Heute prägt die Schnellgastronomie das Straßenbild in der Marienstraße. Der Eingang zum früheren Kali-Kino (Mitte) gleicht einem schwarzen Loch. Foto: Haar

Heute prägt die Schnellgastronomie das Straßenbild in der Marienstraße. Händler beklagen einen Mangel an Sauberkeit und Sicherheit. Nun will das Gerber an der Aufwertung der Marienstraße mitwirken.

Stuttgart - Der Familiennamen Colm hatte in Stuttgart einen guten Klang. Mit den Colms verband der Stuttgarter große Momente. Denn in den Filmtheatern der Colms ließen sich die Menschen gerne in andere Welten entführen. So auch im Kali Kino in der Marienstraße.

Wer heute vor dem Kali steht, schwelgt möglicherweise in Erinnerungen an die alten Zeiten. Reste in der Fassade sind noch erkennbar. Aber große Teile des alten Glanzes gammeln vor sich hin und verfallen. Damit ist dieses Stück Stuttgart ein Sinnbild für die Geschichte der Marienstraße. Wo früher der Eingang ins Kino war, klafft die Leere eines Ladens, in dem regelmäßig Pop-up-Stores mit Ramsch auf und zu machen.

Oliver Lozano, blickt mit einer gewissen Fassungslosigkeit auf diese Entwicklung. Denn der Spross aus der Schwäbischer Haller Lichtspiel-Dynastie Köhnlein ist emotional mit dem Kali verbandelt. Sein Großonkel Rainer Köhnlein war in der Blütezeit dem Kali sehr verbunden. Diese familiäre Cineastik erklärt die Betroffenheit: „Die Marienstraße war mal eine tolle Adresse, jetzt ist es nur noch traurig.“

Erinnerungen an goldene Zeiten

Andere kommen zur selben Einschätzung. „Aus der schönen Marienstraße ist eine billige Fressmeile geworden“, erzählen die beiden Verkäuferinnen von „Wolle Rödel“ im Chor. Ihr Blick zurück reicht bis in die 1970er Jahre. Aus ihrer Sicht goldene Zeiten. Damals habe es noch Geschäfte wie das Bekleidungshaus Schmitt, Radio Grüner, Confiserie Selbach oder das Kunsthaus Schaller gegeben.

Und jetzt? Jetzt ist es eine Straße mit zehn Schnellgastronomen, die mit ihrer Außenbestuhlung das Straßenbild prägen und ein Publikum anzieht, von dem „Wolle Rödel“ nicht unbedingt profitiert. So kämpft man auch dort, wie überall im Handel mit der Kundenmentalität: Beratung im Fachgeschäft holen, aber im Internet kaufen. Und dennoch kann sich der Wolle-Laden immer noch behaupten – in diesem Milieu zwischen Imbiss, Ein-Euro-Laden, Casinos und E-Zigaretten.

Wie schwer es ist, hier als Einzelhändler Geschäfte zu machen, beklagte auch Ulrich Meißner, Inhaber von Zoo-Schreiter an der Marienstraße 38 A, bevor er im Januar kapitulierte: „Der Standort gibt es nicht mehr her“, sagte Meißner damals, „man schließt aber so einen Traditions­laden nicht einfach so.“ 7000 Euro Miete war ihm zuviel und schreckt offenbar auch potenzielle Nachmieter ab. Immer noch steht der Laden leer. Am Schaufenster steht: „Provisionsfrei zu vermieten.“ Ein Lockruf, der auch ein paar Häuser weiter gilt. Sogar Büros werden so feilgeboten.

Kampf gegen Qualitätsverlust

Wer sich in der Marienstraße umhört, bekommt viele Erklärungen für den Qualitätsverlust. Die Damen von Wolle Rödel nennen auch die Stichworte Sauberkeit und Sicherheit. „Es gibt nur eine offizielle Mülltonne der Stadt in der Straße“, sagen sie. Die zweite, bewegliche Tonne stammt von der Fast-Food-Kette Mac Donald’s. Man wünsche sich auch in dieser Hinsicht mehr Engagement von Stadt. Besonders im Winter und in der Weihnachtszeit: „Hier gibt es keine Weihnachtsbeleuchtung.“ Noch gravierender sei jedoch, dass die Straße seit der Eröffnung des Einkaufszentrum Gerber nun auch Heimat für einige Wohnsitzlose geworden sei, die früher unter der Paulinenbrücke zu finden waren. „Manche sind so dreist, dass sie sich Essen von den Tischen der Gäste in der Außengastronomie klauen“, berichten die Wolle-Verkäuferinnen.

Apropos Gerber. Manchem wird noch in den Ohren klingen, wie der damalige Centermanager Helmut Koprian zum Start das hehre Ziel formulierte: „Die Marienstraße soll die Verlängerung der Königstraße werden und so Kunden ins Center führen.“ Von diesem Wunschbild ist die Marienstraße derzeit so weit entfernt wie der Mond von Wanne-Eickel. Das räumt auch das aktuelle Centermanagement ein: „Man sieht die Probleme der Marienstraße, aber für das Gerber zählt vor allem die Frequenz dieser Fußgängerzone und die ist sehr stark. Der Eingang an der Marienstraße ist der frequenzstärkste des Gerber mit täglich im durchschnitt rund 12 000 Besuchern.“

Gleichwohl sei man bestrebt „die Aufenthaltsqualität rund ums Gerber weiter zu entwickeln“, so das Centermanagement: „Wir haben den Eingang an der Marienstraße im Blick. Über eine hochwertige Außengastronomie soll im kommenden Jahr auch dort die Aufenthaltsqualität gesteigert werden.“

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