Auf der Mailänder Modewoche zeigt Versace in der vergangenen Woche die Frühjahrskollektion. Foto: AP

Der US-Modekonzern Michael Kors zahlt 1,7 Milliarden Euro für das Mailänder Familienunternehmen Versace. In den vergangenen Jahren ist der Umsatz der italienischen Luxusmarke stark gestiegen, die Ertragskraft dagegen gesunken.

Mailand - Ausverkauf in Italien. So kommentieren italienische Medien die Meldung, dass die Luxusmodemarke Versace an den amerikanischen Handtaschenhersteller Michael Kors verkauft wird. Die drastische Einschätzung hat einen Hintergrund: Das Mailänder Modehaus reiht sich damit in die Liste der italienischen Vorzeige-Unternehmen der Branche ein, die in den vergangenen Jahren von ausländischen Investoren übernommen wurden. 1999 ging Fendi an den französischen Luxuskonzern LVMH, der kurz darauf auch die Marken Emilio Pucci, und vor fünf Jahren Loro Piana kaufte. Der LVMH-Konkurrent Kering besitzt bereits Gucci, Brioni und Bottega Veneta.

Nun also auch Versace. Zwei Milliarden Dollar, etwa 1,7 Milliarden Euro, lässt sich die Michael Kors Holding die Übernahme der Italiener kosten, mehr als das zweieinhalbfache des aktuellen Umsatzes von Versace. Michael Kors, der sein Unternehmen 1981 gründete, hatte bereits im vergangenen Jahr für 1,35 Milliarden Dollar die britische Schuhmarke Jimmy Choo gekauft. Auch nach dem Mord an Gianni Versace, der das nach ihm benannte Unternehmen 1978 in Mailand aus der Taufe hob, blieb Versace bis heute mehrheitlich in Familienhand. Giannis Geschwister Santo und Donatella übernahmen die Leitung, Santo als Präsident, Donatella als Kreativ-Direktorin. Givi, die Holding, die zu 100 Prozent in der Hand der Versace-Familie ist, hielt bisher noch 80 Prozent an dem Label. 20 Prozent sind bereits 2014 an die US-amerikanische Investmentgesellschaft Blackstone gegangen. Dieser soll sich nach Insider-Informationen nun wieder zurückziehen.

Die Mode von Versace ist farbenfroh, pompös und dekadent

Im Alter von 51 Jahren wurde Gianni Versace 1997 in Miami von einem Serienkiller erschossen. Zu dem Zeitpunkt war er einer der einflussreichsten und bekanntesten Designer Italiens. In den 1980er und 1990er Jahren zählte Versace zu den bekanntesten und erfolgreichsten Modemarken der Welt. Die opulenten Muster seiner Kollektionen brachten Versace den Beinamen „Meister des Neobarock“ ein. Die Mode von Versace ist farbenfroh, pompös bis vulgär und vor allem dekadent: Statt auf vornehme Zurückhaltung wird auf laute Selbstdarstellung gesetzt. Doch nach dem gewaltsamen Tod Gianni Versaces versank das Unternehmen jahrelang in der Krise: Umsätze fielen, Händler sprangen ab. Anfang der 2000er Jahre mussten die Geschwister zahlreiche von ihrem Bruder angesammelte Vermögensgegenstände verkaufen, unter anderem auch die luxuriöse Villa in Miami, vor der Gianni ermordet worden war.

Lange gelang es den Geschwistern, die immer wieder Manager von außen in das Unternehmen holten, nicht, aus dem großen Namen ihres Bruders etwas zu machen. Andere Größen der italienischen Modeindustrie wie Giorgio Armani, Prada oder Dolce & Gabbana hängten das Haus mit der Medusa im Logo ab. Doch in den vergangenen Jahren hat Versace die Kurve wieder gekriegt. Nicht zuletzt durch drastischen Personalabbau, die Auslagerung von Logistik und IT, und die Konzentration auf die Marke selbst, unter deren Logo außer Kleidung und Accessoires auch Kosmetik, Schmuck und Einrichtungsgegenstände vertrieben werden. Donatella Versace wurde zum Gesicht der Marke, gewann als Designerin immer mehr an Selbstvertrauen. Jüngst zu beobachten bei der gerade zu Ende gegangenen Fashion Week in Mailand, wo die Kreativchefin am Freitag in Mailand ihre neueste Kollektion präsentierte und am Sonntag vom italienischen Modeverband für ihre Leistungen geehrt wurde.

Mit Unterstützung von Michael Kors kann Versace in Asien und Russland expandieren

Gian Giacomo Ferraris, der von 2009 bis 2016 als Vorstandschef für den wirtschaftlichen Wiederaufstieg der Marke verantwortlich zeichnet, sagte einmal: „Im Jahr 2011 hatten wir den Boden erreicht, dann begannen wir zu wachsen.“ In den vergangenen fünf Jahren konnte Versace seinen Umsatz um 63 Prozent steigern, auf 668 Millionen Euro. Allerdings ist die Rentabilität im selben Zeitraum von zehn auf ein Prozent gesunken, weshalb der angepeilte Börsengang doch wieder ad acta gelegt wurde. Nun also der Verkauf, der es Versace erlaubt, hohe Investitionen zu tätigen und die Infrastruktur des Michael Kors-Konzerns zu nutzen, was Online-Verkäufe und die weitere Ausbreitung auf die wachsenden Märkte in Asien und Russland angeht.

Claudio Marenzi, Präsident des italienischen Modeverbandes Confindustria Moda, sagte zu der Übernahme: „Wenn die Unternehmensleitung und das Personal in Italien bleiben, gibt es keinen Grund zur Sorge. Und danach sieht es derzeit aus.“ Auf der Käuferseite reagierten die Anleger allerdings eher skeptisch auf die Übernahme. Die Aktien der Amerikaner fielen nach Bekanntwerden des Deals erst einmal um 8,5 Prozent. Doch auch wenn die Medusa, die das Versace-Logo ziert, die einzige der drei Gorgonen in der griechischen Mythologie mit einer sterblichen Natur ist, scheint das Ende der Modemarke weiter entfernt als noch vor wenigen Jahren.

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