Hostessen auf Auto-Show in Miniröcken – seit Jahrzehnten gern getragen und gesehen Foto: dpa

Mary Quant, die Erfinderin des Minirocks, wird 80 Jahre alt. Die quirlige Britin löste mit dem Stück Stoff in den 60er Jahren eine gesellschaftliche Revolution aus, die bis heute nachwirkt.

London - Mary Quant, die Erfinderin des Minirocks, wird 80 Jahre alt. Die quirlige Britin löste mit dem Stück Stoff in den 60er Jahren eine gesellschaftliche Revolution aus, die bis heute nachwirkt.

Wäre diese Erzählung ein Film, würden die jugendlichen Ausgaben von John Lennon und Mick Jagger dazu singen. Denn jene Geschichte von Mary Quant liest sich am besten, wenn sie begleitet wird von der britischen Musik aus den 1960er Jahren. Langhaarige Männer bewegen sich im Takt, dazu wippen die Röcke der Mädchen. Die Beatles und die Rolling Stones stellten zu ­jener Zeit die Musikwelt auf den Kopf und schufen damit den Rahmen für die Designerin Quant, die keine Gitarren brauchte, um die Gesellschaft zu prägen, sondern lediglich ein Stück Stoff. Sie erfand den Minirock.

Die Britin ist eine der wenigen Menschen, die mit ihrer Mode Spuren in der Geschichte hinterlassen hat. Sie hat dem Beinkleid eine radikale Schrumpfkur verpasst und damit ein legendäres Kleidungsstück geschaffen. An diesem Dienstag feiert sie ihren 80. Geburtstag.

Es war Mitte der 50er Jahre, als immer mehr junge Menschen gegen die prüde Garderobe und altbackene Gesinnung rebellierten, die den Frauen sowohl die Beine als auch ihre Freiheit einschränkten. Mary Quant, gerade einmal 21 Jahre alt, eröffnete damals im Londoner Szene-Stadtteil Chelsea auf der berühmten King’s Road ihre erste Modeboutique, Bazaar. Die Lehrertochter wurde von ihrem mittlerweile verstorbenen Ehemann, dem wohlhabenden Alexander Plunkett-Greene, unterstützt, den sie an der renommierten Künstlerschmiede Goldsmith College in London kennengelernt hatte.

„Mode war damals nicht für junge Menschen gemacht“, sagte sie . Zu teuer, zu ungeeignet für den Alltag, schlicht „unmöglich“.

Sie wollte Kleider, in denen man dem Bus hinterherrennen und tanzen kann. Also ließ die zierliche Frau mit der charakteristischen Helmfrisur den Rocksaum weit über die kritische Knielänge wandern und entwarf die erste Mini-Kollektion, benannt nach ihrem Lieblingsauto. Sie interpretierte die Stimmung der damaligen Zeit und wandelte die Sehnsüchte der freiheitsfordernden Jugend in Mode um. Millionen junger Frauen – und Männer – waren begeistert.

Mit der Antibabypille verkörperte der ­Minirock das Symbol eines neuen weiblichen Selbstbewusstseins. Das Stück Stoff passte perfekt zu den Swinging Sixties in Englands Hauptstadt. Das britische Model Twiggy führte den Trend zu einem Höhepunkt.

Moralische Oberlehrer und die konservative Gesellschaft kämpften schockiert gegen den „obszönen Fummel“ und verschrien ihn als Zeichen des von Sex geprägten Zeitgeistes. Doch ihre Einwände gingen in den lauten Gitarrenklängen von Keith Richards unter. Mit der Zeit nahm die Länge der Röcke weiter ab und der Erfolg zu, bald exportierte Mary Quant sogar in die USA.

Eine amerikanische Teenagerin wurde gar von der Schule geworfen, weil sie mit ihrer Beinfreiheit die Lehrer provozierte. 25 Jahre später wurde das aufmüpfige Mädchen Chefredakteurin der US-„Vogue“. Ihr Name ist Anna Wintour.

Die Modeschöpferin Mary Quant prägte wie kaum eine andere den bis heute berühmten London-Look, den sie in aufwendig dekorierten Schaufenstern präsentierte: einfache Formen, schreiende Farben, weiße Plastikkrägen, Lacklederstiefel mit hohem Schaft und natürlich der Star ihrer Ideen, der Minirock. „Eigentlich waren es die Mädchen der King’s Road, die ihn erschaffen haben“, erinnerte sich Quant später. „Sie hörten nicht auf, noch kürzere Saumlängen zu fordern.“

Doch weil die Britin nie einen Skandal provozieren wollte, wie sie selbst sagt, und sich Strapse mit einem Minirock nur schwer kombinieren lassen, kreierte Quant ein ­weiteres Modestück, das heute nicht mehr aus den Kaufhäusern wegzudenken ist, die Feinstrumpfhose. So mussten selbst die ­feinen Damen, die mittlerweile ebenfalls dem Hauch von Stoff verfallen waren, nicht zu viel nackte Haut zeigen. Kleidung solle „Spaß machen“, sagte die Designerin immer wieder.

Im Jahr 1966 würdigte sogar Queen Elizabeth II. ihre Verdienste um die Mode und verlieh Quant einen Orden (nicht ganz 50 Jahre später würde sie wiederum herzogin Kate wegen ihrer kurzen Röcke rügen). Natürlich erschien die britische Modeschöpferin im Minirock im Buckingham-Palast. Doch später waren von Mary Quant auch häufig kritische Töne über ihre Erfindung zu hören, nachdem zunehmend auch Frauen mit kurzen und dickeren Beinen in knappen Röcken unterwegs waren. Schon 1969 stellte sie ihre Linie ein und vertrieb stattdessen unter ihrem Namen Kosmetik, Wäsche und Accessoires. Das Label mit dem stilisierten Gänseblümchen ist vor allem in Japan beliebt. 2000 stieg sie aus der Firma aus.

Heute lebt das einstige Stadtmädchen auf dem Land und arbeitet meist in ihrem ­Garten. Die Zeiten sind andere.

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