Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz Foto: dpa

Erzbischof Robert Zollitsch entschuldigt sich für die Missbrauchsfälle - nach drei Wochen Schweigen.

Freiburg/Ettal/St. Blasien - Als der Erzbischof im Priesterseminar von Freiburg vor die Presse tritt, wartet auch der Laie Christian Weisner gespannt. Der Sprecher der Reformbewegung "Wir sind Kirche" hat Wut im Bauch, er möchte endlich Aufklärung von Robert Zollitsch, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz. Dieser hat drei Wochen lang zu den Missbrauchsfällen an den Schulen des Jesuitenordens geschwiegen. Mehr als 100 Fälle sind inzwischen bekannt, vor allem am Berliner Canisius-Kolleg, aber auch in Hamburg, Hildesheim, Bonn und St. Blasien. Der Orden selbst hat sich an die Spitze der Aufklärer gesetzt. Doch was berichtet Zollitsch, der Sprecher der 27 deutschen Diözesen?

Er entschuldigt sich. Endlich.

"Ich bin zutiefst erschüttert", sagt Zollitsch. "Im Raum der Kirche wiegt der Missbrauch besonders schwer, weil es ein besonderes Vertrauen von Kindern und Jugendlichen in den Priester gibt." Am Abend, in seiner Predigt im Freiburger Münster, findet er emotionalere Worte: "Wir leiden mit den Opfern, die wir um Verzeihung bitten."

Missbrauch Thema beim Papst

Doch bei vielem bleibt Zollitsch recht vage: So kündigt er an, man werde künftig möglichem Missbrauch besser vorbeugen. Die Bischöfe würden auf der Vollversammlung ihre "Leitlinien zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche" überprüfen und über mögliche Änderungen sprechen.

Die Leitlinien: Im September 2002 wurden sie von den Bischöfen zum Schutz vor sexuellen Übergriffen verabschiedet. Doch Kritiker bemängeln, dass sie nicht ausreichen. So sehe sich die Katholische Kirche nicht verpflichtet, Missbrauchsfälle sofort staatlichen Behörden anzuzeigen, damit diese etwa Hausdurchsuchungen vornehmen können. Doch Zollitsch will hier offenbar mehr: Staatliche Behörden sollten "so schnell wie möglich eingeschaltet werden und Staatsanwaltschaften alle möglichen Einblicke bekommen". Er werde das Thema Missbrauch während seines Besuchs bei Papst Benedikt XVI. im März ansprechen.

Keine Abmeldungen für laufendes Schuljahr

Auch zum Thema Sex nimmt Zollitsch Stellung. Sexualität sei noch immer ein Tabu, hatte die Reformbewegung "Wir sind Kirche" zuvor kritisiert - das verhindere, dass sich junge Menschen in der Ausbildung zum Priester ihrer eigenen Sexualität bewusst würden. Zollitsch scheint dies zu berücksichtigen: "Unsere künftigen Priester müssen menschlich und damit auch in sexueller Hinsicht über die Eignung und nötige Reife für ihr Amt verfügen."

Doch genügt das Christian Weisner? Der Reformer ist nach der Rede enttäuscht. "Zollitsch hat die Dramatik nicht erkannt. Er ist in seiner Rede weniger offen mit dem Thema Missbrauch umgegangen, als es zum Beispiel die Jesuiten am Berliner Canisius-Kolleg getan haben. Wenn man bedenkt, dass die anderen Bischöfe vermutlich noch weiter auf die Bremse treten werden, ist das einfach zu wenig." - Tatsächlich betont Zollitsch, dass seine Rede zunächst eine persönliche Stellungnahme sei. Erst für den Abschluss der Vollversammlung am Donnerstag soll es eine gemeinsame Erklärung der Bischöfe zu den Missbrauchsfällen geben.

Keine Abmeldungen für laufendes Schuljahr

Bis dahin werden wohl noch mehr sexuelle Übergriffe bekannt - auch in anderen konfessionellen Einrichtungen. Gestern meldete sich der Leiter des Benediktinerklosters Ettal nahe Garmisch-Partenkirchen. Ja, zwischen 1950 und 1990 habe es auch hier Missbrauchsfälle gegeben. Dies gehe aus dem Nachlass eines beteiligten Ordensgeistlichen hervor. Darin lege der Mönch eine Art Geständnis ab, so Pater Maurus. Bekannt seien die Vorfälle dem Kloster seit Beginn dieses Jahres. Jetzt planten die Benediktiner für die Missbrauchsopfer in ihren Klöstern eine nichtkirchliche Anlaufstelle.

Funktionieren die internen Warnmelder der Kirche nicht mehr? Braucht sie mehr Hilfe von außen? Fragen, die auch Johannes Siebner, Rektor des Kollegs St. Blasien, zu beantworten sucht. Auch hier hat es früher Missbrauchsfälle gegeben. "Heute haben wir einen Vertrauenslehrer", sagt er. "Aber reicht das? Einen solchen Lehrer zu haben heißt ja noch nicht, dass ihm tatsächlich alle Schüler vertrauen."

Die Eltern haben der Einrichtung ihr Vertrauen zumindest nicht entzogen. Abmeldungen für das laufende Schuljahr hat es bisher nicht gegeben.

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