Seit Jahren ist es nicht sicher, dass die Milchproduktion Bauernfamilien ernähren kann. Foto: Adobe Stock

Eine Insolvenz in Berlin hat sich auch in Baden-Württemberg ausgewirkt: Rund 200 Milchproduzenten standen mit dem Rücken zur Wand und suchten verzweifelt neue Partner.

Freiburg - Die Zahlungsunfähigkeit eines Berliner Händlers hatte rund 1000 Milchbauern in Deutschland in große Schwierigkeiten gebracht: Am 9. März hatte die Berliner Milcheinfuhrgesellschaft (BMG) Insolvenzantrag gestellt, die Milch auch auf rund 200 Bauernhöfen in Baden-Württemberg blieb stehen. Betroffen waren vor allem Milcherzeuger in Südbaden und im Hegau, sie produzieren im Jahr 60 Millionen Liter Rohmilch. In der Ortenau etwa, vor allem im Kinzigtal südöstlich von Offenburg, hatten 140 Landwirte in den Jahren 2014 und 2015 der genossenschaftlichen Molkerei Schwarzwaldmilch in Freiburg den Rücken gekehrt und stattdessen an den Berliner Milchgroßhändler geliefert.

Nun haben die betroffenen Ortenauer Milchbauern – noch etwa 100 – zumindest eine Übergangslösung bis zum Ende des Jahres gefunden. Die Milch wird seit dem 1. April von der Molkerei Allgäu-Milch-Käse (AMK) in Kimratshofen im Oberallgäu abgeholt. Die genossenschaftliche Molkerei verarbeitet nach eigenen Angaben mehr als 400 Millionen Kilogramm Milch pro Jahr. Und ihre neuen Kunden aus Südbaden atmen auf. Denn Fließbänder eines Industrieunternehmens können abgestellt werden, Kühe aber produzieren täglich weiter – was die Bauern vor große Probleme stellte. In einigen Fällen hatten Käsereien die Milch übernommen, in der Gemeinde Neuried (Ortenaukreis) hatten Dorfbewohner, Landfrauen und Landwirte über Facebook zur Nachbarschaftshilfe aufgerufen, damit die Milch des örtlichen Milchproduzenten Petzold und Reuter nicht sauer werde.

Der Markt ist übersättigt

„Es ist in unserem Bereich keine Milch stehen geblieben“, betont Joachim Spinner, einer von drei Vorständen der Milcherzeugergenossenschaft Ortenau (MEG). Spinner bewirtschaftet einen Hof im Rench­tal mit 85 Milchkühen, er war an den Verhandlungen mit dem neuen Abnehmer beteiligt. Der Auszahlpreis stehe noch nicht endgültig fest, erklärte Spinner, aber nun habe man eine kleine Option für die Zukunft. Die größte Molkerei in Südbaden, die Schwarzwaldmilch in Freiburg, hatte den Bauern hingegen die kalte Schulter gezeigt, sie stoße an ihre Kapazitätsgrenze, hatte sie mitgeteilt. Denn nach der Krise der oberschwäbischen Molkerei Omira und ihrem Verkauf im Jahr 2017 waren etliche Bauern zur Schwarzwaldmilch gestoßen, die ihre Tanks dann randvoll hatte.

„Es ist derzeit zu viel Milch auf dem Markt“, räumt der Altbauer Anton Walter ein. Der Landwirt aus Oppenau. Er hat die MEG in der Ortenau mitgegründet und den Absatzweg zur Berliner BMG geöffnet. Seinen Hof hat er mittlerweile abgegeben. „Es war richtig“, verteidigt der frühere MEG-Vorstand die damalige Entscheidung, man habe einen besseren Milchpreis bekommen, und noch vor eineinhalb Jahren sei der Vertrag nachgebessert worden. „Die Insolvenz konnte niemand voraussehen.“

Erste Anzeichen für Schwierigkeiten des Unternehmens habe es zu Beginn des Jahres nach einem Wechsel im BMG-Vorstand gegeben. Möglicherweise, so haben Landwirte im Fachblatt „agrarheute“ gemutmaßt, habe die BMG rund 300 Millionen Kilogramm Milch zu viel gekauft und sie schlecht vermarktet. Der Berliner Großhändler belieferte Käsereien und andere Lebensmittelbetriebe europaweit mit rund einer Milliarde Kilogramm Milch jährlich. Doch auch mit einem neuen Vertrag bleibt die Situation für die Bauern schwierig. Es gibt keine Mengenregulierung mehr, und der attraktive Auszahlpreis hat Milchproduzenten dazu veranlasst, immer mehr zu produzieren – bei sinkenden Preisen. Dieser Marktmechanismus wird auch „Schweinezyklus“ genannt.

Die Preise stehen unter Druck

„Derzeit ist der Milchmarkt ziemlich voll, das heißt, dass Druck auf den Preisen ist“, sagt Werner Räpple, der Präsident des Badischen Bauernverbands. Die Genossenschaften müssten sich auf den Markt einstellen, aber überlegen, „ob es in Ordnung ist, das jeder Landwirt so viel erzeugen kann, wie er will, oder ob es nicht Absprachen mit den Molkerein geben sollte.“ Der Milchbauer Joachim Spinner dagegen wünscht sich eine „allgemeinverbindliche Selbstkontrolle“. Wer zu viel produziert, soll weniger bekommen.

Auch das Landwirtschaftsministerium in Stuttgart sorgte sich um die badischen Bauern. Die BMG-Insolvenz habe ihn sehr betroffen gemacht, erklärte der Minister Peter Hauk (CDU). Er habe viele Gespräche geführt und sei „froh, dass wir sehr gut vorangekommen sind“. Er habe die Landwirtschaftsämter in den Landkreisen angewiesen, sich um die betroffenen Bauern kümmern und ihnen mitzuteilen, dass sie „zur Überbrückung und Sicherung finanzieller betrieblicher Verpflichtungen Liquiditätsdarlehen der Landwirtschaftlichen Rentenbank in Anspruch nehmen können.“ Zudem habe das Ministerium die Südwestbank, die L-Bank und den Raiffeisen- und Sparkassenverband gebeten „zu prüfen, inwieweit im Einzelfall über eine Stundung der Zahlungsverpflichtungen oder über Tilgungsaussetzung die Betriebe entlastet werden können.“

Der Milchsee wächst

Menge
Die deutschen Milcherzeuger haben im vergangenen Jahr knapp 32 Millionen Tonnen Milch an deutsche Molkereien geliefert, nur ein Zehntelprozent mehr als im Vorjahr. Dafür ist die Milchproduktion in der Europäischen Union insgesamt um 2,1 Prozent auf knapp 155 Millionen Tonnen gestiegen. Insbesondere Irland, Großbritannien, Polen und Italien haben ihre Mengen erhöht. Massiv gestiegen ist der Anteil der Biomilch in Deutschland (plus 18,7 Prozent). Wegen der höheren Auszahlungspreise haben viele Milcherzeuger auf Bioproduktion umgestellt, ob genügend stabile Nachfrage besteht, ist noch nicht sicher.

Preise
Die Erzeugerpreise für Rohmilch stiegen 2017 von zunächst rund 32 Cent je Kilogramm bis auf fast 40 Cent je Kilogramm am Jahresende (netto bei 4 Prozent Fett und 3,4 Prozent Eiweiß). Damit lagen die durchschnittlichen Milchpreise mehr als neun Cent über dem Durchschnitt des Vorjahres. Der mittlere Preis für Biomilch lag im vergangenen Jahr bei 48 Cent. Im Supermarkt kostet frische Vollmilch (Fettgehalt 3,5 Prozent) derzeit knapp 80 Cent, Bio-Vollmilch rund 20 Cent mehr (Quelle: Milch-Industrie-Verband).

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