Tätlichkeiten von sehr aggressiven Patienten sind in Stuttgart die große Ausnahme. Foto: AP

Die einen Patienten sind sauer, wenn sie kein Rezept bekommen, andere können das Warten nicht ertragen: Auch in Hausarztpraxen geht es heute mitunter ruppiger zu als in früheren Jahren.

Stuttgart - Die einen wollen ein Attest und sind sauer, wenn sie es nicht bekommen, die anderen wollen das lange Warten nicht hinnehmen: In den Hausarztpraxen geht es heute mitunter ruppiger zu als früher. „Der Respekt, der uns geschützt hat, ist weg“, sagt Markus Klett, der Vorstand der Stuttgarter Ärzteschaft. Manche Patienten „stampfen heute auf, wenn sie etwas nicht kriegen“, sagt Klett, der seit drei Jahrzehnten eine Praxis betreibt.

Klett steht nicht alleine da mit der Beobachtung, dass Patienten heute „ein höheres Forderungsverhalten“ haben und mitunter auch rücksichtsloser sind gegenüber anderen Patienten und dem Arzt. Ein bis zwei Mal in der Woche erlebe er in seiner Praxis „kleinere Scharmützel“ verbaler Art. Etwas heftiger könne es werden, wenn Menschen mit Drogen- oder psychischen Problemen auftreten. Deshalb hat Klett seine Mitarbeiterinnen auf Schulung zum Thema Umgang mit schwierigen Patienten geschickt. „Das muss man heute machen“, sagt er. Tätlichkeiten von sehr aggressiven Patienten seien aber die große Ausnahme. Das Geschehen hänge auch von der Größe der Praxis ab, was eine gewisse Anonymität bedeutet, und von ihrer Lage, sagt Klett.

Häufig gibt es Streit zwischen Patienten

„Je mehr Patienten, desto mehr passiert“, erklärt Ilona Russo. Sie organisiert die Notfallpraxis der Niedergelassenen Ärzte im Marienhospital. 30 000 bis 40 000 Patienten werden jedes Jahr behandelt. „Etwas aggressiver“ seien die Patienten heute schon. „Die Ansprüche sind gestiegen“, sagt Russo, die zwei Jahrzehnte Berufserfahrung hat. So mancher komme mit der Vorstellung, dass er sich mal kurz in der Notfallpraxis durchchecken lassen könne. Immer wieder gebe es „unschöne Szenen“, nicht zuletzt mit psychisch Kranken. Wie in anderen Notfallpraxen gibt es im Marienhospital daher einen Alarmknopf, der mit der Polizei verbunden ist.

Eine generell höhere Gewaltbereitschaft aber stellt Russo nicht fest. Ausreißer habe es früher schon gegeben. „Das ist normal. Damit muss man in dem Job umgehen können“, sagt sie. Dennoch hat sie einen Deeskalations- und Selbstverteidigungskurs gemacht. „Zum Glück hab ich den bis heute nicht gebraucht“, sagt sie.

„Hohe Dunkelziffer“ bei Übergriffen

Auch der Allgemeinarzt Alfons Brehm aus Bad Cannstatt, der seit drei Jahrzehnten praktiziert, findet, „dass die Leute anspruchsvoller geworden sind“. Eine dramatische Veränderung aber sieht er nicht. Heute sei es eben der Hustenblocker oder das Schmerzgel, was die Patienten am liebsten auf Rezept wollen, die Kasse aber nicht mehr bezahle. „Das erklärt man ihnen dann halt“, sagt der Mediziner.

Brennpunkte beim Thema aggressive Patienten sind nach wie vor die Notaufnahmen der großen Kliniken. Während es in den Praxen der Niedergelassenen in aller Regel bei verbalen Attacken bleibt, geht es in den Krankenhäusern auch mal handfest zur Sache. So hat man in der Interdisziplinären Notaufnahmen (Ina) des Katharinenhospitals 2016 bei knapp 36 000 Patienten 40 Übergriffe auf Ärzte und Pfleger registriert. Ein deutlicher Zuwachs: 2013 waren es 19 gewesen, 2014 schon 23, im Jahr 2015 dann 31. Und man gehe von einer „hohen Dunkelziffer“ aus, sagt Pressesprecherin Ulrike Fischer. Es handle sich „um ein zunehmendes Problem“. In der Ina sind daher nachts Sicherheitsleute im Einsatz, den Mitarbeitern wird ein Deeskalationstraining geboten.

Deeskalationstraining heute üblich

Auch in der Ina des Marienhospitals kennt man solche Konflikte, wenn es sich in der Regel auch vor allem um „Beleidigungen und Bedrohungen“ handle, sagt die Sprecherin Christine Unrath. „Zu Aggressivität kommt es vor allem zwischen Patienten, wenn die Wartezeiten länger sind.“

Aggressives Verhalten von Patienten kennt man auch in der Notaufnahme des Robert-Bosch-Krankenhauses (RBK). Der Ärztliche Direktor Mark Dominik Alscher spricht von einem „Phänomen, das man ernst nehmen muss“. Das RBK hat deshalb die Erfahrungen von 100 Mitarbeitern genau untersucht. Das Ergebnis: Hochgerechnet ist jeder Beschäftigte jährlich 90 verbalen und 60 körperlichen Attacken ausgesetzt. Immer wieder muss man die Polizei rufen. Deshalb wurden in der Klinik vier Beschäftigte der Problembereiche zu Deeskalationstrainern ausgebildet, die ihre Kenntnisse wiederum weitergeben. Erste positive Effekt hätten sich eingestellt, so Alscher.

Problem mit verschiedenen Ursachen

Die Ursachen für die Entwicklung sind vielfältig. Häufig können Patienten, die sich als Notfall betrachten, nicht einschätzen, warum ein anderer, schlimmerer Fall vorgezogen wird. Längeres Warten sei gerade bei jüngeren Leuten nicht mehr selbstverständlich. Der Ärztliche Direktor stellt bei manchen eine „gewisse Ich-Bezogenheit“ fest. Mit Migranten gebe es mitunter Verständigungsprobleme, was zu Missverständnissen führe. Wenn dann noch die ganze Familie dabei sei, die Druck mache, könne es schnell zur Eskalation kommen. Und bei dementen Patienten, die sich bedroht fühlen, komme es vor, dass sie Klinikkräfte kratzen oder beißen.

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