahr des kommenden Jahres starten.

Taxifahren für 2,50 Euro

Delakos sieht deshalb dringenden Handlungsbedarf. Eine naheliegende Möglichkeit, den innerörtlichen Autoverkehr zu verringern, sind bessere Busverbindungen. Sie stehen in der Aufgabenliste des Mobilitätskonzepts, an dem die Verwaltung arbeitet, ganz oben. „Wir wollen, dass die Busse noch näher an unsere teils vom Ortskern weiter weg liegenden Wohngebiete heranfahren“, sagt Delakos. Dadurch lasse der eine oder andere dann hoffentlich sein Auto in der Garage stehen, wenn er zum Supermarkt oder zum Arzt wolle.

Dasselbe erhoffen sich die Verkehrsplaner im Rathaus von einem erweiterten Angebot beim Seniorentaxi. Es verkehrt bisher Dienstagsvormittags und Donnerstagsnachmittags. Pro Monat werde es bisher fast hundert Mal genutzt, bilanziert Delakos. Die Taxis seien damit gut ausgelastet. Pro Fahrt bezahlt der Nutzer eine Kostenpauschale von 2,50 Euro. Den Rest legt die Stadt drauf. Unter dem Strich seien das etwa 10 000 Euro jährlich, die sich aber lohnten, sagt der Bürgermeister. Wenn die Taxis auch an anderen Werktagen fahren würden, entlaste dies den Verkehr im Ort sicher noch etwas mehr.

Digitale Anzeigetafeln und autonomes Fahren

Im Schülerverkehr wiederum spielten sich morgens und mittags gar „dramatische Szenen“ ab, berichtet Delakos. Viele „Eltern-Taxis“ brächten ihren Nachwuchs fast gleichzeitig zur Schule. Dass vor dem Berkenschulzentrum bisher nichts Schlimmeres passiert sei, sei ein Glück. Um die Situation zu entschärfen, könnten dort eine Einbahnstraße und Haltebuchten geschaffen werden. Das ist jedoch lediglich ein Teilaspekt. Delakos weist darauf hin, dass für die 2500 Schüler, die teils aus den Nachbarorten kommen, vor allem die Radwege ausgebaut werden müssten.

In Zukunft könnten digitale Anzeigetafeln die innerörtlichen Verkehrsströme leiten und über Staus und Parkplätze informieren, sagt Delakos. Auch autonomes Fahren kann er sich vorstellen. „In der fast bolzengeraden Bühlenstraße könnte ein Bus rauf und runter fahren“, meint er. Das gesamte Mobilitätskonzept will er noch mit den Bürgern erörtern.

Mitfahrsystem soll pendlerströme eindämmen helfen

Kreiskommunen
: Die Stadt Sindelfingen arbeitet in verschiedenen Bereichen an einer besseren Mobilität. Sie will das Radwegenetz ausbauen und ist am Regio-Rad-Projekt beteiligt mit dem Ziel, die Fahrrad- und Pedelec-Verleihstationen auszubauen. Am Bahnhof wird ein neuer Mobilitätspunkt eingerichtet, um die Reisenden über die diversen Möglichkeiten zu informieren. Im nächsten Jahr findet eine Befragung von 7500 Haushalten zum Thema Mobilität statt. Die Stadt Böblingen will ihr Verkehrskonzept von 2019 an aktualisieren. Es wurde eine Arbeitsgruppe Mobilität gegründet, die Ende November erstmals tagte. Für den Klimaschutz und dieVerkehrsplanung unter dem Gesichtspunkt der mobilen Gesellschaft wurden in diesem Jahr 1,85 Stellen in Teilzeit besetzt. Böblingen ist auch an der Entwicklung des Radschnellwegs Stuttgart-Herrenberg beteiligt und an dem Regio-Rad-Projekt.

Landkreis
: Für eine nachhaltige Mobilität entwickelt der Kreis 13 Leitprojekte. Sie reichen von der Bewusstseinsbildung an Schulen über die Vernetzung von Mitfahrsystemen bis hin zur Verringerung von Pendlerströmen. Der Kreis möchte dafür mit den Kommunen, mit politischen Gremien, den Bürgern und der Region zusammenarbeiten.

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