Bitte recht martialisch: Luchadores beim Selfie im Linden-Museum Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Maskierte Menschen werfen einander durch die Gegend: Das Dragon-Days-Festival hat im Linden-Museum die mexikanische Wrestling-Kunst Lucha Libre präsentiert.

Stuttgart - Hell Kitty muss sterben. Wimmernd krümmt sich ein Mann mit Katzenmaske auf dem Boden. Über ihm kniet ein athletischer Kämpfer mit golden schimmernden Schulterpolstern in Form von Adlerköpfen. Mit dem Knie presst er den stöhnenden Mann zu Boden, während dieser mit aller Macht versucht, sich aus dem Knebelgriff zu befreien. Um die beiden herum springen Menschen johlend von ihren Stühlen. Dann taucht ein Ringrichter auf, schlägt dreimal auf den Boden und der Spuk hat ein Ende. Der Mann mit der Katzenmaske bleibt liegen, ausgelaugt und geschlagen. Das Publikum bejubelt den Sieger: So sieht Lucha Libre im Stuttgarter Linden-Museum aus.

Lucha Libre, das ist ein überdrehtes, komplett durchchoreografiertes Kampfspektakel, das in Mexiko seit Jahrzehnten Kultstatus besitzt. Allein in Mexiko-Stadt gibt es rund 15 verschiedene Arenen für diese postmodernen Matadorenkämpfe, bei denen es nie um echtes Kräftemessen, sondern immer nur um möglichst perfektes Theater geht. „In Mexiko gehen die Leute sonntags erst in die Kirche – und direkt danach zu Lucha Libre“, sagt Marcel Durer, Autor und Wrestling-Experte, im Lindenmuseum, wo der Showkampf im Rahmen des Fantastikfestivals Dragon Days am Freitagabend Einzug hielt.

Der Rüpel muss verlieren

Wörtlich übersetzt bedeutet Lucha Libre schlicht „Freistilkampf“ – doch um zu verstehen, wie die Showkämpfe wirklich funktionieren, muss man ihre Choreografien lesen wie Superheldengeschichten. „Lucha Libre ist immer ein Kampf zwischen Gut und Böse, Talentiert und Unfair, Ehrenhaft und Feige. Das sind die Narrative, die einem im Ring immer wieder begegnen“, erklärt Durer.

Die Kämpfer im Linden-Museum kommen nicht aus Mexiko, sondern aus Europa – aus Spanien, Frankreich und Deutschland. Hell Kitty gibt den verachtenswerten Bad Boy und gilt damit in der Fachsprache als einer der „Rudos“, der Rüpel. Sobald der Katzenmann den Ring betritt, springen die Zuschauer auf, recken die Fäuste und feuern seinen Kontrahenten frenetisch an, ihn außer Gefecht zu setzen – die Geschichte funktioniert. Sein Widersacher ist ein Vorzeige-Tecnico, einer der wahren, reinen Helden, die am Ende den Sieg davontragen. Was in Stuttgart hingegen fehlt, sind die sogenannten Exoticos – queere Charaktere, die in wilden Kostümen, manchmal sogar komplett in Drag, in den Ring steigen.

Echte Nationalhelden

Die Luchadores, so nennt man die Kämpfer, treten seit den 1930er Jahren überwiegend maskiert gegeneinander an. Dabei erfinden sie Kunstfiguren, die an Götter, antike Helden und allerlei Fantasiegebilde erinnern. „Die Maske wird zur Identität des Luchadors. Sie ist nicht nur ein Bezugspunkt für das Publikum und hilft, die Geschichte zu vermitteln. Sie verleiht dem Kämpfer auch die Energie eines Tieres, einer Gottheit, einer ganzen Ethnie oder einer Idee“, sagt Durer.

In Mexiko gelten viele dieser Kunstfiguren als nationale Kultsymbole. 10 000 Menschen kamen zum Beispiel zur Beerdigung eines Mannes, dessen Gesicht die wenigsten davor je gesehen hatten: Auf Rodolfo Guzmán Huertas Grabstein steht schlicht „El Santo“ – der Name der Figur, die ihn berühmt gemacht hat.

Breitbeinig vor der Teufelsfratze

El Santo gilt bis heute als einer der bedeutendsten Luchadores in ganz Mexiko, sein Todestag ist heute ein Feiertag. Auf einem der über 50 Filmplakate, die er Ende der 1950er Jahre als Hauptdarsteller schmückte, steht er breitbeinig vor einer Teufelsfratze. Seine Maske ist eine seltsam silbrige Sturmhaube, die gerade mal Augen, Nase und Mund einen Spalt breit offenlässt. Der Oberkörper ist frei, die Beine stecken in einer glänzenden Strumpfhose. Willkommen im Superhelden-Kosmos Lateinamerikas.

Für viele Luchadores werden ihre Masken und die Figuren, die sie mit ihrer Hilfe kreieren, zu einer zweiten Haut. Die schlimmste Niederlage ist es, vom Gegner demaskiert zu werden und seine Pseudo-Identität den Heldentod sterben zu sehen. Im Lindenmuseum kommt es soweit jedoch nicht: Am Ende des „Fatal Four Way Elimination“-Matches – also einem Kampf zwischen vier Luchadores, der erst endet, wenn nur noch ein Kämpfer im Ring steht, – dürfen sowohl Sieger als auch Verlierer ihr Gesicht bewahren.

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