Reinhold Halder erklärt das Organigramm seiner Freiwilligenagentur. Foto: mh

Die Freiwilligenagentur feiert am 14. November, 17 Uhr, im Rathaus ihr 15-jähriges Bestehen. Um wie viel ärmer die Stadt ohne bürgerschaftliches Engagement wäre, erklärt Mister Ehrenamt der Stadt Reinhold Halder im Interview: „Wir hätten weniger Leute glücklich gemacht.“

Stuttgart - OB Fritz Kuhn hat jüngst beim Bürgerempfang gesagt: Das Ehrenamt sei keine Sparbüchse für die Stadt, sondern eine wichtige Ergänzung und Kernstück. Das würde auch Reinhold Halder voll und ganz unterschreiben. Ein Gespräch über die Bedeutung des Ehrenamts.

Warum machen Sie das?

Es macht einfach Freude. Man lernt so viele besondere Menschen in der Stadtgesellschaft kennen. Als Hauptamtlicher das Ehrenamtliche zu fördern, das ist wie einen Vorhang aufziehen: Da erlebt man manches Wunder.

Man wundert sich?

Ja, im positiven Sinne. Mein Anteil daran ist, in der Stadt Menschen zu helfen, die die Welt täglich ein bisschen besser machen wollen.

Wie würden Sie bürgerschaftliches Engagement definieren?

Ehrenamt ist die schönste Nächsten- und Selbsthilfe.

Soll heißen: Sie verbinden Passion mit Beruf.

Tatsächlich kann ich das kaum trennen. Man kann sich in meiner Funktion als Person oft gar nicht rausnehmen. Sie ahnen nicht, wie viele Optionen an Abendterminen ich habe.

Verraten Sie es?

Manche Abende könnte man zweiteilen, pro Woche können es locker drei Termine oder mehr sein.

Wie sähe es in der Stadt ohne diese Stelle zur Förderung des bürgerschaftlichen Engagements aus?

Ohne freiwilliges Engagement sähe die Stadt wirklich anders aus. Sie stünde vor großen sozialen Herausforderungen. Ich denke etwa an die Hospizarbeit. Ohne die Arbeit unserer Freiwilligenagentur wären sicherlich weniger Stuttgarter in einem Ehrenamt. Vielleicht wären auch manche Aufgaben nicht so gut, umfassend oder schnell genug besetzt worden. Kurzum: Wir hätten weniger Leute glücklich gemacht. Wenn man die Menschen nur minimal ermutigt, bekräftigt und begleitet, hat man am Ende einen Hebel, um über die entsprechende Einrichtung unglaublich viele Menschen glücklich zu machen. Und glücklich ist, wer nicht einsam ist und Lebenssinn findet.

Nun gehört Ihre Freiwilligenagentur nicht originär zur kommunalen Daseinsvorsorge. Es ist eine freiwillige Leistung. Warum leistet sich die Stadt dieses Angebot dennoch?

Schauen Sie sich doch mal um, was in der Stadt inzwischen freiwillig getragen wird. Viele solcher Zentren werden entweder in Zusammenarbeit mit der Stadt oder alleine getragen. Ohne Ehrenamt geht Stadtgesellschaft schwerlich.

Wer hat Ihre Stelle erfunden?

Der damalige OB Wolfgang Schuster hat es sich zur Aufgabe gemacht, den zivilen Sektor in der Gesellschaft zu fördern. Genau genommen haben wir nicht nur diese eine Querschnittsstelle mit Bürgerengagement, Freiwilligenagentur und frEE-Akademie, sondern in jedem Amt und Eigenbetrieb eine Person mit der Funktion eines Ehrenamtsbeauftragten. Wir haben damit bis heute eine besondere Kultur in der Stadt.

Apropos Kultur: Woher kommt diese Helfer-kultur in Deutschland?

Sie geht auf das christliche Fundament zurück, das diakonische Wirken. Die Diakone hatten die Aufgabe der Armenfürsorge und Daseinsvorsorge. Fortentwickelt hat sich das Ganze in der Neuzeit, wo das Individuum erwachte und man gegenseitige Verantwortung lernte. Die Form der kommunalen Selbstverwaltung, die freien Wohlfahrtsorganisationen sowie die Sänger- und Turnbewegung nahmen ihren Anfang im frühen 19. Jahrhundert. Inzwischen sind wir beim Engagement 4.0.

Was bedeutet das?

Ehrenamt ist heute viel mehr. Darunter verstehe ich auch die vielen Mensch-zu-Mensch-Aktionen. Seit knapp zehn Jahren sehen wir einen Prozess, wo sich ganz kurzfristige Aktionen, die stark von den sozialen Medien getragen werden, etablieren. Das Motto lautet dabei: Tue heute um die Uhrzeit Gutes, morgen ist ein anderer Tag. Das En­gagement professionalisiert sich, mitunter polarisiert es auch.

Was hat sich noch verändert?

Die grundsätzliche Bereitschaft der Menschen, sich zu engagieren. OB Fritz Kuhn hat das jüngst treffend beim Bürgerempfang gesagt: Das Ehrenamt sei keine Sparbüchse für die Stadt, sondern eine wichtige Ergänzung und Kernstück. Zudem lassen sich die Leute nicht mehr so leicht für ein gesetztes Ehrenamt begeistern. Sie wollen initiativ und flexibel bleiben.

Vermittelt das Ehrenamt heute in einer teilweise sinnentleerten Arbeitswelt neue Werte?

In der Tat. Man fühlt sich weniger fremdbestimmt und findet ein Stück Autonomie.

Wie setzt man dabei die entsprechende Anerkennungskultur um?

Es ist eigentlich ganz einfach. Man braucht zufriedene Leute, muss sie laufen lassen und bestärken. Je nach Einzelfall kann man die Arbeit mit einem Blumenstrauß wertschätzen, im anderen Fall mit einem Händedruck. Natürlich gehört auch die Erstattung des Aufwandes dazu.

Der Sportler wird im Ehrenamt besser gefördert als ein Hospizmitarbeiter. Wird das Ehrenamt vom Staat ungleich behandelt?

Diese Monetisierung ist ein weites Feld. Zuletzt hatten wir die Diskussion erst bei den Pauschalen der Gemeinderäte. Da können Sie auch fragen: Warum bekommen durch Satzungen und Gesetze abgesicherte Ehrenamtliche, etwa als Gemeinderat oder bei der freiwilligen Feuerwehr, mehr als ein freier Ehrenamtlicher, etwa im Roten Kreuz oder bei der DLRG? Es ist wirklich nicht vergleichbar. Man muss es daher auseinanderhalten und auch aushalten.

Wie ist eigentlich bei Ihnen in der Freiwilligenagentur das Verhältnis zwischen Haupt- und Ehrenamt?

Wir sind zwei Hauptamtliche und haben zwei FSJ-Stellen. Aber natürlich reicht das nicht. Wir haben noch viele Helfer, die uns bei verschiedenen Projekten unter die Arme greifen. Stolz sind wir auf die ehrenamtlichen Teams in der Freiwilligenberatung und in der Redaktion des Freiwilligenmagazins „W!N“.

Wie sieht die Zukunft des Ehrenamtes aus?

Angesichts des demografischen Wandels kann gerade das Ehrenamt eine wichtige gesellschaftliche Rolle einnehmen. Gerne wird dabei die Metapher vom Kitt der Gesellschaft zitiert. Wann begegnen sich heute noch Jung und Alt? Und hier reden wir noch gar nicht von der Begegnung unterschiedlicher Kulturen, sondern nur vom Alter. Von daher kann gerade das Ehrenamt dies ermöglichen, diesen Kitt bilden.

Schlussfrage: Sie sind der professionelle Ehrenamtliche der Stadt. Wo leben Sie Ihre Passion aus?

Wenn ich hier das Büro abschließe, arbeite ich ehrenamtlich als Gemeinderat in Dettenhausen, habe jahrelang die Kirchenorgel gespielt, bin im Kreisverband Stuttgart Zweiter Vorsitzender der überparteilichen Europa-Union und engagiere mich im Geschichtsverein Zwiefalten.

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