Mit den Kräuterbuschn in die Kirche: Prozession in Kochel (Oberbayern) Foto: dpa

Heute ist in Bayern Feiertag, jedenfalls dort, wo die Statistik das zulässt.

München - Gnotzheim ist eine Insel. 804 Einwohner zählt das Dorf in Mittelfranken, und auf der Karte des Statistischen Landesamts liegt Gnotzheim blau eingefärbt in einem Meer von weißen Gemeindeflecken drumherum. Blaue Orte wie Gnotzheim, die haben am Mittwoch Glück. Denn das sind Gemeinden mit mehrheitlich katholischer Einwohnerschaft, und für die ist heute arbeitsfrei. Feiertag. Mariä Himmelfahrt. Wer heute blau machen darf nach dem Bayerischen Feiertagsgesetz, das entscheidet das Statistische Landesamt jeweils auf Basis der Volkszählung. Letzter Stand: 2011. Die Verhältnisse sind eindeutig. Als katholisch gelten aktuell 1704 Gemeinden; nur 352 werden als mehrheitlich protestantisch geführt. Diese liegen in Ober- und in Mittelfranken, seit die Hohenzollern als „gebürtige“ Nürnberger und als Luther-Fans der ersten Stunde ihre Grafschaften dort reformiert haben. Also seit knapp fünfhundert Jahren.

Die einst freie Reichsstadt Nürnberg, dazu Fürth und Erlangen, das sind dann auch die einzigen bayerischen Großstädte, in denen heute gearbeitet wird. Größere Beschwerden dagegen sind bisher nicht bekannt. Denn „arbeiten“ heißt ja auch, dass die Geschäfte aufhaben. Und die verdienen an Mariä Himmelfahrt sehr ordentlich, wenn die Katholiken aus ihren „geschlossenen“ Gebieten drumherum zum traditionellen Shopping anreisen.

Frei für alle Katholiken

Zum anderen ist das bayerische Gesetz so liberal, dass es auch jene Katholiken schützt, die heute in protestantischen Gemeinden schmachten: Sie alle dürfen heute der Arbeit fernbleiben. Sie müssen dann unter Umständen nur mit Lohnausfall rechnen. Überall arbeitsfrei ist heute in den Regierungsbezirken Ober- und Niederbayern, Unterfranken, in Schwaben und der Oberpfalz – wobei letztere dieses Glück einer brutalen Rekatholisierung im Dreißigjährigen Krieg verdankt. In allen katholisch-altbayerischen Bezirken findet heute am „Hohen Frauentag“ auch die Kräuterweihe statt, und dieser Brauch ist doppelt so alt wie jede friedliche oder gewaltsame Reformation: kunstvoll komponierte „Kräuterbuschn“ werden in der Kirche gesegnet, um daheim Wohnung, Scheune und Stall vor Unheil zu bewahren. Und wenn’s die nächste Volkszählung ist.

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