Der Missbrauchskandal in der katholischen Kirche beschäftigt nicht nur den Papst. Foto: dpa/Archiv

Das katholische Dekanat Ludwigsburg befasst sich mit einer neuen Veranstaltungsreihe mit den Missbrauchsfällen in der Kirche. Die Organisatorin Birgitta Negwer erklärt, wer die Zielgruppe ist, was die Besucher erwartet und warum die Aufarbeitung auf regionaler Ebene erst jetzt beginnt.

Ludwigsburg - Einen fulminanteren Start könnte die neue Veranstaltungsreihe des katholischen Dekanats kaum haben: Mit dem Film „Gelobt sei Gott“ von François Ozon beginnt am 2. Oktober die Auseinandersetzung mit den Missbrauchsfällen auf regionaler Ebene. Birgitta Negwer hat sie organisiert.

Frau Negwer, Ihre Reihe „Kirche. Missbrauch. Zukunft!?“ heißt im Untertitel „Wir bleiben dran“. Woran bleiben Sie dran – am Missbrauch?

Nein, natürlich nicht. Sondern an allen Themen die durch das Bekanntwerden der Missbrauchsfälle angestoßen wurden. Alle, Ehren- wie Hauptamtliche, sind sehr, sehr betroffen von all den Erkenntnissen.

Was wollen Sie mit Ihrer Reihe bewirken?

Wir möchten Räume eröffnen für die Menschen, die sich fragen, was aus all den Erkenntnissen nun wird. Was sie für die Zukunft der Kirche bedeuten. Wir wollen auch über die eigene Betroffenheit reden. Wir möchten, dass nichts unter den Tisch gekehrt wird.

Wer ist die Zielgruppe: Betroffene, Kritiker, Mitarbeiter?

Alle Interessierten. Deshalb gehen wir auch ins Caligari und ins Kulturzentrum in Ludwigsburg.

Hat sich der Bischof schon gemeldet?

Der Bischof nicht, aber wir sind in Kontakt mit der Diözesanleitung. Bei unserer Veranstaltung am Mittwoch im Caligari ist beim Nachgespräch zum Beispiel der Generalvikar Clemens Stroppel als Gesprächspartner dabei. Das zeigt: Die Diözese stellt sich dieser Diskussion.

Die ersten Missbrauchsfälle sind seit fast zehn Jahren bekannt, Ihre Reihe gibt es erst jetzt. Warum?

Die gesamte Dimension des Missbrauchs ist erst nach und nach deutlich geworden. Uns allen. Letztlich war es dann die Studie, die den sexuellen Missbrauch an Minderjährigen in der katholischen Kirche wissenschaftlich aufgearbeitet hat, die den Anstoß gab. Sie wurde vergangenes Jahr veröffentlicht – und hat uns veranlasst, das Thema regional anzugehen.

Diese Studie, die MHG-Studie, hat schwarz auf weiß belegt, dass Machtmissbrauch in der katholischen Kirche kinderleicht ist. Können Sie daran etwas ändern?

Wir möchten es zumindest versuchen. Unsere Reihe ist ja nicht alles, was im Dekanat läuft. Es gibt unterschiedlichste Aktionen. Im Verlaufe des Jahres zum Beispiel haben sich die Priester im Dekanat zusammengetan und eine Selbstverpflichtungserklärung entwickelt und unterschrieben. Darin verpflichten sie sich, sich so zu verhalten, dass sie mit der Macht, die sie als Priester haben, sehr bewusst und transparent umgehen.

Ihre Reihe umfasst bis nächsten März vier Veranstaltungen. War‘s das dann mit der Auseinandersetzung?

Es wird weitere Aktionen geben, das ist auch im Interesse der Mitarbeiter. Ich bin sicher: Wir bleiben dran.

Viele Partner für ein Ziel

Person
Birgitta Negwer ist Dekanatsreferentin in Ludwigsburg. Die 59-Jährige hat Sozialpädagogik studiert und für die Reihe „Kirche. Missbrauch. Zukunft!?“ kooperiert mit der Katholischen Erwachsenenbildung, der Caritas, dem Schuldekanat und der Seelsorge bei Menschen mit Behinderung.

Aktion
Mit dem Film „Gelobt sei Gott“ beginnt die Veranstaltungsreihe am Mittwoch, 2. Oktober, im Caligari in Ludwigsburg. Am Montag, 14. Oktober, spricht der Theologe und Psychotherapeut Wunibald Müller über „Verschwiegene Wunden“. Die Veranstaltung findet statt in der Kirchengemeinde Zur Heiligen Familie in Marbach. Am Mittwoch, 6. November, geht es im katholischen Gemeindezentrum Schwieberdingen um staatliches und kirchliches Recht. Auf dem Podium sitzt unter anderem der Oberstaatsanwalt Daniel Noa. Am Donnerstag, 12. März spricht der Journalist Joachim Frank über sexualisierte Gewalt. Alle Veranstaltungen beginnen um 19.30 Uhr.

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