Die meisten Besucher des Marienplatzfestes unterstützen die bunte Veranstaltung nur zu gern. Andere sagen sich: Ich hol’ mir Billigbier im Supermarkt, das Geld für das Fest fällt bestimmt vom Himmel. Foto: Andreas Rosar/

Fremdbier auf einem Straßenfest zu trinken ist nicht verboten, aber maximal unanständig. Wer so was macht, hat nicht verstanden, wie Gemeinschaft in der Großstadt funktioniert, kommentiert Sascha Maier.

Stuttgart - Stellen wir uns vor, wir gehen in irgendeinem Dorf auf ein Vereinsfest, Hans zapft das Bier, um die Vereinskasse aufzubessern, Helga grillt Würstchen und Horst verkauft seinen selbstgemachten, berühmten Most. Und jetzt stellen wir uns vor, wir packen unseren Rucksack im Supermarkt mit Sixpacks und billigem Wein voll, holen die Flaschen dann unter der Bierbank hervor, während Hans, Helga und Horst an ihren Ständen verwaisen. Wehe, wenn wir erwischt würden.

An vier Tagen Marienplatzfest in Stuttgart hat sich Vergleichbares abgespielt, auch wenn ehrlicherweise kein Essens- oder Getränkestand zu irgendeinem Zeitpunkt verwaist war. Trotzdem hieß der bestbesuchte Stand am Platz Rewe. Der Bühnenappell von Reiner Bocka vom Café Galao, einem der Veranstalter, die regionalen Stände zu unterstützen und bitte auf Supermarktware zu verzichten, fand teilweise Gehör.

Wer hier Gastro wagte, den nannte man irre

Das Verhalten einiger Besucher, möglichst billig Getränke abzustauben und die Musik, das Ambiente, die Stimmung zu genießen, ist zwar nicht verboten, aber maximal unanständig. Als würde so etwas wie das Marienplatzfest in der Großstadt, dieser Hort der Glückseligkeit für viele junge Zugezogene, die den Schrecklichkeiten des Landlebens entkommen konnten, an Orten wie diesen einfach wie Blümlein aus dem Boden sprießen.

Es steht hier ein gemeinnütziger Verein dahinter und engagierte Macher, wie ungefähr bei jedem anderen Straßenfest in Stuttgart auch. In ein hippes Viertel ziehen und sich am gemachten Nest erfreuen ist ein Schlag ins Gesicht derjenigen, die daraus erst einen so lebenswerten Ort gemacht haben. Manche werden sich noch erinnern, was der Marienplatz früher war. Eine Betonwüste, die ersten, die hier Gastro gewagt hatten, nannte man irre. Danke auch.

Vielleicht einfach zurück aufs Land ziehen

Das soll jetzt auch nicht heißen, dass man jeden Pleite-Studenten verurteilen muss, dem im Moment vier Euro für ein Bier zu viel sind und halt trotzdem mitfeiern will. Aber von denen, die da mit Bierkästen vom Supermarkt rumsaßen, waren nicht alle Pleite-Studenten. Und es ist Monatsanfang.

Vielleicht sollten manche von denen, die in eine Stadt immigrieren und alle Annehmlichkeiten annehmen, aber nichts zurückgeben wollen, einfach zurück aufs Land ziehen. Denn wer Verräterbier trinkt, liebt seinen Kiez nicht. Und braucht auch von seinem Kiez keine Gegenliebe erwarten.

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