Trotz Mitgliederrückgangs zuversichtlich: der katholische Stadtdekan Christian Hermes. Foto: Lichtgut/Leif-Hendrik Piechowski

Die katholische Kirche in Stuttgart muss wegen des Missbrauchsskandals herbe Mitgliederverluste hinnehmen. Stadtdekan Christian Hermes lässt sich davon jedoch nicht entmutigen.

Stuttgart - Die Erosion bei der Mitgliederentwicklung in beiden christlichen Kirchen geht weiter. Nach der am Freitag vorgestellten Jahresstatistik haben 2018 so viele Menschen die katholische Kirche verlassen wie seit 2014 nicht mehr – nämlich 216 000 (wir berichteten). Das bedeutete ein Plus von 29 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Aus der Evangelischen Kirche in Deutschland sind 220 000 Mitglieder ausgetreten; 11,6 Prozent mehr als im Vorjahr.

Von dem Anstieg der Kirchenaustrittszahlen bleibt auch die katholische Kirche in Stuttgart nicht verschont. Als Ursache des starken Schwunds nennen Kirchenleute die Ergebnisse der Missbrauchsstudie und die Haltung der Kirche zu Frauen. In der Landeshauptstadt hat dies 2116 Katholiken dazu bewegt, der Kirche den Rücken zu kehren. Das sind 24 Prozent mehr als im Jahr zuvor, aber fünf Prozentpunkte weniger als im Deutschland-Wert. „Das Ausmaß der Verbrechen hat viele Menschen schockiert, die anschließende Aufarbeitung viele enttäuscht. Das darf uns als Kirche nicht wundern“, analysiert Stuttgarts Stadtdekan Christian Hermes.

Hausgemachte Probleme

Trotz der hausgemachten Probleme glaubt Hermes, dass die sinkenden Mitgliederzahlen auch andere Ursachen haben. „Wir können den Prozess der Entkirchlichung nicht aufhalten. Aber wir können dennoch vor Ort eine gute Arbeit machen und für die Menschen da sein. Und wir können in Stuttgart alles uns Mögliche dafür tun, dass keine weiteren Missbrauchsfälle passieren.“ Trotz aller Probleme hält Hermes fest, dass zum Stichtag Ende des vergangenen Jahres immer noch 139 842 Menschen der katholischen Kirche angehörten. Das sei immer noch fast ein Viertel der Stuttgarter Bevölkerung.

„Wir haben in den vergangenen Monaten an Glaubwürdigkeit und an Vertrauen verloren. Dennoch gilt: Panik ist ein schlechter Ratgeber. Wir schauen den Zahlen ins Auge, lassen uns davon aber nicht entmutigen. Wir gehen weiter unseren Weg und versuchen, eine Kirche zu sein, die die Menschen in der Großstadt anspricht, die die Stadtgesellschaft mitgestaltet und zeigt, dass die christliche Botschaft auch im Jahr 2019 noch höchst aktuell ist“, sagt Hermes. Um als solche wieder wahrgenommen zu werden, dürfe die Stuttgarter Kirche bei der Prävention gegen sexuellen Missbrauch auf keinen Fall nachlassen. Nur wenn die Menschen sicher sein könnten, dass vor Ort in Stuttgart alles nur Mögliche getan werde, könne die Kirche Glaubwürdigkeit zurückgewinnen.

„Diese Zahlen sprechen für sich, ich will sie nicht kommentieren“, sagte der evangelische Stadtdekan Sören Schwesig sehr betroffen, angesichts des Mitglieder-Exodus bei den katholischen Glaubensbrüdern. Seine Zurückhaltung ist auch den guten evangelischen Stuttgart-Zahlen in Relation zum Katholiken-Trend geschuldet. Der Rückgang im Kirchenkreis von 2017 (147 492 Mitglieder) zu 2018 (145 230) beträgt 1,53 Prozent (2262 Mitglieder). In der Gesamtkirchengemeinde (2017: 50 521; 2018: 50 084 Mitglieder) beträgt der Rückgang sogar nur 0,86 Prozent (437). Damit steht die Stuttgarter Gesamtkirchengemeinde auch besser da als die württembergischen Landeskirche insgesamt. Sie verzeichnete einen Rückgang um rund 1,4 Prozent.

Gezielte Strategie

Diesen relativen Erfolg führt Schwesig auf eine gezielte Strategie in seinem Sprengel zurück: „Wir versuchen Wege zu gehen, bei denen wir mit Menschen in Kontakt kommen und bleiben.“ Als Beispiel nennt er die „Kirchenpost“. Wer umzieht, Nachwuchs bekommen hat oder ein Jubiläum feiert, erhält von der Kirche einen persönlichen Brief. Natürlich weiß Schwesig, dass solche Bemühungen nur ein „Mosaikstein“ in der Kommunikation sein kann, aber es sei ein ermutigendes Beispiel.

Stuttgarts Prälatin Gabriele Arnold verfolgt andere Ansätze, um die Bindung des Kirchenvolkes zu erhöhen. Zum einen will sie die besonderen Gottesdienst-Formate wie etwa die Nachtschicht von Ralf Vogel oder die Ludwigsburger Nachteule stärken und erweitern. „Da gibt es noch Luft nach oben“, sagt sie. Zum anderen müsse Kirche bei den gesellschaftlich relevanten Themen wie etwa beim Klimawandel oder der Flüchtlingskrise deutlich Flagge zeigen. „Ich höre in dieser Hinsicht viel Gutes. Menschen empfinden bei diesen Themen die Kirche als einen Ort der Barmherzigkeit und der Werte.“ Sie kenne Beispiele, wonach Menschen gerade auf Grund der Haltung zur Seenotrettung bei Flüchtlingen im Mittelmeer wieder in die Kirche eingetreten seien.

Eine Studie der Universität Freiburg, die prognostiziert, dass die Zahl der Kirchenmitglieder binnen 40 Jahren um die Hälfte sinken werde, bewertet sie gelassen. „Es gibt keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Die Kraft des Evangeliums hängt nicht von der Masse ab. Wir bleiben eine wichtige Größe in der Gesellschaft.“

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