Margot Käßmann begeistert das Publikum auf dem Kirchentag in der Schleyerhalle Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Margot Käßmann, Bibelarbeit in der Schleyer-Halle, vor Tausenden Hörern. Die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland hat nichts von ihrer Faszination verloren. Eine protestantische Menschenfischerin.

Stuttgart - Margot Käßmann ist begeistert. „Ich freue mich darauf. Herzlich Willkommen.“ Die Hanns-Martin-Schleyer-Halle ist fast völlig gefüllt. 10.000, 12.000 oder 15.000 Menschen. Der Applaus ist gewaltig. Margot Käßmann liest die Bibelstelle vor – das Gleichnis vom gerechten Verwalter. „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“

Käßmann hat gleich einen direkten Draht, zieht mit den eresten Sätzen die Menge in Bann. Sie redet mit Manuskript, doch ohne am Papier zu kleben. Sie redet ohne erkennbare Nervosität, aber durchaus mit Tempo. Die 58-Jährige hat Temperament. Sie trägt ein dunkelblaues Sommerkleid, und hat den roten Kirchentagsschal um die Schultern gelegt.

„Können wir Widerstand in diesem System?“ Margot Käßmann wäre nicht sie, würde sie nicht politisch predigen. Sie hält inne. Ein Lied, Posaunenchor, los geht’s. „Knallharte Durchsetzungspolitik. Ein Herr Piech des Neuen Testament.“ Reichtum an sich werde in der Bibel nicht verurteilt, aber es gehe um den rechten Umgang mit dem Reichtum. Eine welt ohne Macht ist Illusion.“

Das Erlassen von Schulden sei biblisches Gebot

Der Verwalter, von dem die Bibel redet, sitzt in der Falle. Doch Käßmann bleibt nicht bei der Erzählung. Sie aktualisiert den Bibeltext, zieht Vergleiche zu Christian Wulf, zu jenen, die die „mediale Durchleuchtung“ erleben müssen. Dieser Mann ist keine Robin Hood der Armen. Er weiß: Beziehungen sind alles.“ Das Erlassen von Schulden sei biblisches Gebot. Das sollte Freiheit ermöglichen. Könnten auch Staaten Schulden erlassen bekommen? Wie Griechenland. Applaus.

„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“. Sie zitiert Helmut Schmidt, den Realpolitiker. „Vielleicht brauchen wir Regelbrüche, um Visionen zu leben.“ Sie hält inne. „Vielleicht sollten wir die Idee an den G7 –Gipfel schicken.“ Die Halle bebt vor Lachen. Die Ex-Bischöfin hat die Menge im Griff, Sie redet vom Vertrauen. „Gehört die Welt dem Mammon oder sind wir frei?“

„Sonne der Gerechtigkeit“, der Reformationsklassiker ertönt. Innbrünstig singen die Tausenden. „Weck die toten Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit, dass sie deine Stimme hört.“ Käßmann sing mit, kräftig, mit ebensolcher Inbrunst. Die kleine, schmale auf der Bühne mit dem grau-schwarzen Kurzhaarschnitt beherrscht die riesige Halle. Nichts hat sie von ihrem Nimbus verloren. Authentisch wirkt sie, echt und aufrichtig, eine rechte Protestantin, die gegen die Mächtigen aufbegehrt und ihnen die Leviten liest.

Kein geistliches Geschwafel, kein langweiliges Kanzel-Gerede. Nein, Margot Käßmann ist lebensnah, direkt, sie spricht die Menschen in ihren Herzen an. Sie sei keine Wirtschaftswissenschaftlerin, sondern Theologin und nur als solche könnte sie etwas sagen. „Nach christlichem Verständnis ist niemand mehr wert als der andere. Weder der Reiche noch der Mächtige.“

Monopoly – das seien die Grundregeln des Kapitalismus

„Wo ist das Geld?“, fragt Käßmann. „Wer hat die Blase aufgeblasen? Hinter dem Markt stehen Menschen, die gieren und sie sollen zur Rechenschaft gezogen werden.“ Applaus. „Warum sollen mit meinen Steuergeldern gierige Banken finanziert werden? Das Geld hat zur Bereicherung einiger Reichen gedient.“ Monopoly – das seien die Grundregeln des Kapitalismus. „Schulden entstehen ganz schnell. Die Schufa, die NSA unseres Einkaufsverhaltens.“ Lacher. Sie redet über Schulden, verschuldete Konsumenten, verschuldete Staaten, Griechenland und die Banken. In Käßmanns Welt ist alles plausibel, alles durchsichtig, alles Klar. Und sie gibt Weisung.

Dann ist sie bei ihrem Lieblingsthema: globale Rüstungspolitik und Friedenethik. Sie redet über den Rüstungsmarkt, die Verquickung der deutschen Banken, über das Gesetz des Marktes. „Hier zeigt sich Gier und Verantwortungslosigkeit. Moralische Maßstäbe fallen da weg.“ Der Verwalter in der Bibel durchbreche die Regeln der Welt des Mammons und stärke Beziehungen.

Sie schafft es in wenigen Worten den Bogen zu schlagen von der gierigen Welt der Banken und Rüstungsprofiteure zur Bibel, zu Gott, zur christlichen Gemeinschaft. „Ehre sei Gott und dem Menschen Frieden auf Erden. Halleluja.“ Die Inbrunst in den Stimmen wird stärker und stärker, die Herzen öffnen sich. Käßmann zaubert ein Lächeln auf die Gesichter – eine Magierin des Wortes. Populistisch? Nein, einfach nur eine tolle Rednerin mit Charisma.

„Wir hatten schon Angst das Singen zu kürzen, damit der Bundespräsident pünktlich in die Halle kommt.“ Lachen, Applaus. „Es macht Spaß mit ihnen zu singen.“ Auswege? Margot Käßmann kennt sie. „Das richtige Leben?“ Sie zitiert den Philosophen Theodor Adorno, die Theologen Augustinus und Martin Luther. Immer wieder Luther. „Nur durch eigenes Zutun ist die Vermehrung gerechtfertigt, sonst wird Mammon zum Götzen.“ Wucherzins bleibt unentschuldbar. „Wucherzins ist anzuprangern, genauso wie die immensen Schulden.“

„Es ist Sünde vor Gott, wenn Menschen durch Spekulation reich werden wollen.“

„Geiz ist nicht geil, auf keine Art und Weise.“ Klatschen. „Es ist Sünde vor Gott, wenn Menschen durch Spekulation reich werden wollen.“ Wer geben kann, fühle sich gesegnet. Aber Gier, Wucher, Ausbeutung? Nein, sagt Käßmann, wuchert mit den Pfunden, die ihr habt, aber seid nicht gierig. „Denkt an das Gemeinwohl. Es ist nicht die Wirtschaft, es sind Subjekte, die agieren.“

„Armselige Egomanie unsere Zeit“. „Das Herz dieser Gesellschaft hängt am Geld. Jeden Abend vor den Nachrichten hören wir wie es dem Dax geht.“ „Wenn eine Marke beim Dax geknackt wird, das ist beknackt.“ Statt Börse im Fernsehen sollten die neuesten Zahlen über aufgenommene Flüchtlinge gesendet werden. „Liebe, Vertrauen Gemeinschaft – das ist nicht käuflich, doch daran sollte unser Herz hängen.“

Doch es ändert sich was. Margot Käßmann macht Mut. Was Braucht der Mensch? Eine Ethik der Liebe, an die sich die Menschen auch halten. „Von Hartz kann man nicht würdig leben.“ Es brauche ein Grundeinkommen für menschenwürdiges Leben.

Ein kurzer Blick auf die Uhr. Sie hat noch zehn Minuten. Dann muss die Halle für die Rede des Bundespräsidenten bereitstehen. Sie gestikuliert, breitet die Arme aus. Auf der großen Leinwand über der Bühne ist ihre Mimik zu verfolgen. „Durchbrüche brauchen wir. Deshalb vertraut den neuen Wegen.“

„Sehr gut. Tolle Rede“, sagt ein Mann nebenan spontan. Käßmann hat den Ton getroffen, die Hörer abgeholt, begeistert, auf den Tag eingestimmt. Wie gesagt: Eine Magierin des Wortes.

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