Was nun, Doktor Freud? Robert Finster als Sigmund Freud mit Ella Rumpf in der Netflix-Serie „Freud“ Foto: Netflix/ORF/Jan Hromadko

Marvin Kren steckt hinter der Netflix-Serie „Freud“: Der Mann, der vorher „4 Blocks“ gemacht hat, verrät, warum Sigmund Freud kokste und wie die Wiener Seele die Psychoanalyse prägte.

Berlin - Marvin Kren hat sich die Netflix-Serie „Freud“ ausgedacht, in der er den Erfinder der Psychoanalyse im Wien des Jahres 1886 auf Verbrecherjagd schickt. Wir haben den Filmemacher im Vorfeld der Weltpremiere der Serie bei der Berlinale in Berlin getroffen.

Herr Kren, Ihr Sigmund Freud hat wenig Ähnlichkeiten mit dem Freud, den man bisher glaubte zu kennen.

Stimmt. Wir haben ja alle dieses eine Foto vor Augen, das Sigmund Freud als altehrwürdigen Herren mit Zigarre in der Hand zeigt, der ziemlich finster in die Kamera schaut. Freud wollte, dass die Welt ihn so sieht. Er hat sich selbst als Marke inszeniert. Doch dass er all seine frühen Aufzeichnungen vernichtet hat, gibt uns eine gewisse Freiheit, wir zeigen ihn ja am Anfang seiner Karriere. Wir wollten diesem Mann aber trotzdem auch gerecht werden. Wir haben intensiv recherchiert: Wo hat er gelebt, wen hat er geliebt, welche Beziehung hatte er zu seiner Mutter, und wie fühlte es sich an, als junger jüdischer Arzt im Wien des späten 19. Jahrhunderts zu arbeiten, zu einer Zeit also, in der der Antisemitismus mehr und mehr zunahm. Wir wollten so wahrhaftig sein, wie es irgendwie geht, Freud aber gleichzeitig in einen Mystery-Thriller-Plot verwickeln.

Der junge Freud, von dem Sie erzählen, versucht sich auch als Hypnotiseur.

Viele halten Hypnose ja für Hokuspokus, ich eigentlich auch. Ich habe mich deshalb bei der Vorbereitung zu der Serie selbst hypnotisieren lassen. Und das Ergebnis war erschüttern. Bei mir hat das sehr schnell funktioniert. Ich habe es kaum ausgehalten, mir selbst so ausgesetzt zu sein und war hinterher total aufgewühlt und erschöpft. Das war eine ganz wichtige Erfahrung für mich. Bei Freud geht es ja eigentlich immer darum, deine geheimen Gedanken zu akzeptieren, das Ich infrage zu stellen, das Es ich dir zu akzeptieren.

In Freuds Strukturmodell der Psyche versucht das Ich zwischen dem animalischen Es und dem kontrollierenden Über-Ich eine Balance zu finden. Wenn man das auf die Arbeit an der Serie „Freud“ anwendet, die eine Koproduktion von Netflix und dem ORF ist, könnte man vermuten, dass Sie als Filmemacher das Ich waren, das zwischen dem Netflix-Es und dem ORF-Über-Ich hin und her gerissen wurde?

Nein, ich bin auf jeden Fall das Es! Aber mir ist klar, worauf Sie hinauswollen. Ich hatte vorher ja schon sowohl für einen Streamer als auch für das öffentlich-rechtliche Fernsehen gearbeitet und war mir tatsächlich nicht sicher, was ich erwarten sollte. Wir wissen ja, dass die ganz unterschiedliche Ansätze haben, und dass das Öffentlich-Rechtliche gerne großen Einfluss haben möchte, mitreden will, wenn es etwa um die Darsteller geht. Aber das Verrückte war: Beide haben mein Konzept gekauft, sie mochten die Drehbücher und haben mir den kreativen Raum gegeben, den ich brauchte

Und Sie erlauben sich ja tatsächlich einiges, Sie machen Freud nicht nur zum Helden eines Mystery-Thrillers, Sie lassen auch immer wieder das Unbewusste an die Oberfläche treten, etwa in der bizarren Szene, in der ein blutverschmierter Sänger plötzlich eine Arie aus Heinrich Marschners Oper „Der Vampyr“ singt.

Da zeigt sich wieder mal, dass es sich lohnt, zu recherchieren. Ursprünglich sollte der etwas aus „Der Zigeunerbaron“ singen. Doch dann haben wir herausgefunden, dass die Marschner-Oper genau zu jener Zeit tatsächlich in Wien gespielt wurde. Diese Arie spiegelt wunderbar die Idee wieder, dass unsere Seele von Monstern heimgesucht werden. Ich mag an der Szene auch, dass Freud beim Beobachten des Opernsängers seine eigene dunkle Seite erkennt. Und außerdem haben wir da ein „Taxi Driver“-Zitat versteckt. Robert Finster macht als Freud genau die gleichen Fingerbewegungen wie Robert De Niro in „Taxi Driver“, als er in einem Kino einen Porno sieht.

Sie zeigen das Wien, in dem Freud lebt, als einen Schmelztiegel der Kulturen.

Wien war das Babylon Berlin des späten 19. Jahrhundert. Bei solchen historischen Details sind wir sehr akkurat, haben viel recherchiert. Ich hatte vorher zum Beispiel nicht gewusst, dass Freud, seine erste Praxis im Sühnhaus hatte, das eine ziemlich düstere Vergangenheit hat. An dem Ort, an dem das Sühnhaus gebaut wurde, stand zuvor das Ringtheater, das während einer Aufführung abbrannte. Alle 400 Besucher starben. Hinterher musste sich selbst der Kaiser Vorwürfe gefallen lassen. Der ließ deshalb das Gebäude als eine Art Sühnezeichen erbauen. Das Sühnhaus ist ein neo-gotisches Gebäude, es sah also von Anfang an wie ein Gespensterhaus aus. Und keiner wollte darin leben, weil alle dachten, dass es darin spukte. Alle außer Sigmund Freud. Die Geschichte mit dem Haus war ein Geschenk für uns. Und wie in diesen Geisterhaus-Filmen wird das Haus ein bisschen selbst zu einem Protagonisten unserer Geschichte, im Verlauf der Serie wird die Verbindung zwischen Freud und dem Haus immer tiefer und tiefer.

Nicht bei allen Details sind Sie aber historisch korrekt: In Ihrer Serie behaupten Sie, Sigmund Freud und Arthur Schnitzler seien Freunde gewesen.

Stimmt, in Wirklichkeit waren sie das nicht. Sie kannten sich kaum, waren einmal zusammen essen. Sie mochten aber die Arbeit des jeweils anderen sehr. Deshalb haben wir sie zu Brüdern im Geiste gemacht. Diese Freiheit haben wir uns erlaubt. Sie müssen wissen, das Beste am Schulsystem in Österreich ist, dass man die ganzen Klassiker von Schnitzler lesen muss. Ich finde „Der Reigen“ ist ein großartiges Buch. Und die „Traumnovelle“ kann ich wieder und wieder lesen und entdecke jedes Mal etwas Neues. Ich mochte auch Stanley Kubricks Verfilmung, mit der ja viele Schwierigkeiten haben. Ich habe versucht, diese seltsame Atmosphäre aus der „Traumnovelle“ in die Serie einzubringen. Ich habe zwar zur Vorbereitung für die auch einige „Freud“-Filme angeschaut. Es gibt zum Beispiel einen von John Houston und einen von Axel Corti. Bei ihnen ist der junge Freud aber immer so der Archetyp eines Intellektuellen, der große Angst vor dem Leben hat. Wir wollen ihn mehr als eine etwas offenere und irgendwie spektakuläre Figur zeichnen. Auf der einen Seite ist er sehr intelligent und ehrgeizig. Auf der anderen Seite ist er rastlos, besessen von der Idee des Unbewussten und kokainabhängig.

Serienhelden mit einem Drogenproblem sind derzeit sehr beliebt.

Es gibt praktisch keine Serie mehr, in der die Hauptfigur nicht Drogen nimmt. Das halte ich für ein Klischee. Aber Freuds Biografie ist da eindeutig. Wir haben uns aber bemüht, erfinderisch zu sein, wir lassen ihn das Kokain nicht schnupfen, sondern aufgelöst trinken – und zwar präzise dosiert. Er protokolliert die Mengen, die er sich selbst verabreicht, so als ob es ein Selbstexperiment wäre, um herauszufinden, was die Droge mit ihm macht. Damals hat man Kokain ja auch nicht wirklich als Droge gesehen, sondern als Medikament und Freud hat es genommen, weil er dachte, das macht ihn zu einem besseren Wissenschaftler.

Ist die Wiener Seele wirklich so zerrissen, wie Sie das in Ihrer Serie behaupten?

Na ja Wir Wiener sind auf der einen Seite sehr charmant und können aber augenblicklich „grantig“ bis unfreundlich werden, wenn uns was nicht passt. Ich kenne kein Volk, dass so schnell die Stimmung wechseln kann und das auch nach Außen hin zeigt. Ich glaube dieser spezielle Wesenszug der Wiener war der perfekte Nährboden für Freuds Ideen.

Marvin Kren und die Serie „Freud“

Person Marvin Kren wurde 1980 in Wien geboren. Er ist der Sohn der Schauspielerin Brigitte Kren, die eine Nebenrolle in „Freud“ hat.

Karriere Der Horrorfilm „Rammbock“ (2010) war sein Regiedebüt. Er hat mehrere „Tatort“-Episoden ­inszeniert und in der ersten Staffel der in Berlin-Neukölln spielenden Gangster­serie „4 Blocks“ Regie geführt und war in der zweiten ausführender Produzent.

Serie Alle acht Episoden des Mystery-Thrillers „Freud“ sind bei bei Netflix abrufbar.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: