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Die meisten sexuellen Übergriffe auf Kinder geschehen immer noch in den eigenen vier Wänden.

Stuttgart - Sexueller Kindesmissbrauch in Schulen und kirchlichen Einrichtungen sorgt für Diskussionen. Doch der Großteil der Übergriffe geschieht in den eigenen vier Wänden: Drei Viertel der Täter stammen aus dem Familien- oder Bekanntenkreis der Opfer. Mona Michaelsen hat es erlebt. Ihr Peiniger war der Stiefvater.

Sie ist noch immer ein Flüsterkind. Spricht leise, immer leiser, je lärmender die Erinnerung wird, je tiefer das Gespräch eindringt in eine Kindheit voller Gewalt und Erniedrigung. Mit einem sadistischen Stiefvater, der sie sexuell missbrauchte. Mit einer Mutter, die schwieg. Dabei hat Mona Michaelsen in ihrem Buch "Flüsterkind" laut und schonungslos die Stimme erhoben. Es ist ein Brief an die Mutter Irma, der sie ihr Leid ins Gesicht schreit. Anklagend, vor allem aber wütend.

Die Frau, die derzeit für Interviews durch Deutschland reist, scheint mit dieser Wut erst einmal nichts zu tun zu haben. Fast schüchtern wirkt die Autorin, bestellt eine heiße Schokolade, wasserblaue Augen in einem weichen Gesicht. Das sanft gelockte rotbraune Haar trägt sie lang und offen, auf Fragen antwortet sie höflich und mit Bedacht. Etwa auf die, was sie empfunden habe, als ihr der Stiefvater im Alter von fünf Jahren zum ersten Mal zwischen die Beine griff. "Es war von meiner Seite unerwünscht. Es war mir unangenehm. Das ist ein schwer zu beschreibendes Gefühl. Ich dachte, er mag mich ganz besonders gerne. Etwas also offensichtlich nett Gemeintes machte mir keinen Spaß", sagt Mona Michaelsen. Im Buch liest sich das so: "...er fuhrwerkte mit seinen Fingern darin herum, als gelte es, mich von hartnäckigem Ungeziefer zu befreien. Dabei hat er mir den Finger mal mehr, mal weniger tief reingesteckt. Das war nicht schön, Irma! Es hat mir wehgetan, ich wollte das nicht!"

Ein Siegel aus Scham und Schuldgefühlen

Fast scheint es, als habe sie all ihre Emotionen in dieses Buch gesteckt, in dieses "Ventil", wie sie es nennt. Alles musste raus, nachdem sie und ihre fünf Geschwister im Niedersachsen der 60er und 70er Jahre eine Kindheit im Flüsterton verbracht hatten, um nur ja nicht in den Fokus des tyrannischen Vaters zu geraten. Mona Michaelsen hat ihr Martyrium auf 280 Seiten gebannt. Detailliert beschreibt sie, was ihr Peiniger zunächst auf dem Sofa im ärmlichen Wohnzimmer, später in ihrem Kinderbett neben den Geschwistern oder - wenn die Mutter nachts arbeitete - in deren Ehebett mit ihr treibt. Praktiken, die zwischen Sadismus und Perversion changieren und nur die Vergewaltigung auslassen. Sie nennt ihn "Amöbe", "Scheißkerl" und "Dreckschleuder". Es ist ein Befreiungsschlag. "Die Details konnte ich ihr nicht ersparen", sagt sie und meint damit ihre Mutter, "sie sind mir auch nicht erspart worden." Aber sie habe sie auch für die Öffentlichkeit aufgeschrieben, damit der anonyme Begriff des "sexuellen Missbrauchs in der Familie" konkret wird.

Von den rund 15.000 jährlich in der deutschen Kriminalstatistik erfassten Missbrauchsfällen an Kindern unter 14 Jahren passieren etwa drei Viertel in der Familie und dem näheren sozialen Umfeld. Das berichtet der Verein Dunkelziffer. Die tatsächliche Zahl der Fälle ist um ein Vielfaches höher. Experten gehen davon aus, dass jedes vierte Mädchen und jeder achte Junge mindestens einmal vor seinem 18. Geburtstag sexuell missbraucht wurde.

Bei Mona Michaelsen dauern die Übergriffe bis zum 18. Lebensjahr, bis sie auszieht. Danach folgt eine lange Zeit des Schweigens. "Mit meinem ersten Mann war ich schon fünf Jahre verheiratet, bevor ich überhaupt nur Andeutungen machen konnte, was passiert ist", sagt sie. Das sei das Verschlusssiegel, das der Täter ihr aufgedrückt habe. Ein Siegel aus Scham und Schuldgefühlen.

Ein Siegel aus Scham und Schuldgefühlen

 Erst mit Anfang 30 beginnt Mona Michaelsen, den Brief an ihre Mutter zu schreiben - damals noch nicht mit der Absicht, ihn zu veröffentlichen. Immer wieder muss die heute 45-Jährige Schreibpausen machen, teils mehrere Jahre. Dann nimmt sie den Text wieder aus der Schublade. Je nach persönlicher Verfassung habe das Schreiben, das Beschreiben besser oder schlechter geklappt - eine Art Selbsttherapie nach zwei abgebrochenen Gesprächstherapien.

Heute ist die Scham vorbei: Zwar ist ihr Name ein Pseudonym, zwar sind alle Namen im Buch erfunden, aber sie steht mit ihrem Gesicht zu der Geschichte. Dass sie mit dem Buch Intimstes preisgibt, macht ihr keine Angst: "Das kann ich. Ich habe nichts Schlimmes getan. Das war er. Ich kann mein Gesicht zeigen. Er kann das nicht", sagt die Lehrerin für Entspannungstechniken. Ihr Buch ist Anklage, nicht Analyse. Ein Pranger, keine Ursachenforschung - im Gegenteil: Nichts liegt ihr ferner, als den Stiefvater, zu dem sie den Kontakt vor Jahren abgebrochen hat, verstehen zu wollen. Bei der Frage wird Mona Michaelsen zum ersten Mal ein bisschen ungehalten, ihre Stimme lauter: "Es ist extrem schlimm, was er getan hat, da muss ich mich nicht auch noch bemühen zu verstehen. Es ist mir völlig egal, ob er selbst eine schlimme Kindheit hatte. Es ist mir völlig egal, was solche Ungeheuer antreibt. Es ist mir völlig egal."

Auch mit ihrer Verarbeitung steht Mona Michaelsen beispielhaft da: "Viele Missbrauchsopfer rühren lange Zeit nicht daran, was passiert ist. Die Gefühle werden abgespalten", sagt Barbara Lubitsch, Traumatherapeutin und stellvertretende Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung. Bei vielen Opfern beginne die Auseinandersetzung mit dem Missbrauch erst in einem Alter zwischen 30 und Ende 40, haben Anlaufstellen wie der Verein Wildwasser beobachtet. Es ist der Lebensabschnitt, in dem viele Weichen in Familie und Beruf gestellt werden, in dem intensiver nachgedacht wird, wo man herkommt und hinwill. Ein einschneidendes Erlebnis wie die Geburt des eigenen Kindes könne den Wunsch nach Verarbeitung auslösen, sagt Barbara Lubisch. Auch eine öffentliche Diskussion, wie sie derzeit geführt wird, ist für manchen Motivation, aus der Heimlichkeit herauszutreten. Wildwasser etwa verzeichnet in letzter Zeit vermehrt Anfragen am Beratungstelefon und über die Homepage.

Sie buhlt lange um die Liebe der Mutter

Manchmal werden auch einfach die Symptome zu heftig: von Schlafstörungen und Albträumen, über Gleichgültigkeit und Depressionen bis hin zu Süchten aller Art, Aggressionen und Panik. Neben diesen typischen Trauma-Folgen tragen Betroffene teilweise an spezifischen Problemen, etwa einer gestörten Sexualität. In ihrer Arbeit mit missbrauchten Frauen und Männern erlebt die Therapeutin, dass das Darübersprechen und -schreiben für viele wichtige Funktionen hat: "Was passiert ist, wird dokumentiert. Das heißt auch, dass es tatsächlich passiert ist. Außerdem wird klargestellt, wer Opfer, wer Täter ist."

Mona Michaelsens Buch markiert auch eine Grenze zwischen zwei Leben. Deshalb hat sie ihrem zweiten Mann, mit dem sie in einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein lebt, und den beiden erwachsenen Söhnen das Versprechen abgenommen, das Buch nicht zu lesen. "Ich will unsere gemeinsame Welt damit nicht beschmutzen. Sie kennen die Geschichte in groben Zügen. Ich finde, das reicht." Man kann das inkonsequent finden, aber wie sollte es auch anders sein, wenn jemand versucht, aus dem Abnormen in die Normalität zu finden.

Es ist nicht die einzige Ambivalenz in dieser Geschichte. Eine andere ist das Verhältnis zur Mutter. Mehrmals wendet sich Mona Michaelsen als Kind hilfesuchend an sie, erzählt, was der Stiefvater ihr und der jüngeren Schwester Ulla antut. Die Mutter glaubt es nicht oder will es nicht glauben, verprügelt das Kind mit dem Kochlöffel, zwingt es, sich beim Stiefvater zu entschuldigen. Das Mädchen buhlt lange um die Liebe der Mutter, der "Mama", wie sie sie im Gespräch heute noch bisweilen nennt.

Sehen Sie, ich weine nicht

 Vielleicht buhlt sie noch immer. Zwar beschreibt Mona Michaelsen die Mutter als Mittäterin, als "abgestumpft, gleichgültig, gefühlskalt". Zwar klingt ihre Stimme plötzlich aufgeregt, wenn sie sagt, dass das Buch ein "riesengroßes Ätsch" an die Mutter sei. Zwar stellt sie sich über sie, wenn sie schreibt: "Ich bin Meilen besser, als du es jemals warst, Irma." Trotzdem ist Mona Michaelsen nicht sicher, ob sie eine Entschuldigung der Mutter ablehnen könnte: "Mein Gefühl und Trotz sagen mir ,Nein'. Aber würde sie mir tatsächlich schreiben, vor meiner Tür stehen. Was wäre, wenn...Ich weiß es nicht."

Nicht jedes Opfer muss sich mit dem Täter direkt konfrontieren, um zu verarbeiten, sagt Barbara Lubisch. Auch eine Anklage vor Gericht ist für die Bewältigung des Traumas nicht unbedingt notwendig, kann aber hilfreich sein. Teilweise ist die Verjährungsfrist von bis zu 20 Jahren ohnehin schon abgelaufen, wenn die Beschäftigung einsetzt.

Wer das Buch in seiner Heftigkeit gelesen hat, für den nehmen sich die Spätfolgen, die Michaelsen beschreibt, fast harmlos aus. Etwa, dass sie Väter mit kleinen Kindern misstrauisch beobachtet. Dass sie sich einschließen muss, wenn ihr Mann zur Nachtschicht geht. Oder dass sie bei Heintjes "Heidschi Bumbeidschi" das Radio ausstellen muss, weil es sie 40 Jahre zurück auf den Schoß des Stiefvaters katapultiert. Mona Michaelsen spricht von "klitzekleinen Macken" und davon, dass sie "am besten von den Geschwistern aus der Sache rausgekommen" sei. Ihre ebenfalls betroffene Schwester hat mehrere Selbstmordversuche hinter sich. Mona Michaelsen ist es wichtig zu betonen, dass sie nicht permanent Trübsal bläst. "Ich habe Humor, sagen meine Freunde."

"Sehen Sie, ich weine nicht"

Jeder Mensch trage unterschiedlich schwer an dem Erlebten, sagt die Traumatherapeutin. Ursache-Wirkungs-Regeln aufzustellen sei schwierig. Grundsätzlich gelte: "Je früher der Missbrauch beginnt, je länger er dauert und je vertrauter das Verhältnis mit dem Täter ist, umso gravierender sind die Folgen." Ebenso individuell sei der Verarbeitungsprozess: Der eine muss in stationäre Therapie, der anderen reicht ein Austausch in Internetforen oder Selbsthilfegruppen. Bei der Beratungsstelle Wildwasser hat man beobachtet: "Die allermeisten Betroffenen bringen eigene Stärken und Fähigkeiten mit, die ihnen helfen, trotz der traumatischen Erfahrungen ein lebenswertes Leben zu führen."

"Den Missbrauch zu vergessen ist nicht das Ziel des Verarbeitungsprozesses", sagt Barbara Lubisch. Es gehe darum, ihn gleichwertig einzugliedern in die Reihe schlechter Erinnerungen. "Meist bleibt es aber eine empfindliche Stelle, die wehtut, wenn jemand direkt dagegentritt."

Mona Michaelsen verfolgt die derzeitige Berichterstattung über Missbrauch in Schulen interessiert, aber sie wühlt bei ihr nichts auf - ebenso wenig wie ein Gespräch. "Sehen Sie, ich weine nicht", sagt sie leise. Sie hat gelernt, mit dem Flüsterkind zu leben.

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