Mercedes-Produktionschef Andreas Renschler verlässt den Konzern. Foto: dpa

Konzernchef Dieter Zetsche hat viel vor mit der Mercedes-Autosparte. Doch jetzt muss er den Job des Produktionschefs im Vorstand erst einmal selbst übernehmen, denn Andreas Renschler geht.

Stuttgart - Es hätte nicht mehr lange gedauert, bis sich für Mercedes-Produktionschef Andreas Renschler gewissermaßen ein Kreis geschlossen hätte: In wenigen Monaten startet im Daimler-Werk im amerikanischen Tuscaloosa die Produktion der neuen C-Klasse. Erstmals in seiner 16-jährigen Geschichte fertigt das Werk damit nur nicht nur Geländewagen, sondern mit der C-Klasse auch das volumenstärkste Modell für den amerikanischen Markt. Während Tuscaloosa das Modell bekommt, wird Sindelfingen es abgeben müssen. Tuscalossa – das war gewissermaßen Renschlers Gesellenstück – er baute das Werk Mitte der 90er Jahre auf. Das war echte Pionierarbeit, denn in der Gegend, in der heute vier Hersteller Werke haben, war zuvor noch nie ein Auto gebaut worden. Ein Netz an Zulieferern musste erst noch aufgebaut werden; und es gab kaum Arbeiter, die jemals am Bau eines Autos mitgewirkt hatten. „Daimler ist ins Risiko gegangen, und es hat sich gelohnt“, sagte erst vor kurzem Tuscaloosas Wirtschaftsförderer Dara Longgrear.

Renschlers zupackende Art, aber auch sein diplomatisches Gespür für Befindlichkeiten hat dafür gesorgt, dass er immer wieder neue schwierige Aufgaben bekam, die er meist erfolgreich umsetzte. Nach seiner Zeit in den USA war er einige Monate Chef der Personalentwicklung und wurde dann Smart-Chef. Seit knapp zehn Jahren ist er nun Vorstandsmitglied – bis April 2013 in der Funktion des Nutzfahrzeugchefs. Dabei zeigte er erneut, dass er es versteht, Dinge kraftvoll voranzuschieben, ohne andere Beteiligte vor den Kopf zu stoßen. Renschler weitete die Flexibilität bei den Arbeitszeiten weiter aus und verstand es, auch die Betriebsräte und die IG Metall auf seine Seite zu bringen. In der Nutzfahrzeugbranche, die von der Investitionskonjunktur abhängt und stark schwankt, sei es besonders wichtig, auf eine sich verändernde Nachfrage schnell reagieren zu können.

Renschler weitet das weltweite Produktionsnetz aus

Auch das weltweite Produktionsnetzwerk weitete Renschler aus. Dieses hilft dem Konzern, bei seinen Lastern weltweit standardisierte Teile zu verwenden, die in großer Stückzahl eingekauft werden – und doch nah an den Märkten zu fertigen, die ganz unterschiedliche Anforderungen stellen.

Auch in seinem bisherigen Job als Mercedes-Produktionschef musste Renschler dicke Bretter bohren. Seit Jahren liegt Mercedes bei den Verkaufszahlen hinter den Konkurrenten BMW und Audi zurück, und Renschler kommt eine Schlüsselrolle bei den Anstrengungen zu, dies zu ändern. Eine ganze Reihe von strategischen Schritten hat Konzernchef Dieter Zetsche eingeleitet, um dieses Ziel zu erreichen – und viele davon gehören in die Zuständigkeit Renschlers. So gilt es, die Kosten der Fertigung stark zu senken – Ziel ist es, die Zahl der Arbeitsstunden pro Auto von früher 60 auf 30 Stunden zu verringern. Hier macht Daimler mit der neuen C-Klasse einen großen Sprung.

In der Autosparte nützt ihm seine Erfahrung mit Lastern und Bussen – denn auch die Autos werden zunehmend weltweit produziert. Die neue C-Klasse wird noch in diesem Jahr sowohl in Bremen als auch in der US-Stadt Tuscaloosa sowie in Südafrika und China erstmals vom Band laufen. Das stellt enorme Anforderungen an die Koordination der beteiligten Fabriken, an die Etablierung einheitlicher Prozesse, an die Weiterbildung der Mitarbeiter und an die Zusammenarbeit mit den Zulieferern. Am kommenden Dienstag wird in Bremen die erste neue C-Klasse vom Band laufen – dort ist das Leitwerk, von dem aus der weltweite Produktionsanlauf gesteuert wird.

Die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften verläuft geräuschlos

Wie sein Vorgänger Wolfgang Bernhard drängt auch Renschler auf eine höhere Produktivität in den Werken. Doch anders als Bernhard schafft er es, die Gewerkschaften nicht gegen sich aufzubringen. Bernhard war für den Betriebsrat ein rotes Tuch, seit er 2004 Mercedes-Chef werden wollte und über die Sparte wie über einen Sanierungsfall gesprochen hatte. Wenige Tage vor seiner Bestellung zum Mercedes-Chef musste Bernhard, der sich zudem in einer anderen Frage offen gegen den damaligen Konzernchef Jürgen Schrempp gestellt hatte, gehen. Dass Mercedes damals im Rückstand gegenüber den Konkurrenten geriet und diesen bis heute nicht aufgeholt hat, dürfte Bernhard heute als nachträgliche Bestätigung betrachten.

Bei Renschler läuft die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften dagegen geräuschlos. Gesamtbetriebsratschef Erich Klemm erklärte zu Renschlers Entscheidung: „Wir bedauern diesen Schritt.“ In gewisser Weise war es auch Klemm, der Renschler vor einem Jahr auf seinen neuen Posten geholt hat. Denn bei der Entscheidung über eine Vertragsverlängerung für Konzernchef Dieter Zetsche hatte sich die Arbeitnehmervertretung im Aufsichtsrat, der Klemm vorsteht, überraschend quergestellt und die Zustimmung von einer Versetzung Bernhards abhängig gemacht. Daraufhin tauschten Bernhard und Renschler ihre Posten.

Renschler hatte auch gute Aussichten, eines fernen Tages Konzernchef Dieter Zetsche zu beerben. Erfolgreich bewältigte Aufgaben, ohne die Belegschaft gegen sich aufzubringen – das macht sich gut, wenn es um den Chefposten geht. Aber für Renschler ist dieses Rennen nun gelaufen – und bisher gibt es nur Spekulationen darüber, warum er seine Daimler-Karriere so abrupt beendete. Vielleicht, weil er zu Volkswagen geht, um Chef der Lastwagensparte mit MAN und Scania zu werden, wie die „Stuttgarter Zeitung“ berichtet?

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