Die Mehrwertsteuersenkung soll die Konjunktur in Deutschland ankurbeln – zumindest beim Einkauf im Supermarkt wirkt sie sich aber nur geringfügig aus. Foto: Lichtgut/Leif-Hendrik Piechowski

Seit Mittwoch ist für ein halbes Jahr die Mehrwertsteuer gesenkt. 20 Milliarden Euro kostet das den Bund. Ein erster Preisvergleich zeigt: Verbraucher können in geringem Maß profitieren. Doch manche Firma braucht die Differenz dringend zum Überleben.

Stuttgart - Der Blick auf die Regale ist ungewohnt. Statt wie üblich 1,99 oder 2,49 Euro sind auf den Preisschildchen Zahlen wie 1,93 der 2,42 Euro zu lesen. Seit Mittwoch gelten in Deutschland für ein halbes Jahr verringerte Mehrwertsteuersätze – und der Supermarkt in der Stuttgarter Innenstadt hat pünktlich neu ausgezeichnet. Gerade die Lebensmittelbranche wirbt seit Tagen massiv mit den neuen Preisen, einige Discounter sind gar mit einem Frühstart forsch vorangeprescht.

Der Einkaufswagen ist gut gefüllt. Und zwar mit exakt denselben Produkten wie zwei Wochen zuvor. Nudeln finden sich da, Reis, Milch oder das längst wieder reichlich vorhandene Klopapier. 36,78 Euro macht das. Ein Unterschied von genau 1,12 Euro. Und dabei muss einer der Artikel noch zusätzlich im Preis gesenkt worden sein, denn der eigentliche Mehrwertsteuerabschlag hätte laut Kassenbon nur 77 Cent betragen.

Nach dem großen „Wumms“, den Finanzminister Olaf Scholz (SPD) bei der Vorstellung des 130 Milliarden Euro schweren Konjunkturprogramms der Bundesregierung angekündigt hat, will das alles nicht so recht klingen. Beim Verbraucher dürfte wohl eher ein kleines Wümmslein ankommen.

Große Hoffnungen

Dennoch sind die Hoffnungen nicht nur in der Politik groß. Der Handelsverband Baden-Württemberg etwa rechnet mit mehr privatem Konsum in den Geschäften – und dadurch mit einer kräftigen Stimulierung der heimischen Wirtschaft. „Die Mehrwertsteuersenkung, die wir als Verband begrüßen, wird die Umsätze im Einzelhandel kräftig ankurbeln“, sagt Hauptgeschäftsführerin Sabine Hagmann. Der Verband geht davon aus, dass die Mehrzahl der Geschäfte die Senkung direkt oder durch Rabattaktionen an die Kunden weiterreicht. Dafür sorge allein schon das große Echo der Steuersenkung in der Öffentlichkeit.

Auch der Verbraucherzentrale Bundesverband hofft auf positive Effekte. „Das ist das richtige Signal. Verbraucher könnten sofort von der Mehrwertsteuersenkung profitieren, aber dafür müssen Händler, Gastronomen und Dienstleister die Entlastung unvermindert an die Kunden weiterreichen“, fordert Vorstand Klaus Müller.

Allerdings sehen beide Verbände auch die Schwierigkeiten, die sich durch die Steuersenkung für viele Händler und Dienstleister ergeben. Gleich zwei Mal müssen Kassensysteme umgestellt und Preisauszeichnungen geändert werden. Der Handelsverband hat 400 seiner Mitgliedsunternehmen dazu befragt. „Die Umfrage zeigt, dass Prozesskosten und Aufwand für die technische und physische Umstellung eine sehr große Herausforderung darstellen“, sagt Sabine Hagmann. Deshalb gibt es eine Sonderlösung: Preise müssen nicht zwingend am Regal umgezeichnet werden. Es genügt der Rabatt an der Kasse. Hauptsache, am Ende steht weniger auf dem Kassenzettel als sonst.

Manche können Senkung nicht weitergeben

Das wird allerdings nicht überall der Fall sein. Denn die Praxis zeigt: So mancher Händler kann die Senkung gar nicht an die Kunden weitergeben, weil ihm das Wasser durch die Coronakrise bis zum Hals steht. Anders als die Supermärkte haben viele Branchen massiv Umsätze verloren. „Wir müssen dringend aufholen“, sagt etwa ein Metzger. Zugleich verlange der Staat neue Kassensysteme, die ihn 60 000 Euro kosteten. Da bleibe kein Spielraum für Rabatte. „Und rechnen Sie mal aus, wie viel Sie bei 200 Gramm Aufschnitt sparen würden“, sagt er und zeigt auf den Kassenzettel.

Überhaupt sind die Wege der Unternehmen vielfältig. Ein Friseur in der Stuttgarter Innenstadt etwa verlangt wie viele Kollegen seit Wiedereröffnung nach der Coronapause fünf Euro Zuschlag pro Kunde. „Den lassen wir jetzt einfach weg. Alle Preistafeln zwei Mal zu ändern wäre viel zu teuer“, erzählt er. Ein Gastronom ein paar Straßen weiter hat seine Preise überhaupt nicht geändert. „Wir hatten wochenlang geschlossen und sind froh, wenn wir ein bisschen was wieder reinholen können“, sagt er. Die Gäste hätten dafür überwiegend Verständnis, denn vielen sei es lieber, die Gaststätte gebe es noch eine Weile, als dass die Rechnung fürs Mittagessen um ein paar Cent geringer ausfalle: „Davon hat doch keiner was.“

Schwieriger Vergleich

Für die Kunden ist es ohnehin schwierig, Preise zu vergleichen. Viele Produkte unterliegen starken Schwankungen. Und es zeigt sich, dass ein genauer Blick auch dort lohnt, wo mit der Weitergabe der Steuersenkung geworben wird. Ein großer Sportartikel- und Outdooranbieter zum Beispiel hat die Preise für Zelte geändert – die Elektrofahrräder allerdings kosten genauso viel wie zuvor. Und wer sich bei einem Autohaus für die Basisvariante eines beliebten Mittelklassewagens interessiert, findet tatsächlich eine Preissenkung. Allerdings beträgt sie statt rund 500 Euro nur 114.

Und so bleibt Kunden wie Händlern nur das Prinzip Hoffnung – und die Sehnsucht nach dem großen Wumms.

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