Weltweit kommen Computertomografen zum Einsatz. Foto: AP

Der Börsenkandidat Siemens Healthineers beherrscht weite Teile der heutigen Gerätemedizin. Die Branche ändert sich aber technologisch rasant. Computer übernehmen immer mehr Aufgaben.

München - Experten rufen 2018 für Deutschland ein Jahr der Börsengänge aus. Deren größter könnte im ersten Halbjahr Siemens Healthineers sein, das Geschäft des Münchner Traditionskonzerns mit Medizintechnik. Auf 40 Milliarden Euro schätzen Analysten dessen Wert und eine Quote von 15 bis 25 Prozent, die Siemens am Frankfurter Parkett versilbern will. Mit bis zu zehn Milliarden Euro Emissionserlös erinnert das in der Dimension an den Börsengang der Deutschen Telekom 1996.

Täglich weltweit Millionen von Untersuchungen

„Wir sind Weltmarktführer in den meisten Geschäften“, erklärt ein Topmanager des Konzerns und meint damit Röntgenapparate, Computer- und Kernspintomographen oder Labordiagnostik. Rund 600 000 solcher Großgeräte haben die Healthineers in den letzten Jahren an Ärzte oder Krankenhäuser verkauft und damit eine große installierte Basis geschaffen. „Jede Stunde werden weltweit 210 000 Patienten auf einem unserer Geräte diagnostiziert oder behandelt“, verdeutlicht ein Healthineer-Manager die Bedeutung auch für Patienten. Kunden sind Spitzenkrankenhäuser vom Schlag der Berliner Charité oder große Forschungseinrichtungen, global gleichmäßig von Europa, über die USA bis Asien verteilt.

Bedeutend ist der Medizintechnikriese mit weltweit 47 000 Beschäftigten, davon rund ein Viertel in Deutschland, auch für Siemens. Seine Umsätze wachsen im Schnitt mit vier Prozent pro Jahr. Im Geschäftsjahr 2016/17 haben sie rund 14 Milliarden Euro erreicht. Das entspricht einem Fünftel aller Erlöse des Mutterkonzerns. Auf rund 50 Milliarden Euro beziffert der Konzern den Weltmarkt für die Geräte, die er baut. Rechnerisch macht das gut ein Viertel globalen Marktanteil. Das kommt nicht von ungefähr. Mit 12 500 bestehenden Patenten und rund 1600 neuen Erfindungen pro Jahr sehen sich die Erlanger weltweit als Technologieführer ihrer Branche. Umgemünzt wurde das 2016/17 in 2,5 Milliarden Euro operativen Jahresgewinn. Das steht für ein Drittel des gesamten Siemens-Profits. Es entspricht gut 18 Prozent Umsatzrendite, was konzernweit nur noch die Division Digitale Fabrik leicht übertrifft.

Langer Atem kann sich auszahlen

Das ist bemerkenswert für ein Geschäftsfeld, das Börsianer Siemens einmal dringend zum Verkauf empfohlen hatten. Langer Atem kann sich offenkundig auszahlen. Am stärksten aufgestellt sind die Erlanger bei bildgebenden Geräten, zu denen auch bis zu 16 Tonnen schwere in Forchheim gebaute Magnetresonanztomographen zählen, wobei es bei Ultraschallgeräten aktuell eine Schwachstelle gibt. In der Bildgebung ist der Weltmarkt für Medizintechnik so gut wie auskonsolidiert, sagen Experten. Per Zukauf können die Healthineers dort kaum wachsen. In der Labordiagnostik ist das anders und noch mehr beim jüngsten Standbein des Geräteportfolios. Das sind Assistenzsysteme für minimalinvasive Chirurgie. Die bringen bislang in der Radiologie verwurzelte Healthineers-Technik nun auch in den Operationssaal. Wer in der Hälfte traditioneller OP-Zeiten bei zugleich unter 0,2 Prozent Komplikationsrate minimalinvasiv mit einem kleinen Schnitt operieren will, braucht Sonden und Kameras, um im Körper eines Menschen sehen zu können. Die liefern die Erlanger.

Unterschiede sind selbst für Patienten offenkundig zu erkennen

Aufnahmen früherer Gerätegenerationen und heutige Innenansichten des menschlichen Körpers, machen auch für Laien Unterschiede zu moderner Technik offenkundig. Aus verschwommenem Schwarzweiß sind gestochen scharfe, teils dreidimensionale Farbaufnahmen geworden, die mehr an Hightech-Hollywoodfilme erinnern als an altbekannte Medizintechnik. Aber der Markt der Erlanger ist auch in anderer Hinsicht in Bewegung. Zum einen konsolidiert die Kundenseite. Aus einzelnen Hospitälern werden Ketten, deren Fokus sich verschiebt. Statt Kranke gesund zu machen, sollen Hospitäler Risikogruppen erkennen und helfen, die Entstehung von Krankheiten zu vermeiden. Zum anderen hält in die Gerätetechnik künstliche Intelligenz (KI) Einzug. Bezahlt werden in einem solchen System nicht mehr einzelne Untersuchungen sondern Behandlungserfolge. Teils hat die Zukunft schon begonnen.

In CT-Bildern werden autark Schlaganfälle oder Tumorwachstum erkannt

KI analysiert in ihr den Datensee, den medizinische Geräte produzieren. Sie erkennt in CT-Bildern autark Schlaganfälle oder Tumorwachstum, macht Vorschläge zur Befundung und Therapie. Das wird das Berufsbild speziell von Radiologen stark verändern oder sie einmal ganz überflüssig machen, auch wenn die Healthineers betonen, mit ihren smarten Medizingeräten Ärzte nicht ersetzen zu wollen. „Die Entwicklung bei digitalen Assistenzsystemen im Krankenhaus kann man ein Stück weit mit der Entwicklung hin zu selbstfahrenden Autos vergleichen“, räumt ein Healthineers-Manager ein. Wie dort bringt das in der Medizintechnik neue Fragen hinsichtlich Haftung und Datenrecht mit sich, die mit zunehmender Verbreitung digitaler Assistenzsysteme anwachsen.

Die Visionen sind groß. In einigen Jahren soll KI den Datensee aus medizintechnischen Geräten in den digitalen Zwilling einzelner Organe wie des Herzens verwandeln. Am Ende soll der komplette Körper jedes Patienten digital reproduzierbar sein. Chirurgen könnten dann heikle Operationen und anderes am Computer simulieren. Das alles wird noch viel Entwicklungsgeld kosten oder auch Zukäufe erfordern. Finanziell wappnet sich die Siemens-Abspaltung dafür demnächst per Börsengang.

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