Leise, aber schnell: der neue Mercedes-Rennwagen in der Forme E Foto: imago//Bildagentur Kräling

Die Formel 1 startet am Freitag in die neue Saison – mit dabei sind auch vier deutsche Rennställe: Audi, BMW, Porsche und erstmals ein Mercedes-Team.

Stuttgart - Am Freitag startet die Formel E in Riad in die neue Saison. Neu dabei ist ein Mercedes-Team. „Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen“, sagt der Teamchef Ian James im Interview.

Mister James, Sie sprechen sehr gut Deutsch. Wie kommt’s?

Danke für das Kompliment. Mein Deutsch ist eine Mischung aus Denglisch, Schwäbisch und Daimler-Deutsch. Ich bin seit 15 Jahren im Daimler-Konzern, 2005 habe ich angefangen in Sindelfingen in der Produktionsvorplanung. Ich bin Ingenieur.

Keine typische Motorsportkarriere.

Das ist wahr. Ich war bis 2008 in Sindelfingen, danach drei Jahre in den USA im Financial Controlling – erst 2011 bin ich mit dem Motorsport in Kontakt gekommen, als ich nach Brixworth gewechselt bin, zu Mercedes AMG High Performance Powertrains. Das war die Zeit, als erst das Energierückgewinnungssystem Kers und danach der Hybridmotor für die Formel 1 entwickelt wurde. Dann hat mich das Mutterschiff 2015 nach Stuttgart gerufen, wo ich mich bis 2018 im Marketing und im Kommunikationsbereich um die neue G-Klasse gekümmert habe. Und nun bin ich Teamchef des Formel-E-Teams.

Sie scheinen extrem vielseitig zu sein.

Ich bin ein Jack of all Trades and a Master of none. Auf Deutsch: ein Hansdampf in allen Gassen. Aber ganz ehrlich: Diese neue Aufgabe als Teamchef der Formel-E-Mannschaft von Mercedes, damit ist für mich ein Traum in Erfüllung gegangen.

Start-up oder Big Business?

Gemeinhin spricht man in einer solchen Situation von einer ungeheuren Herausforderung.

Ist es doch auch. Dieses Projekt vergleiche ich mit einem Start-up – am Anfang hatten wir ein weißes Blatt Papier und konnten das Team aufbauen. Es ist ein Vorteil, dass wir in die Mercedes-Familie eingebettet sind, so dass wir auf Expertisen aus anderen Bereichen zurückgreifen können: Da ist das Motorenwerk in Brixworth, das Formel-1-Team in Brackley, HWA in Affalterbach, das die Einsätze gestaltet, und die Zentrale in Stuttgart, wo Marketing und Kommunikation laufen. Ich muss alles zusammenbringen.

Ist Start-up der passende Begriff, ist es nicht eher schon Big Business?

Für mich ist es ein Start-up, weil wir die Gelegenheit hatten, die Strukturen so zu gestalten, wie wir es für richtig hielten. Das Formel-E-Team hatte vor einem Jahr keinen Mitarbeiter. Nun haben wir eine Finanzabteilung, ein Team fürs Partnermanagement, wir haben alles aufgebaut, was man braucht.

Das Formel-1-Team umfasst rund 950 Beschäftigte, wie viele Mitarbeiter haben Sie?

Sie werden staunen: Es sind keine zehn.

Keine zehn? Sie scherzen.

Nein, wie ich gesagt habe: Wir können auf die Ressourcen, Expertisen und Erfahrungen in der Mercedes-Benz-Familie zurückgreifen. Insgesamt arbeiten ungefähr 110 Personen am Formel-E-Projekt.

Musste man jemand überreden, ins Formel-E-Team zu wechseln, weil die Leute als Rennsport-Puristen Motorenlärm gewöhnt waren?

Ich war einer, für den Motorsport und Motorenlärm zusammengehörten. Dann war ich 2017 beim Formel-E-Rennen in Berlin im E-Motion-Club. Durch dieses VIP-Zelt führte die Rennstrecke, so dass wir die Autos von oben ganz nahe sehen konnten. Mit einem Verbrennungsmotor können Sie solche Erlebnisse nicht schaffen. Die Formel E ist anders, man muss sie erleben. Viele Ingenieure, die in der Formel 1 oder der DTM gearbeitet haben, sind in die Formel E gewechselt, weil sie was Neues tun wollten.

Das Budget ist vergleichsweise gering

Die Topteams der Formel 1 geben pro Saison 300 Millionen Euro plus x aus. Wir haben gehört, ein Formel-E-Rennstall käme mit 20 Millionen Euro im Jahr aus.

Man darf nicht Gesamtbudgets und Kosten verwechseln, am Ende geht es um den sportlichen Erfolg und die wirtschaftliche Profitabilität. In beiden Serien haben wir das große Glück, mit einer Reihe an hervorragenden Partnern zusammenzuarbeiten. Was das Budget in der Formel E angeht: Ihre Zahl ist vielleicht ein bisschen gering, aber nicht so weit davon entfernt.

Nun starten mit Mercedes die drei deutschen Marken Audi, BMW und Porsche in der Formel E. Ein Glücksfall für die Serie?

Ja, glaube ich schon. Diese Frage wurde mir schon häufig gestellt. Zwar sind Audi, BMW und Porsche für uns Konkurrenten wie DS Techeetah und Jaguar, aber für die Fans, gerade in Deutschland, ist das eine super Geschichte. Und das braucht der Sport. Natürlich vergleichen die Zuschauer Mercedes zuerst mit den deutschen Konkurrenten.

Wie gut schätzen Sie die Konkurrenz ein?

Die Teams mit Erfahrung, also Audi und BMW, werden ein starkes Jahr haben. Auch wenn Porsche ein Neueinsteiger ist, würden wir die nie unterschätzen.

Klimadebatte ist kein Nachteil

Hilft diese Konkurrenzsituation, die Formel E international voranzubringen?

Die Reichweite geht in die richtige Richtung, alle Themen, die einen Zuwachs beschleunigen können, sind wichtig. Aktuell trifft die Formel E auch den Zeitgeist. Wir haben viele gute Zutaten, aber die Serie benötigt internationale Reichweite, weil sie nur so lebt.

Kommt Ihnen da die aktuelle Klimadebatte nicht gerade recht?

Ich sehe die Formel E als Plattform für genau diese Themen, wir stecken in einer Phase, in der sich die Mobilität verändert in einer sich ändernden Welt. Da ist es nötig, eine Plattform zu besitzen, auf der wir all das kommunizieren können und wo wir die richtige Zielgruppe treffen. Aber wir müssen aufpassen: Wir sind am Ende des Tages im Motorsport, wir dürfen uns also mit unseren Aussagen nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.

Formel 1 und Formel E funktioniert das auf Dauer gut für Mercedes?

Die beiden Serien repräsentieren hervorragend die Strategie, die unser Unternehmen bezüglich der zukünftigen Antriebe verfolgt. Die Formel 1 steht für die fortschrittlichsten Hybridmotoren der Welt, die Formel E repräsentiert die Elektromobilität. Auch der Sport und die Zielgruppen unterscheiden sich größtenteils. Formel 1 ist die Königsklasse, die fährt auf der Rennstrecke, sie wird immer das High-End-Produkt in der Technologie sein. Die Formel E ist die Spitze in der E-Mobilität.

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