Ein Krönchen für die 21-jährige Naomi Baisch, die neue Miss Stuttgart, Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Der erste Wahlsieg stand fest, bevor die Wahllokale öffneten: In der Nacht zum Wahlsonntag ist Naomi Baisch zur Miss Stuttgart gekürt worden. Die aktuelle Miss Germany und ihre Vorgängerin sind Stuttgarterinnen – kann das Zufall sein?

Stuttgart - Sich in ein paar knappen Worten den Weltfrieden zu wünschen – diese Zeiten sind bei einer Miss-Wahl vorbei. Stattdessen verraten die 24 Kandidatinnen fast unisono von sich, das Fitnesstraining zähle zu ihren Hobbys. Manchmal kommt noch Shoppen oder Backen hinzu. Zu viel von ihrem sportlichen Körper, der im Fitnessstudio gestählt wird, dürfen sie aber nicht zeigen. Erstmals bei einer Miss-Stuttgart-Wahl ist in der Nacht zum Sonntag im ausverkauften Ballsaal des Hotels Le Méridien der Bikini-Durchgang gestrichen worden.

Mit dieser Neuerung, die bei der Wahl zur Miss Germany 2019 im Februar im Europapark Rust ihren Anfang nahm, will die Miss Germany Corporation auf die „gesellschaftliche Entwicklung“ reagieren. Seit 1927 wird die Schönste Deutschlands gewählt. Jede Zeit hat ihre Regeln und ihr Schönheitsideal. Neuerdings wollen die Veranstalter „Persönlichkeiten“ sehen, junge Frauen, die Deutschland repräsentieren können. Schönheit allein reicht nicht mehr. Dem Vorwurf, eine sexistische Leistungsschau zur Freude von Männern auszurichten, will sich keiner aussetzen.

Schönheit kann mitunter harte Arbeit sein

Doch wofür steht die moderne Frau 2019? Im Le Méridien erleben die 170 Besucherinnen und Besucher, dass sich trotz Jahrzehnte der Emanzipationsbemühung scheinbar wenig geändert hat. Noch immer orientieren sich junge Frauen, die den Mut haben, bei so einem Wettbewerb mitzumachen, am traditionellen Rollenbild. Und weil fast alle auf die Frage nach dem Hobby das Fitnessstudio angeben, offenbart sich dazu noch zweierlei: Einerseits gilt heutzutage Schönheit wohl nicht mehr als Geschenk der Natur, sondern als Leistung, als Arbeit. Und andererseits zeigt sich, dass der gesunde Lebensstil jungen Frauen sehr wichtig ist. Vom Weltfrieden oder Klimanotstand redet an diesem Abend keine auf der Bühne.

Die neue Miss Stuttgart hat vier Brüder

Schön, schöner, Stuttgart! In den vergangenen beiden Jahren hat die Beauty-Town mit Feinstaub im Kessel die Miss Germany gestellt. Wird dies auch der 21-jährigen IT-Praktikantin Naomi Baisch im Finale im Februar 2020 gelingen? Vier Brüder hat das einzige Mädchen der Familie Baisch, die mütterlicherseits über portugiesische Wurzeln verfügt und seit vielen Jahren in Stuttgart-Wangen lebt. Mit klarem Vorsprung ist die neue Miss Stuttgart vor Paola Blancone und Natalie Szmelich von einer zwölfköpfigen Jury gewählt worden, in der unter anderen Frl. Wommy Wonder, „Lottofee“ Chris Fleischhauer, Promifotograf Christof Sage, Kinderglückswerk-Vorsitzende Maria von Sachsen-Altenburg und Patrick Stupp, der Chef des Modelabels Rich & Royal sitzen. Ein Schönheitschirurg hat diesmal nicht mitabgestimmt, aber ein Zahnarzt, der Bleaching macht. Vor einem Jahr ging’s bei der Miss-Wahl im griechischen Restaurant Cavos lauter, turbulenter und etwas chaotischer zu. Im Ballsaal des Hotels ist’s nun gediegener, der von Ines Klemmer und Mustafa Göktas moderierte und von Sandra Vogelmann organisierte Abend wird eher zum gesellschaftlichen Ereignis als zur überdrehten Party.

Dass ohne Sponsoren nichts läuft, wird deutlicher, als vielen im Publikum lieb ist. Denn die Geldgeber werden mehrfach genannt und kommen zu Wort, was dem Spaß bei drei Runden (die Kandidatinnen treten in Dirndl, im Freizeitlook und im Abendkleid an) etwas den Schwung nimmt. An den Tischen vergnügt man sich trotzdem. Es wird gelästert und viel gelacht. Am Ende gewinnt die klare Favoritin.

Bei der Wahl in Stuttgart war die Miss Germany durchgefallen

Im Publikum sitzt die Stuttgarter Polizeibeamtin Nadine Berneis, die Miss Germany 2019. Vor einem Jahr war sie bei der Miss-Stuttgart-Vorentscheidung durchgefallen, schaffte es dann über den Umweg der Miss-Bodensee-Wahl bis ganz nach oben. „Vielleicht war es nicht schlecht, dass ich erst mal verloren habe“, sagt sie heute, „denn dadurch habe ich gelernt, sicherer aufzutreten.“ Dass ihre Vorgängerin Anahita Rehbein, ebenfalls eine Stuttgarterin, enttäuscht von ihrer „Amtszeit“ war und ihre Nachfolgerinnen vor einer „oberflächlichen Welt“ gewarnt hat, versteht Nadine Berneis nicht so ganz. „Ich sehe das anders“, versichert sie, „mir machen die vielen Termine als Miss Germany Spaß.“ Mit ihrer Zahnlücke widersetzt sich die 28-Jährige dem gängigen Schönheitsideal. Die lockere, eloquente und für den Umweltschutz engagierte Polizistin Nadine Berneis zeigt, was wirklich zählt.

Nächstes Jahr ändert sich viel

Die Miss-Germany-Wahlen, so ist zu hören, sollen bald grundlegend reformiert werden. Noch stärker als bisher will man junge Frauen in den Fokus stellen, die selbstbewusst sind und sich gesellschaftlich verantwortlich zeigen. Gesucht werden Frauen, die nicht nur schmückendes Beiwerk eines Mannes sind, sondern die im Land etwas bewegen wollen, nicht nur die Gewichte im Fitnessstudio. Gemeint ist damit nicht Anahita Rehbein, die das auf sich bezogen hat und sich völlig zu Unrecht darüber empört hat. Die Sponsoren, so geben einige im Le Méridien unumwunden zu, begrüßen eine Neuorientierung bei der Schönheitswahl. Und letztendlich geben Sponsoren den Ausschlag.

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