Die Senioren stellen sich für die berühmte Tierpyramide auf. Foto: Fatma Tetik

Senioren spielen im Awo-Begegnungszentrum das Grimm’sche Märchen „Die Bremer Stadtmusikanten“. Einstudiert haben sie das Stück mit Hilfe von Michael Kunze vom Theater Tredeschin.

S-Ost - V or genau 200 Jahren veröffentlichten die Brüder Grimm „Die Bremer Stadtmusikanten“. Das weltberühmte Märchen über das tierische Quartett Esel, Hund, Katze und Hahn ist 1819 erschienen und längst nicht nur bei Kindern beliebt. Bei einem Theaterprojekt des Begegnungs- und Servicezentrums der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Ostend, das vom Theaterpädagogen Michael Kunze vom Theater Tredeschin geleitet wird, schlüpfen Senioren in die Rollen der prominenten Tiere.

Seit August proben die Frauen und Männer zwei Mal wöchentlich für die Aufführung. Einige von ihnen sind dement, andere sind körperlich beeinträchtigt. Das spielt bei dem inklusiven Mitmachtheater jedoch nur eine Nebenrolle. Jeder bringt sich mit seinen noch vorhandenen Fähigkeiten in dem Stück ein.

Die Katze hat schon viel Erfahrung

Einer der Akteure ist Horst Henzler. Der 85-Jährige sitzt im Rollstuhl und spielt die Katze in dem Märchen. Während seines Einsatzes zieht er sich die schwarze Katzenmaske tief über das Gesicht, macht einen Katzenbuckel, schnurrt und miaut voller Hingabe. Aufgeregt ist der gebürtige Gablenberger nicht, wie er sagt. Auf der Bühne ist Horst Henzler nämlich ein alter Hase. Bereits zum vierten Mal übernimmt er eine Rolle in dem jährlichen Theaterprojekt. Zuletzt übernahm er eine Rolle in der „Zauberflöte“.

Reichlich Bühnenerfahrung hat der Rentner auch als Musiker: 25 Jahre lang spielte er im Musikverein Gablenberg Saxofon und Klarinette. „Es fällt mir nicht schwer, Texte auswendig zu lernen, und es macht mir große Freude, in verschiedene Rollen zu schlüpfen“, sagt der Laiendarsteller. Die Probentage seien für ihn die Höhepunkte der Woche.

Auch für seinen Betreuer, Michael Renner von der Karl-Olga-Altenpflege, ist das Projekt eine willkommene Abwechslung zum Heimalltag. Renner begleitet Henzler von Beginn an zu den Proben und spielt ebenfalls in dem Märchen mit. „Ich bin im Gegensatz zu den Senioren aber immer aufgeregt und kann mir den Text nicht ganz so gut merken“, erzählt der Sozialarbeiter lachend.

Theaterspielen als Heiltherapie

Projektleiter Michael Kunze ist stolz auf seine betagten Mimen. „Manche benötigen mehr, andere weniger oder gar keine Hilfestellung bei den Proben“, berichtet er. Ihm ist es wichtig, dass jeder Darsteller in der Aufführung gleichwertig zur Geltung kommt. Es wird gemeinsam gesungen, getanzt, gelacht und Theater gespielt. „Das Engagement tut den Senioren körperlich und seelisch gut“, erklärt Kunze. Die vielen alten Lieder, die in dem Stück gesungen werden, könnten insbesondere bei Demenzkranken emotionale Kindheitserinnerungen aktivieren und so das Gedächtnis fördern. Für manche sei die Teilnahme sogar wie eine Heiltherapie.

Im aktuellen Stück spielt eine Seniorin mit, die vor einiger Zeit einen Schlaganfall erlitten hat. „Anfangs waren wir nicht sicher, ob sie das so früh schon packt, doch seit den Proben erkennt man deutliche Verbesserungen bei ihr“, sagt Michael Kunze. „Die Bremer Stadtmusikanten“ eignen sich ihm zufolge ganz besonders gut für die Arbeit mit Senioren. „In dem Stück geht es ja symbolisch auch um das Altern“, so Kunze. Die Tiere werden von ihren Besitzern ausgemustert und sollen sterben, weil sie alt und lahm sind und scheinbar nichts mehr taugen. Doch die todgeweihten Tiere beschließen, gemeinsam zu fliehen und sich als Stadtmusikanten eine neue Existenz aufzubauen.

„Es geht um Mut, Gemeinschaft, Solidarität und Aufbruch und es zeigt, dass sich auch die Alten und vermeintlich Schwachen der Gesellschaft durchsetzen können.“ Die AWO, die das Mitmachtheater 2013 ins Leben gerufen hat, möchte mit dem Projekt die Teilhabe der Senioren am gesellschaftlichen Leben fördern. Seit 2016 wird das Projekt von der Wößner-Schwab-Stiftung gefördert.

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