Bewaffnete Einsatzkräfte patrouillieren nach der Bluttat rund um die Pariser Polizeipräfektur Foto: dpa/Kamil Zihnioglu

Ein 45-Jähriger attackiert mit einem Messer Polizisten in der Pariser Polizeipräfektur – wo er seit 2003 selbst gearbeitet hat.

Paris - Wilde Gerüchte machen unter den Touristen die Runde. Gerade noch haben sie Fotos von Notre-Dame geschossen, nun fotografieren sie Polizisten, die mit rot-weißen Absperrbändern die Straße vor der Kathedrale abriegeln. Immer mehr Polizeiautos rasen mit Blaulicht herbei. Es habe einen Terroranschlag gegeben, heißt es in der aufgeregten Gruppe, keiner weiß etwas Genaues, aber Paris sei ja schon häufig Ziel von Attentätern gewesen. Dann ertönt eine Lautsprecher-Durchsage, es ist von einem „Angriff“ die Rede, die Gegend werde „überwacht“. Nach nur wenigen Minuten ist der Vorplatz von Notre-Dame weiträumig abgesperrt. Auch die Métro-Station Cité ist geschlossen.

Nur langsam sickern gesicherte Informationen durch: Bei einer Messerattacke in der Pariser Polizeipräfektur sind fünf Menschen getötet worden – vier Polizisten und der Angreifer­. Es war allerdings sehr wahrscheinlich kein Terroranschlag – sondern ein interner Konflikt innerhalb der Polizeibehörde. Im Lauf des Abends hieß es, der Angreifer sei vor 18 Monaten zum Islam konvertiert. Auch seine Ehefrau, die nach der Attacke von der Polizei befragt wurde, sei Muslimin. Nach dieser Information meldete sich Marine Le Pen, Chefin des rechtsextremen Rassemblement National, über den Kurznachrichtendienst Twitter zu Wort und forderte, dass alles zu dieser Information ans Licht gebracht werden müsse.

Der Täter war zuvor nie negativ aufgefallen

Nach Angaben eines Sprechers ging der Täter gegen 13 Uhr mit einem Keramikmesser auf seine Kollegen los. Er sei nach dem Angriff im Hof des riesigen Gebäudes erschossen worden. Die Polizei nahm zunächst keine Stellung. Der Augenzeuge Émery Siamandi erzählte dem Sender BFMTV, er habe Schüsse gehört. „Ich habe gedacht, dass sich ein Polizist umgebracht hat.“ Dann habe er bemerkt, dass auf den Angreifer geschossen wurde – der Polizist, der sich mit der Dienstwaffe gewehrt habe, habe geweint.

Die Ermittler gehen nach eigenen Angaben Hinweisen nach, wonach es einen Konflikt zwischen dem Täter und Kollegen gegeben habe. Ein Mitarbeiter der Behörde sagte der Tageszeitung „Parisien“: Ich habe einen Mann mit einem Messer gesehen. Er lief einem Polizisten hinterher. Der hat ihn aufgefordert stehenzubleiben. Das hat der Mann nicht getan, da hat er geschossen.“ Ein anderer Kollege bestätigt: „Der Polizist hat ihn drei Mal aufgefordert stehenzubleiben. Der Polizist hat zwei Mal geschossen und ich habe den Mann fallen sehen.“ Frankreichs Innenminister Christophe Castaner war nach dem Angriff schnell am Tatort. Er machte am späten Nachmittag erste Angaben zum Täter: Der 45 Jahre alte Mann sei seit 2003 bei der Polizeipräfektur gewesen und nie negativ­ aufgefallen, sagte er vor der Polizeistation. Laut Medien war der 45-Jährige in der als sensibel geltenden Abteilung „Direction de renseignement“ eingesetzt – in dieser Abteilung geht es unter anderem um den Kampf gegen Terrorbedrohungen.

Die Polizei fordert bessere Arbeitsbedingungen

Bei den Opfern handle es sich um eine Frau und drei Männer, erklärte der Pariser Chefermittler Rémy Heitz, der Castaner begleitete­. Der Wohnsitz des mutmaßlichen Täters werde durchsucht. Die Ermittlungen blieben zunächst bei der Staatsanwaltschaft von Paris. Weitere Untersuchungen sollten Licht in das Motiv der Tat bringen, die bei den Sicherheitskräften für Trauer und Bestürzung­ sorgte: „Das ist das schlimmste Szenario“, sagte der Generalsekretär der Polizeigewerkschaft UNSA, Philipe Capon. „Das ist ein Schock, ein Drama“, resümierte der Generalsekretär der Gewerkschaft VIGI Police, Alexandre Langlois, laut dem französischen Nachrichtensender BFMTV.

Erst am Mittwoch hatten Tausende Polizisten in Paris für bessere Arbeitsbedingungen protestiert. Mehrere Gewerkschaften hatten zu dem „Marsch der Wut“ im Osten der Hauptstadt aufgerufen. Nach Angaben der Organisatoren, der Polizeigewerkschaft Unité SGP Police, waren in Paris rund 27 000 Polizisten auf der Straße. Die Beamten beklagen, die Arbeitsbedingungen seien in den vergangenen Jahren immer schlechter geworden. Nicht nur das belaste die Polizisten, auch würden sie etwa auf Demonstrationen immer häufiger beschimpft und angegriffen. Nach inoffiziellen Schätzungen gab es bei der Polizei seit Jahresbeginn mehrere Dutzend Suizide, die vor allem von den Gewerkschaften vor allem auf die steigende Belastung im Alltag zurückgeführt werden.

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