Auch der 120-köpfige Chor der Reisigen ist mit dabei. Foto: Foto: Veranstalter

Die „Landshuter Hochzeit“, die an diesem Wochenende beginnt, gilt als Europas größtes originalgetreues Historienspektakel. Vor idealer Kulisse ersteht vier Wochen lang das Mittelalter neu. Nur das Ende vom Lied, das feiern sie lieber nicht.

Landshut - Es ist ein Festival im Olympia-Rhythmus. Alle vier Jahre stellt die niederbayerische Hauptstadt Landshut mit riesigem Show-Aufwand jene mittelalterliche Hochzeit nach, bei der im Jahr 1475 der Wittelsbacher-Herzog Georg der Reiche mit der polnischen Jagiellonen-Prinzessin Hedwig verbandelt wurden, „zum Nutz für Christenheit und Reich“, wie es damals hieß. Mit etwa 2500 Mitwirkenden gilt die „Landshuter Hochzeit“ heute als das größte und als das „echteste“ Historienspektakel Europas. Von diesem Freitag ist vier Wochen lang nicht nur eine ganze Stadt auf den Beinen; erwartet werden auch etwa 600.000 Zuschauer. Sie bekommen (jeweils am Sonntag) nicht nur vier Festzüge durch die farbenprächtig restaurierte historische Altstadt geboten, sondern drumherum auch viele Ritterspiele, Theater, originalgetreue historische Musik und diversen nächtlichen Mummenschanz.

1. Die Stadt

Landshut, 70 000 Einwohner stark, Tendenz steigend, boomende Industriestadt und (zum Nachteil für Mieter) längst Teil des Münchner Speckgürtels, war von etwa 1200 bis 1503 ein Sitz bayerischer Herzöge. Vom Handelsreichtum jener Zeit zeugen die gotischen Bürgerhäuser mit ihren Stufengiebeln, die prunkvolle Residenz nach damals neuester italienischer Renaissance-Mode sowie die gotische Martinskirche mit dem höchsten Backsteinturm der Welt. Von Kriegsschäden und Nachkriegsbausünden verschont, präsentiert das Stadtzentrum ein für Deutschland selten geschlossenes Erscheinungsbild – ideale Kulisse für ein Historienspiel.

2. Das Spiel

Bei der Landshuter Hochzeit waren es Bilder, die laufen gelernt haben: Das Rathaus der Stadt wurde um 1880 im romantisierenden, gefühlssatten Mittelalterstil mit Malereien ausstaffiert, die auf königlich-bayerische Anordnung die Festivitäten von 1475 zeigten. Zwanzig Jahre später taten sich ein geschäftstüchtiger örtlicher Gastwirt, ein Zwiebackproduzent und zwei Brauereibesitzer zusammen, um die Bilder in ein lebendes Spiel zu überführen. Sie sorgten für mittelalterliche Kostüme; sie „rekonstruierten“ Hedwigs Brautwagen nach alten Vorbildern, engagierten Fanfarenbläser und Pauker; Rösser gab’s damals sowie genug. Der erste Festzug startete am 15. August 1903. Teilnehmer: 248.

3. Die Organisatoren

Organisiert wird das Fest von einem privaten Verein namens „Die Förderer“. Dessen Mitgliederzahl wächst stetig, was für Rückhalt und Vernetzung in der Landshuter Bevölkerung spricht. Aktuell werden 6500 Mitglieder gemeldet. Etwa 30 Ehrenamtliche betreuen, reparieren, reinigen auch die mehr als 2000 historischen Kostüme der Landshuter Hochzeit. Die Kosten des Festivals liegen dieses Jahr bei vier Millionen Euro; dank verlässlicher Sponsoren in der Landshuter Geschäftswelt und dank der Eintrittsgelder trägt der Verein das alles selbst. Ihren Haushalt melden „Die Förderer“ als ausgeglichen.

4. Das Hochzeitspaar

Königstochter Hedwig heißt dieses Jahr mit bürgerlichem Namen Stefanie Müller; Felix Feigel gibt den Bräutigam, Georg den Reichen. Beide sind in die Landshuter Hochzeit hineingeboren worden: Ihre Eltern arbeiten seit Jahren am Festival mit; beide sind auch schon lange in Kindergruppen aktiv. Neben all den Proben in den vergangenen Monaten hat Felix Feigel (19) auch noch sein Abitur gemacht; Stephanie Müller (19) hat ihres schon 2015 abgelegt; bei der Hochzeit dieses Jahr hatte sie sich nur für die Rolle einer „tanzenden Edeldame“ beworben – jetzt trägt sie das bodenlange Goldgewand der Braut. Im Herbst will sie mit dem Studium zur Grundschullehrerin beginnen.

5. Der große Tross

Dem Original-Fest nachempfunden (auch wenn’s keine Bilder davon gibt) ist der Tross des Brautpaars: Da ziehen Gaukler und Schwert-Virtuosen, Bischöfe und Mönche, Hofnarren und Falkner, Businen- Zink- und Posaunenbläser, Zofen, Köche, Mundschenke, Lichter tragende Pagen, Kaiser Friedrich III. und Erzherzog Maximilian zu Pferd, Fahnenschwinger, Armbrustschützen, Marketenderinnen, Kurfürsten und Kurfürst-Witwen, Stadtpfeifer, Standartenträger und alles, was das fantasievolle Herz begehrt. Die Rekonstruktion folgt dem Grundsatz: „Wie es gewesen sein könnte.“ Auch Journalisten, die den Zug direkt begleiten wollen, können das nur in zünftiger „alter“ Gewandung.

6. Das Personalwesen

Mitmachen darf, wer seinen Wohnsitz in Stadt oder Kreis Landshut hat. Über die Teilnahme und die konkrete Verwendung entscheidet ein Besetzungsausschuss, in dem „Kammerfrauen“ oder „Edeldamen“ mitreden sowie die Leiter der „Spezialisten-Gruppen“ (Turnierritter, Fahnenschwinger, Tänzer, Musikanten etc.), die über Jahre hinaus beständig trainieren. Wer über 1,90 Meter groß ist, hat schlechte Karten; schließlich müssen die Kostüme ja passen. Vorschrift für Weibspersonen ist „schulterblätterbedeckendes Haar (etwa bis Rückenmitte)“; bei den „Mannerleit“ müssen die Ohren bedeckt sein. Piercings, Tattoos, Bärte gehen nicht, Uhren, Brillen, Smartphones noch viel weniger.

7. Die Pferde

Bei der richtigen Hochzeit 1475 waren angeblich 8863 Pferde in der Stadt. Heute sind es gut 120; aber wie damals, so ziehen auch heute acht Tigerschecken den goldenen Brautwagen. Vor dem Zug inspiziert Tierarzt Peter Graßl die Rösser; er ist schon seit 1985 dabei. Graßl prüft auch, ob die Nerven der Tiere stabil genug sind für einen von Musik und Krach und Leuten umtosten Zug. „Ein einziges Tier, das verrücktspielt, kann alle anderen aufmischen“, sagt er. Spezialschuster arbeiten währenddessen Karbonschichten in die historischen Stiefel ein: Das schützt vor Huftritten genauso wie Stahlkappen, ist aber leichter.

8. Das Programm

Die „LaHo“, wie sie modisch heißt, startet diesen Freitagabend und den ganzen Samstag mit Schaufechten, Lagerleben, Tanz- und Tavernentreiben; der erste große Umzug findet am Sonntag um 14 Uhr statt – und so wiederholt sich das vier Wochenenden lang. Programm und Tickets gibt’s auf www.landshuter-hochzeit.de Denn eines ist komplett unhistorisch an diesem Historienfest: 1475 wurden die Bürger zehn Tage lang kostenlos bewirtet. Und das Ende vom Lied wird lieber auch nicht gespielt: Weil Hedwigs und Georgs Traumehe keinen männlichen Erben hervorbrachte, kam es im Jahr 1503 schließlich zum „Landshuter Erbfolgekrieg“, der bis 1505 weite Teile Bayerns und der Pfalz verwüstete.

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